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, ich begriffe nicht, was einem Herzen möglich ist, das dulden kann und hofft. Aber nun öffnen sich auch die Himmel und die Genien der Liebe reichen mir den Kranz der Bewährung und des seligsten Lohnes! Egon, ich werde dich wiedersehen, dir in's Auge blicken, den Kuss deiner Lippen fühlen. Ich zähle die Minuten, ich begreife nicht, wie mich die Vorsehung mit dieser Langmut ausstattete, ich erkenne mich nicht. Mein geliebter Egon! Wie konntest du fliehen? Fliehen vor einem Herzen, das ohne dich brechen muss? Lass mich leben! Leben in deiner wiedergewonnenen Liebe! Ich habe unter den Erinnerungsblättern an unser Glück heute das letzte angefangen, eine kleine Zeichnung des Tempels, den ich unserer Liebe auf meiner Villa in Enghien bauen wollte. Alle diese Skizzen, die ich nur mit ungeübter Hand entwerfen konnte, sind mein einziger Trost in dieser Einsamkeit gewesen. Der See, die Terrasse, der alte Eichbaum auf der Höhe des Waldrückens, die grosse Ebene mit dem Bahnhofe, meine kleine Veranda, die du so liebtest und so zierlich schmücken halfst, alle diese Blättchen hab' ich im Vertrauen auf die Macht der Liebe, die auch die Schwingen des Talents kräftiger heben lehrt, als sie von natur fliegen würden, mit zitterndem Bleistift hingeworfen. Ich suche einen Maler, der mir würdig scheint, sie auszuführen; dann überrasch' ich dich mit den Erinnerungen an schöne Tage. O sie werden wiederkommen! Egon, hast du denn nicht Mitleid mit mir? Nur ein Wort der Erquikkung für meine zehrende sehnsucht! O lass mich bald an deinem Herzen ruhen, mein Geliebter, mein einziger, einziger Egon!"

Es war Dies eine Apostrophe, wie sie Egon seit vierzehn Tagen in immer gleichen Lauten der Verzweiflung, der Liebe und der ohne Weiteres vorausgesetzten Wiedervereinigung erhielt. Als er das Papier gelesen hatte, summten ihm im Gedächtniss die Shakespeare'schen Verse:

Wenn Ihr Euch meiner nicht erbarmt, mein Lieber,

Baut' ich an Eurer Tür' ein Weidenhüttchen

Und riefe meiner Seel' im haus zu,

schrieb' fromme Lieder der verschmähten Liebe,

Und sänge laut sie durch die stille Nacht,

Liess' Eure Namen an die Hügel hallen,

Dass die vertraute Schwätzerin der Luft

Olivia! riefe! O ihr solltet mir

Nicht Ruh' geniessen zwischen Erd' und Himmel,

Bevor Ihr Euch erbarmet!

Beide Freunde schwiegen ... Was ist da zu tun? begann Egon nach längerm schmerzlichem Nachdenken. Nur zu wachen, sagte Louis ernst, dass diese Liebe männlich bleibt, deine Gedanken nicht verweichlicht, deine Entschlüsse nicht lähmt. Ah! sagte Egon, diese Liebe ist doch ein Unglück. Damit richtete er sich auf.

Das Gespräch hatte ihn nicht erschöpft. Die Sprossen auf der Leiter der Gedanken, die er langsam wieder zu erklimmen versuchte, brachen nicht. Er fand sich in seinen Erinnerungen zurecht und aus der wiedergewonnenen Kraft des Geistes teilte sich, stärkend, eine Belebung des ganzen Körpers mit. Er fasste Louis' Arm und wandelte zwischen den Blumenbeeten.

Sie kamen in die Gegend jenes Pavillons, dessen Inneres Künstlerhände für die lebhafte und bequeme Phantasie des alten Fürsten Waldemar, des Generalfeldmarschalls, geschmückt hatten.

Egon kannte dies Innere und betrachtete nachdenklich die angelehnten grünen Jalousieen. Er besann sich, ob er nicht einst Jemanden eingeladen hatte, sich in diesem saal, unter Spiegeln, Blumen und kerzenstrahlenden Lüstres die geschichte seiner Liebe erzählen zu lassen ... noch wollten aber solche Gedanken nicht haften. Nur wie auf flüchtigen Sommerfäden zogen sie an ihm dämmernd vorüber und streiften sein Gedächtniss ...

Sie traten dem Pavillon näher. Egon besann sich schmerzlich lächelnd auf dessen Bestimmung und öffnete leise eine der Jalousieen.

Kaum war Louis, der sich eben, weil die Gartentür ging, umgewandt hatte, von ihm veranlasst worden, gleichfalls einen blick auf diese üppige Einrichtung zu werfen, als er die Jalousie auch sogleich fallen liess.

Träum' ich? rief Egon oder sah' ich ...

Louis bemerkte seinen Schrecken und trat näher.

Als auch er die Jalousie fallen liess, schüttelte er den Kopf und schien nicht begreifen zu können, warum er noch staunte.

Es war ein Spiegelbild Helenens! sagte Egon.

Wohl muss es die Gräfin d'Azimont sein, erklärte Louis.

Irgendwo wird sie in dem Pavillon verweilen. Der Spiegel fing sie von dieser Seite her wie ein lebendes Bild auf.

Sie schlief? sagte Egon.

Sie schien zu schlafen ... sie ruhte nur.

Der Spiegel empfängt seinen Reflex von jener Seite her, wo das Badezimmer meines Vaters ... Komm, Louis! Komm!

Damit wollte Egon stürmisch zu jenem Fenster hin, wo die magische rote Beleuchtung einer Kuppel auf eine zierliche Rotunde fiel, deren Bilder, Statuen, Vasen wir bereits oberflächlich kennen und erst später gründlicher betrachten werden.

Auch Louis begriff nicht, wie die Gräfin dortin gelangen, dort auf einem Divan in beinahe phantastischer Kleidung schlummern konnte. Er glaubte an den Reflex eines dort aufgehängten Bildes ... Er schickte sich an, dem Prinzen zu folgen, der den Eingang nur vom hof aus gewinnen konnte und in stürmischer Eile mit trunkenen Sinnen, wie elektrisirt, das schöne verführerische Ziel suchte.

Doch in diesem Augenblick hielt sie Sanitätsrat Drommeldei auf.

Ei, ei, wohin so rasch? rief der Arzt und schlug Egon auf die Schulter.

Dieser wandte sich, unangenehm überrascht, und hätte sich gern von