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Melanie! rief Dankmar, musste Das so kommen? Nach jener Nacht in Hohenberg? Die wenigen Tage sind wie Monden.
Er konnte sich nicht trennen.
Hüten Sie die Papiere besser wie das Bild! sagte Melanie. Was wird nun mit dem Portrait, das der schönen d'Azimont ähnlich sieht? Ja, die ist schön. kennen Sie sie? Die sollten Sie sehen! Die würde Sie bezaubern ...
Ein, ein Bild nur, das Ihrige, Melanie, lebt in meinem Herzen! rief Dankmar und sah tief in die zitternden, braunen Augen des Mädchens.
Die Mutter sagte mir, Sie hätten dem Vater böse Dinge gesagt, fuhr sie fort. Versprechen Sie mir, ihm einige Zeilen zu schreiben und ihn um Verzeihung zu bitten? Wollen Sie Das? ... Sie zögern? ... Selbst Das nicht? Wildungen?
Melanie, ich will zu ihm zurück, ich will ihm zu Füssen fallen, ihm danken ...
Das nicht! Das nicht! Jetzt nicht! Sie schreiben ihm und bitten um Verzeihung? Tun Sie's meinem Kindesherzen zu Liebe! Ja? Weiter nichts! Nur achtung, Schonung, nur ein Wort der Bitte um Verzeihung!
Ich tue es ... Melanie! rief Dankmar willenlos. Sie gehen? Sie bleiben nicht? Melanie? Sie steigen die Stufen hinauf ... Sie fliehen ... Immer eine Staffel weniger zu meinem Glücke und meine Seele folgt Ihnen? Melanie?
... Dankmar stand noch eine Weile, sich besinnend auf Das, was er erlebt hatte.
Melanie war verschwunden.
Tief erschüttert steckte er nun die wahren Beglaubigungen der Ansprüche seiner Familie zu sich und gab Peters, der am Torwege wartete, ein stummes Zeichen, voranzugehen.
Er folgte schwankend. Er stand still ...
Er wagte aber nicht, noch einmal aufzusehen zu den Fenstern, wo diese Zauberin wohnte, die ihn so mächtig überrascht, so plötzlich auf's neue in den Bann ihrer Liebenswürdigkeit und Schönheit eingeschlossen hatte. Er bedurfte des ganzen Hinblickes auf die grosse Aufgabe, die er sich gestellt hatte, auf die neue und eigentümliche Anwendung, die er im Interesse seines Vaterlandes und des ringenden Geistes der Freiheit und der Menschheitserlösung von dem gehofften glücklichen Erfolge seiner geltend gemachten Ansprüche auf ein grosses Besitztum versuchen wollte, um sich von diesen rasch aufeinander folgenden Schlägen des Schreckens und der Freude zu einem klaren Bewusstsein und der ihm eignen ruhigen Selbstbeherrschung wieder zu sammeln.
Schlurck aber, der sich mühsam die Wendeltreppe zu den Seinigen hinaufgeschlichen hatte und von der zornfunkelnden Mutter, von dem die hände entrüstet zusammenschlagenden Bartusch, dann von Melanie selbst hören musste, dass sein Kind soeben dem "abscheulichen" jungen mann die Papiere übergeben hatte, deren ihm höchstwahrscheinliche Entscheidung ihm auch den zweiten Anhalt seiner heitern, bisher so sorglos gewesenen Existenz rauben musste.. Schlurck zürnte nicht ... nein, er umarmte sein Kind, drückte es wie seinen Rettungsengel an's Herz, war sprachlos, zitterte vor Freude und konnte sich vor Wehmut nicht mehr fassen ...
Die Mutter wollte verzweifeln, Bartusch wollte zanken ...
Melanie aber sagte:
Seid doch ruhig! Es ist noch nichts verloren ... Seht, der Vater weint!
Ende des vierten Buches.
Fünftes Buch
Erstes Capitel
Genesung
Einem regnerischen, unfreundlichen Spätsommer folgte ein milder, klarer, sonniger Herbst.
Die Septembertage ersetzten, was man vom August gehofft hatte, gemässigte Witterung, linde Tage, erquickende Nächte.
Es hatte gestürmt wie im April. Nun war es fast, als ginge noch einmal der Mai über die Erde und das kalte, steinerne Tor des Winters würde sich noch lange, lange nicht öffnen. Man führte nun doch noch die fast aufgegebenen Reisepläne aus, man flüchtete wieder auf's Land zurück, man begrüsste die Gärten, die sich durch all die Regenschauer nur erfrischt hatten und noch aus Florens Blumenhorne reiche, bunte Spenden boten.
sechs Wochen nach den auf den voranstehenden Blättern geschilderten Ereignissen, an einem Morgen dieser holden Septembertage, schritt eine schlanke, männliche Gestalt, blass und hinfällig, am arme eines andern jungen Mannes, durch die Gänge eines kleinen Parkes, durch dessen hie und da schon gelbes Laubwerk die Sonne mit der ganzen Wärme jenes Strahles brannte, an dem in gesegneteren Gegenden, als die, wo wir uns befinden, die Traube auf den Bergen ihre letzte Glut und Reife empfängt.
Kein Lüftchen regte sich. Käfer, die im feuchten August erstarrt schienen, erhoben sich zu neuem Leben. Selbst noch ein dunkelfarbiger Schmetterling hüpfte von einer der vollen Blumenglocken der schlanken Malve zur andern; denn in einer Seitenbiegung kam man aus dem kleinen Parke in einen Blumengarten. Hier und da stand ein Obstbaum und verbreitete den vollen würzigen Duft der reifenden Äpfel, den milderen, weicheren von Birnen, ja an der Einfassungsmauer der ganzen Anlage blickte aus dem dunkeln grossblätterigen Grün eines Rebenspaliers sogar manche Traube, die für eine Pflege und Wartung lohnen und danken wollte, die das Spalier in diesem Jahre nur spärlich empfangen zu haben schien.
Der am arme des Andern langsam schleichende junge Mann deutete erschöpft auf eine verwitterte steinerne Bank, die an der Grenzscheide des Parkes und des Gartens stand.
Hier mochte lange kein ruhiger Freund der natur, kein so dankbarer Anbeter der Herrlichkeit Gottes in stillergebener Betrachtung verweilt haben.
Die Bank von einer Steinlehne bequem begrenzt, mit einem in diese Lehne gehauenen Wappen im Rükken geziert,