hätte sie die verwandelte Seele Louison's begrüsst ...
Ich klage dich nicht mehr an, mein Freund, sagte Louis. Du hattest uns getäuscht, aber auch dich selbst. Schon als wir von Lyon zur Erweiterung unsres Geschäftes nach Paris zogen und von Jagellona, der Tante, ja den Ältern selbst die Grabeshügel zurücklassen mussten, war die erkenntnis über dich gekommen, dass dir die Kraft fehlen würde, diese Rolle länger fortzuspielen ...
Keine Rolle! rief Egon. Nie, nie hab' ich daran gedacht, dass ich jenen arkadischen Schäfern von Navarra nachahmen wollte, die sich in Schäfer nur verkleideten. Ich war so mit mir einig, als Franz Rudhard in Paris zu wirken, meinen deutschen Beziehungen zu entsagen, dass ich es der Mutter kurz vor ihrem tod nach Hohenberg schrieb und für immer von meinem vergangenen Leben mich lossagte.
Eine Schwärmerei, sagte Armand, von der dich die Fahrt auf dem See von Enghien heilte! Jene weichen arme der Liebe öffneten sich, für die du geboren bist! Damals, als ich noch glaubte, dein Name wäre Franz Rudhard, hätt' ich dich morden können, dass du die Schwester verliessest, die dir Alles geopfert hatte. Sie hielt mich zurück, sie hoffte auf deine Wiederkehr. Sie hoffte, bis der Tau der Nächte ausblieb und die Blume keine Tränen mehr hatte. Sie verwelkte. Ich erhalte einen Auftrag für eine Villa in Enghien, ich soll zu einem Tempel der Freude und des Glückes den Schmuck, die Vergoldungen und Spiegel zaubern, ich komme in das Boudoir jener Frau, wo Louison einst in deinen Armen sich von dem Unglück einer Wasserfahrt erholte ...
Schweige, Louis, schweige! rief Egon.
Und Louis, erschreckend über sich selbst, fiel rasch ein:
Vergebung! Vergebung! Was beginn' ich mit einem Kranken! Der Schmetterling auf diesem Papiere war das Bild der Versöhnung und ich hatte dir ja auch nur zu sagen, Egon, dass ich um Egon's willen Franz vergab. Schon als du uns verlassen hattest, ahnten wir deinen höhern gesellschaftlichen Ursprung, aber als ich auf dem frischgeschaufelten grab Louison's erfuhr, dass du ein Prinz bist, Sprössling eines vornehmen Hauses, dass du aus Liebe zu dieser toten, aus Liebe zu dem bescheidenen Leben der Armut, aus Hingebung an die grosse Sache der Arbeit, deinem stand, deinen Titeln, allen Vorteilen deiner Geburt drei Jahre entsagen lernen, arbeiten konntest ... o, Egon, und wenn die Grabeshügel der Ältern auf den Tod meiner Schwester erst gefolgt wären, statt dass sie ihr vorangegangen, wenn das Herz des zu seiner Sphäre zurückkehrenden Jünglings mir das Leben der eignen Geliebten geraubt hätte ... wer weiss, ob ich nicht vergeben hätte um dieses heroischen Entschlusses willen, um eine Tat, so einzig und gross, dass ich alle eigenen Schmerzen vergass und dein blieb, Egon, um der Sache des Volkes und der Menschheit willen!
Und ich verspreche dir, sagte Egon feierlich, dass diese von Patschouli duftende Verlockung – er zeigte dabei auf das noch ungelesene Papier – mich nicht aus der Bahn entfernen wird, auf der wir uns wieder begegneten und dein reines Herz meiner elenden Schwäche vergeben hat!
Geliebt zu werden ist süss! warf Louis ein, um die Selbstanklage Egon's zu mildern.
Ich sehe ratlos, fuhr Egon fort, auf die schmeichelnden Worte, die ich nun seit acht Tagen von dieser Unbesonnenen erhalte, die mir von dem Herzen Frankreichs hierher nachreist und an eine Trennung unserer Wege nicht zu denken scheint! Ich zittre vor dem Wiedersehen. Es ist etwas in mir, das mir sagt: Louison's Schatten verlangt die Sühne der Trennung von Helenen ...
Nein, nein, fiel Louis ein, Louison's Schatten ist gesühnt durch unsere Versöhnung an ihrem grab. Hätte sie geahnt, was du ihr zum Opfer brachtest, wer weiss, ob die Vernunft nicht Trostgründe geboten hätte, die heilend wirkten. Man soll nicht Liebe von sich stossen; nie! nie! Das Leben ist zu arm daran. Wenn ich nur nicht fürchten müsste ...
Louis stockte und blickte zufällig auf den Pavillon ...
Egon foderte ihn auf zu reden. Lies diesen Brief! sagte Louis, um noch auszuweichen ... Egon entfaltete das duftende Papier und las, was ihm Helene d'Azimont mit ihrer zierlichen kleinen Hand geschrieben hatte.
Zweites Capitel
Der Pavillon
Helene schrieb Egon in deutscher Sprache:
"Heute, mein geliebter Egon, sind sechs Wochen vorüber, als ich vor deinen Fenstern im Wagen hielt, mitten in der Nacht, eben von der Reise gekommen. Ich konnte nichts von dir entdecken als den Schimmer eines Lichts, das vielleicht vor deinem Lager stand, als du schon die Annäherung dieser schrecklichen Krankheit, die dich niederwerfen sollte, fühltest. O welches rauschende Leben glaubt' ich zu finden, einen belebten Palast, auf- und abschwirrende Diener, hellerleuchtete Fenster, Wagengerassel ... und ich fand ein fast ausgestorbenes Haus, in dem nur mein Egon lebte, nur sein Pulsschlag mir hörbar erschien. Wie hab' ich seitdem die Schläge meines Herzens gezählt! Wie mich mit dem Ohr auf die Erde gelegt, um etwas von dir zu vernehmen! O Gott, Das ertragen zu sollen! Wenn ich zurück denke und mir noch einmal vorstelle, dass ich in einer Stadt mit dir leben und dich nicht sehen sollte