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diesem Verhältnisse zurecht finden!

Geliebt zu werden, sagte Louis, ist wohl nur dann eine Last, wenn man nicht wieder liebt.

Wie soll ich das Gefühl nennen, das mich an diese Frau fesselte! fuhr Egon fort. Seit dem Tage am See von Enghien, wo Louison ihren Tod, wenn er einmal beschlossen war, glücklicher gefunden hätte als nach meiner Untreue; welche Umwälzungen meines inneren! Ich floh, um meinen Erinnerungen zu entrinnen und sie überholen mich und lassen mich nicht wieder los. Das sind die Erinnyen der Fabel.

Man muss, sagte Louis mit Fassung und ohne die geringste Zurückhaltung zu Nutzen seiner eignen Ansprüche auf Egon, man muss den Lauf der natur in seiner Bahn nicht unterbrechen. Mismut über eine verkehrte Erziehungsmetode, die angedrohte Rache eines frühern Lehrers treibt dich von Genf abenteuerlich in die Welt hinaus ...

Glaubst du, unterbrach ihn Egon, dass ich Rafflard's Bosheit fürchtete, der sich bei meinem zweiten Aufentalte erinnerte, dass er wegen meiner und eines heimlich mir zugesteckten Casanova die Anstalt des Herrn Monnard verlassen musste? Deshalb, weil ich ihn an der offnen Tafel des Syndicus Lhardy einen heimlichen Jesuiten genannt hatte, deshalb allein wäre mir der Aufentalt in dem kleingeistigen, beschränkten, spiessbürgerlichen Genf unerträglich geworden? Ach nein! Es war der Zug nach einem kräftigen Wettkampfe mit dem Schicksal, der mich auf die Wanderschaft, hinauf zu den blauen Höhen des Jura trieb..

Ich schliesse mich auf der Landstrasse, ergänzte Armand, dem Wanderer in der Blouse an, heimkehrend von einem Ankauf von Nussbaumhölzern in Poncin, und nehme dich als Zeltkameraden in meine bescheidene Hütte, wo meine Grossältern, meine Ältern, Verwandte, erinnerungsreiche Menschen, eine Schwester mit mir leben! Du ergreifst die Axt, die Säge, ja führst sogar mit deiner zarten Hand den Hobel und ich glaube, dass du der Sohn eines Kaufmanns in Deutschland bist, verfolgt als politischer Verbrecher. Wie hab' ich dich, eingedenk meiner Grossältern und ihrer Schicksale, verborgen gehalten! Wie gezittert, die feige Politik unsrer Regierungen würde dir eins der heiligsten Menschenrechte, das Recht des Asyls, versagen! Wie glücklich war ich, dass du wie wir die Einsamkeit liebtest, die kleinen Freuden der Armut teiltest, so vollendet dich auf französische Sitte und Sprache verstandest, dass das argwöhnische Auge der Polizei dich nicht entdeckte und dich für einen Schweizer nahm ...

Und dennoch ...

Nein, nein, klage dich nicht an! Ich habe dich gehasst, Egon, als Franz Rudhard, wie du dich nanntest, die Liebe meiner Schwester, seine eignen Schwüre vergessen hatte. Franz Rudhard, so standest du vor meinen Augen! Den rauhen Namen hattest du dir von deinem ersten Erzieher gegeben, den du liebtest..

Franz Rudhard! sagte Egon lächelnd, leise das gebeugte Haupt schüttelnd ...

Louis, der mit den Gebrüdern Wildungen während seiner Wacht an dem Krankenlager nur in geringe Beziehung hatte kommen können, wusste wohl kaum davon, dass Egon's alter Lehrer, von dem er in Lyon den Namen geborgt hatte, ihnen inzwischen wieder so nahe gerückt war.

Der Alte lebt noch in Odessa! fuhr Egon fort. Ich nahm diesen Namen, weil er in meiner Erinnerung mit einem stillen, häuslichen und bescheidenen Frieden der Familie im Zusammenhange stand. Als ich in euer Haus trat ... der verfallene Torweg ... das niedrige Dach ... die Blumenterrasse ... die Ziege, die eben auf ein Bruchstück alter Römermauer geklettert war ... und Louison, die ihr nachkletterte und sie mit keckem Griff an den Hörnern herunterlenkte ... fort von ihren jungen Kürbissen und Melonen, die sie auf der Mauer pflegte und zog ... der freundliche Gruss des Vaters, der im hof arbeitete ... das prüfende mistrauische Grüssen der alten sarmatischen Grossmutter, der Jagellona, einer gebildeten, noch aus Kosziuszko's zeiten stammenden Polin.. sie tronte wie eine Zauberin unter dem dach eines Feigenbaums, der eure wohnung umwand, auf einer steinernen Erhöhung und klöppelte mit der alten Tante, einer Deutschen, ihrer Schwägerin, Teppiche ... von dieser wunderbaren Familie ergriffen, gehalten von deiner Freundschaft, geblendet von Louison, nehm' ich für die Nacht vorlieb auf einem Sack von Maisstroh als Lager ... es ist ein Sonnabend ... am Sonntag begleit' ich Louison schon in die Kirche ... Sie zeigt mir in der Frühe den Reliquienschrein der heiligen Märtyrer in der Katedrale ... am Abend holen die Nachbarinnen sie ab und wir wandern nach der Croix-Rousse auf die Chaumière ... schon am zweiten Sonntag hatte' ich einen Blumenstrauss von ihrem Hut gewonnen ... am dritten lohnte sie mich nicht mehr für meine Liebe, sondern nur noch für meinen Fleiss ... wir müssen uns beherrschen, sagte sie, arbeiten, Glück verdienen ... ich arbeitete, um den ersten Kuss zu verdienen ... ich arbeitete, um drei Küsse zu verdienen ... ich arbeitete ...

Bis du sie ganz gewannst und sie ohne des Priesters Segen dein Weib war, fiel Louis ein.

Beide schwiegen erschüttert ... Ein schwarzer verspäteter Schmetterling, den die Knaben am liebsten haschen, obgleich er der Trauermantel heisst, setzte sich eben auf das Papier in Egon's Hand.

Als der bunte Sommervogel zu den Blumen entschwebte, war es ihnen, als