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das Schloss meines VatersDas ist der Pavillon, über den ich gesprochen habewo? zu wem? O Gott ... wie schwer das Erinnern, wenn man sich fürchtet vor dem Vergangenen! Louis, mir ist so schwach, dass ich noch am grab Louison's zu liegen glaube. Ich suche die Kreuze und Immortellenkränze des Cimetière Montmartre. Führe mich dahin! Es wird mir schwer dies Erinnern!

Mein geliebter Freund, sagte Louis Armand und fasste Egon's Hand. Beruhige dich! Die toten ziehen Niemanden nach! ... Sie gönnen uns das Glück dieser Erde, damit wir seine geringe Vollkommenheit erkennen und sehnsuchtsvoller einst dem tod von selbst in's Auge blicken.

Sie ziehen uns nicht nach ... wiederholte Egon und schwieg eine Weile. Dann fuhr er sich mit streichelnder Hand über sein leidendes edles Antlitz und hielt lächelnd einige Haare hin, die ihm dabei in der Hand geblieben waren.

Immer mehr, immer mehr! sagte er schmerzlich. Auf der Stirn sieht es herbstlicher aus als unter diesen Bäumen und Blumen. Sieh, wieviel Laub wieder in der Hand geblieben! Da! Noch mehr! Noch mehr! Ich sah mich gestern im Spiegel ... Ich habe Mitleid mit mir selbst und könnte um mich weinen.

Ein Nervenfieber, sagte Louis, nimmt viel vom alten Menschen mit und gibt dafür einen neuen wieder. Selbst wenn deine Stirn so hochgewölbt bliebe, würde sie jetzt erst recht die Stirn eines Denkers scheinen. Allein die gütige natur nimmt nur die Zeugen deines Leidens mit und gibt dir bald die Begleiter neuer Freuden.

Und wenn sie nicht kämen? fragte Egon lächelnd, doch besorgt um sein Äusseres, das man bisher schön genannt hatte ...

Sie kommen, sie kommen! tröstete Louis. Freilich ... wer weiss, ob Alle, die dich lieb haben, auch gerade die Stirn des Denkers an dir lieben.

Louis sprach diese Worte ernst und voll Kummer.

Egon seufzte. Er verstand sie wohl. Sie bezogen sich auf Helene d'Azimont, deren Charakter man nur halb würde begriffen haben, wenn man hätte glauben können, dass diese stürmische, liebeglühende Seele es ertragen hätte, so ganz von Egon's wiedererwachtem Bewusstsein ausgeschlossen zu bleiben ...

In der ersten raschen entwicklung der mit grosser Regelmässigkeit vorübergegangenen Krankheit hielten die vereinten Anstrengungen der Ärzte und des treuen Wächters Louis Armand Helene d'Azimont fern; bald aber, mit den ersten in das freiwillige gesellschaftliche Exil, das sie sich auferlegte, hereinbrechenden Hoffnungsstrahlen ruhte sie nicht länger und bot jede List, jede Berechnung auf, um sich Egon zu nähern, sogar sein Krankenbett zu erstürmen und sich die sorge für sein Leben ausschliesslich anzueignen. Das Letztere mislang ihr freilich. Louis hütete den Fieberkranken mit der Treue eines Hundes. Er schlief auf einer Matratze zu seinen Füssen, liess nichts in Egon's hände kommen, was nicht vorher von ihm untersucht war, und wurde darin von den strengern Ärzten unterstützt ...

Drommeldei, der ärztliche Ratgeber der vornehmen Stände, hatte wohl sonst eine mildere Ansicht. Man hatte auch sorge getragen, ihn mit der d'Azimont sogleich bekannt zu machen; allein so rührend sie zu bitten verstand, bis zu einem gewissen Zeitraum, der seinen Anordnungen zufolge erst heute eintreten sollte, duldete auch Drommeldei keine Aufregung seines Patienten. So blieb Helenen nichts übrig, als sich jenem Rafflard anzuvertrauen, dessen Ankunft in dieser Stadt sie mit so vielem Misvergnügen bei Paulinen von Harder vernommen hatte ... Wahrhaft erstaunt musste sie sein, als dieser vertraute Freund ihrer Schwiegermutter sich ihr selbst näherte und ihr die innigste Teilnahme für ihr Leiden zu erkennen gab. Von einer Prüfung seiner Absichten war keine Rede; denn er nahm ihren Schmerz für vollkommen begründet hin und weinte selbst über ihre Tränen. Sie fasste zitternd seine Hand. Rafflard, der geheime Jesuit, küsste die ihrige und sogleich war er mit in das Complot gezogen, das ihre vereinten Geisteskräfte geschmiedet hatten, um Egon nun zuvörderst die Nähe der Geliebten zu verraten. Rafflard bot ihr darin jeden Vorschub. Man bestach alle Diener des Hauses. Rafflard setzte sich vorzugsweise mit den Wandstabler's in Verbindung und so war denn bald einmal eine Blume auf die grünseidene Decke von Egon's Bett geworfen, die seine Gedanken verwirrte, bald ertönte in den entlegenen Zimmern des Palais der Klang einer Harfe, die Helene mit einiger Virtuosität zu spielen verstand. Egon erfuhr zuletzt von Louis Armand selbst die Anwesenheit jener schönen Frau, aus deren Armen er sich in diesem Frühjahr auf der reizenden Villa von Enghien gewaltsam losgerissen hatte. Er seufzte. Das Übermass ihrer Liebe schien ihn nicht zu beglücken. Es kamen Briefe mit einer unverfänglichen, geschäftlichen Aussenseite ... man erbrach sie harmlos; sie waren von Helenen. Als sie die Überzeugung gewann, dass diese Briefe gelesen wurden, gab sie jeden Morgen ihrem Geliebten das Tagebuch ihrer sehnsucht und Beobachtung des kalten steinernen Palastes, der ihr so grausam noch den Angebeteten entzog.

Ein solches Blatt überreichte Louis seinem Freunde auch heute.

Egon nahm es mit gelassener Miene. Er hielt das aus der Enveloppe genommene zierlich duftende Papier mit feinen Arabesken und der gemalten Krone und den silbernen Buchstaben H.d'A. lange in der Hand, ehe er sich entschliessen konnte, es zu lesen.

Wenn ich dem Leben erhalten bleibe, sagte er nach einer Pause ernster Betrachtung, wie soll ich mich mit