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war verwittert, vom Regen zerbröckelt, Moos überschimmelte sie wie eine flache Felswand. In der den rücken zierenden Krone und ihren durchbrochenen Henkeln, wenn man wie Richard II. bei Shakespeare die Krone einem Eimer vergleichen wollte, stand noch wasser, das die Luft oder der Stein so rasch aufzusaugen nicht die Kraft gehabt hatte. Der Gefährte des blassen Spaziergängers war auf diese Unbequemlichkeit gerüstet. Er trug ein grosses Polster, das er nicht der Länge nach, sondern so in die Quere auf die Steinbank legte, dass der Ermüdete sich auch zugleich durch eine weiche Rücklehne erfreut fand, als er erschöpft vom arme des gefährten abliess und auf das Polster niedersank.

Ah, Das tut wohl! sagte der Leidende. Das ist kein Gefühl des Schmerzes mehr in den schweren Gliedern; Das ist die Lust und Wonne der Genesung!

Und zu seinem gefährten sich wendend, setzte er in französischer Sprache hinzu:

Aber Louisder Stein ist kalt für dich und hart ... Wir hätten das Kissen in die Länge legen sollen.

Damit wollte er aufstehen, stemmte sich schon an die Seitenlehne und hob sich mühsam in die Höhe.

Nein, nein, sagte der Andere in derselben fremden Sprache und hielt ihn nieder, während er sich neben ihn setzte; diese Steinbank ist für Gesunde, wie ich es bin. Ja und die kleine Erhöhung über uns, die Wappenkrone, ist ein Symbol, dass nun bald die Rücksichten der Gesellschaft an die Stelle der Freiheiten des Krankenzimmers treten werden. Lass es nur so!

Der Genesene liess die grossen, noch schweren Augen liebevoll auf seinem gefährten ruhen, legte ihm die noch heissen hände, in denen ein leises Zittern bebte, in die seinen und sagte, die blassen Lippen des schöngeformten Mundes mässig öffnend:

O nie! Nie, mein Freund!

Sieh nur, betonte lebhafter der Andere, wie uns diese Krone auf der Rückwand trennt!

Es ist noch Regen in ihr, erwiderte der Leidende mit scherzender, aber mehr wehmütig gemilderter Miene, sie schwimmt fort! Lass sie dahintanzen auf den Wellen des Lebens! Sinkt sie unter, ich lohnte dem Taucher nicht, der sie mir wiederbringt.

Sprich nicht zuviel, Egon! bemerkte sorgend der Gefährte. Geniesse die linde Luft! Ziehe sie in deine Brust mit tiefem Atem ein! Sie wird dich stärken.

Egon gehorchte. Er war in jener gehorsamen Schwäche, die dem Genesenden so rührend steht ... Der Kranke widerstrebt. Lange währt es, bis er sich den Anordnungen Derer fügt, die aus Liebe zu ihm streng sind. Endlich schwindet in seiner gebrochenen Kraft das Bewusstsein, die Macht des Widerstrebens lässt nach, er muss sich gefallen lassen, was besorgt mit ihm geschieht; denn er weiss nicht mehr, was die Welt um ihn her bedeutet, seine Sinne schwinden. Endlich aber bricht der Lichtstrahl des Bewusstseins wieder durch die Nacht des schon drohenden Todes, das Leben fasst mit starkem arme den Wiedergewonnenen und drückt ihn an's Herz und der Genesende wird ein Kind, ein neugeborenes, schwaches, hülfloses Kind, gehorsam und ergeben, sanft und duldsam, wie umgewandelt, wie neuerschaffen, jedes Gebot vollziehend, jeder Weisung gehorchend und gerührt ... über sich selbst!

Egon sah auf die Blumenbeete hinüber. Die Zeit der Rosen und Nelken war hin. Die Düfte hatten nicht mehr die süsse Würze des Juli. Aber es waren noch Farben, die seinem Auge wohltaten und durch allzu lebhaftes Colorit es nicht reizten. Er sog sich förmlich hinein in dies sichere, feste Leben der gesunden natur. Jeder Luftzug berührte ihn wie die magische Gewalt eines Kusses, der alle Lebenskräfte des Menschen elastisch weckt. Die Sinne gewannen Kraft, das Gegenwärtige festzuhalten und von ihm auf die Vergangenheit zurück-, auf die Zukunft hinauszuschliessen ... Welch ein Chaos! Welche unbekannte Länder, über die erst allmälig wieder ein heimatliches Licht fällt! Was ist da Alles gewesen! Was hat man erlebt oder nur geträumt? Was ist Erinnerung, was nur Phantasie? Die Kräfte des Geistes halten diese Tätigkeit noch nicht aus. Ermattet sinken die Schwingen wieder nieder und es ist dem Gedanken, als müsst' er sich auf die Flügeldecken eines Käfers setzen und nur, um sich erhalten zu können, mit Käfern, nur mit Bienen so fortsummen, als gehörte man, ein Nichts, in's grosse Ganze und könnte nur leben im zitternden Sonnenstrahl.

Es ist mir so, Louis, sagte Egon, als hätt' ich eines Abends mit einem Kopfschmerz, der mir das Bewusstsein raubte, an jenem Fenster dort gestandener zeigte auf das Palaisund dich ein Lied singen hören als Frage, ob ich daheim wäre? Du wolltest mich begrüssen, wie in Lyon, wenn du von Paris kamst und ich aus Louison's Armen auffuhr, horchend dem fernen lied und der wohlbekannten stimme des Bruders! Oder war's nicht das Gondellied, das wir damals auf dem See von Enghien sangen?

Die mutwillige Barcarole! antwortete Louis Armand. Ich glaubte nicht, als ich mir die verborgene kleine Tür dort aufschloss, deine Gestalt erblickte, das Liedchen anstimmte, dich erkannte und zu dir hinaufsprang über die kleine versteckte Treppe, dass ich dich fast bewusstlos antreffen würde und Alles wecken musste und die hülfe grade der Menschen ansprechen, die du von dir entfernen wolltest ...

Sind wir also wirklich doch in meiner Heimat? sagte Egon. Ja, ja, Das ist