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war, ihm beizuspringen.

Er gab die allein wichtigen Papiere, die er in den Händen hatte, rasch der Mutter, die von Alledem nichts begriff und nur zu Melanie eilte, um ihr zuzuschreien: Schliess die Papiere ein! ... und stieg polternd die Wendeltreppe hinab ...

Ah! rief der Justizrat und atmete auf. Bartusch, Sie werden eine neue eigenmächtige Handlung des Herrn Wildungen bezeugen. Mein junger Mann, ich warne Sie ernstlich! Sie werden Ihre Vermessenheiten bitter bereuen!

Und Sie Ihre Lügen, Ihre Verstellungen, Ihre Heucheleien, Ihre Sittenlosigkeit! rief Dankmar, als Peters schon vorausschritt und mit der rechten, freien Hand seinen Bello liebkoste.

Welche freche Stirn! antwortete Schlurck, der die verletzenden Erfahrungen von gestern in seinem eignen haus nicht wieder erleben wollte.

Die Stunde wird schlagen, sagte Dankmar noch im Vorzimmer sich umwendend, für Vieles, was schlummerte! Die Zeugen gegen Ihr Haus mehren sich! Die, die auf dem Krankenlager liegen, werden genesen! Die, die bei der Nacht wandeln, werden noch auf andre Namen, als den Namen "Fritz Hackert" erwachen. Das geweihte Kreuz auf dieser Truhe wird reinen Händen den Mut zu einem Kampfe geben, dessen Schlachten mehr erschüttern sollen als nur die Ruhe eines gewissenlosen Notars!

Damit ging Dankmar und suchte die Luft der Strasse, um seine furchtbar klopfende Brust zu erleichtern.

Bartusch aber flüsterte rasch dem entfärbt und erschöpft in seinen Voltaire-Sessel sinkenden Justizrat zu:

Beruhigen Sie sich! Die Papiere, die doch der Rahm an der Sache scheinen, liegen ja oben!

O wären sie mit ihm gegangen! sagte Schlurck vernichtet. Wären sie in dem Schrein geblieben! Ich fühle mich nicht stark, solche Scenen zu ertragen! Ich bin kein Schurke! Ich bin kein Dieb! Weg von mir Bartusch! Weg! Weg! Ihr Alle seid mein Verderben! Meine Schwäche ist mein Elend! Ihr treibt mich auf schlimme Wege, die mir fremd sind. Ihr treibt mich in die Schande! Tragen Sie ihm die Dokumente nach! Fort! Fort!

Nimmermehr! rief Bartusch. Justizrat! Besonnenheit, Mut! Bedenken Sie, was der Propst sagen würde! Mann! Warum haben Sie Heimlichkeiten vor mir, vor Ihrem treuesten Anhänger, vor Ihrer linken Hand, wenn Ihnen die rechte zu müde wird, ja vor Ihrer rechten, wenn Sie mich schalten liessen und Farbe halten könnten! Justizrat! Justizrat! Wir unterschlagen diese Papiere! Wir vernichten, wir verbrennen sie!

Schlurck schwieg. Er war seiner selbst nicht mehr bewusst. Ein Bild stand vor ihm, das grauenhafteste, das Bild seiner Schande!

In Todesangst griff er nach seiner kalten Stirn und flüsterte:

Welche Bahn wandl' ich!

... Ein guter Genius fügte nun aber Folgendes:

Peters öffnet schon das Tor und tritt mit dem Schrein auf die Strasse. Dankmar liebkost den auf seinem lahmen Beine tänzelnden Bello und wirft im Gehen einen flüchtigen blick auf die mit Bildern gezierte Treppe, die hinaufführte zu Melanie, zur Tochter eines solchen Vaters, zu ihr, der süssen, himmlischen Melanie; zu ihr, die im Mondenschein in seinem arme lag! Zu ihr, die ihn noch in diesem Augenblicke wie ein Zauber umstrickte, trotzdem, dass sein sittliches Gefühl sie verläugnen musste!

Da hört' er Geräusch, wie von einer leicht von einem Felsen herunter springenden Gazelle.

Er erstarrt ... Es ist Melanie!

Freundlich und holdselig, wie in Hohenberg, ruft sie ihm von den letzten Stufen, von denen sie sich herabbeugte, zu:

Sie böser, undankbarer Mann! Das Bild, das ich Ihnen mit so vieler Mühe erobert habe, liessen Sie sich wieder rauben. Ist Das wahr?

Melanie! sagte Dankmar stammelnd und sprachlos.

Hier, fuhr sie fort, hier, was ich Ihnen jetzt bringe, halten Sie Das fester. Gehört es nicht Ihnen?

Dankmar nahm, was sie ihm darreichte ...

Es waren, auf flüchtigen blick sah er's, diejenigen Papiere, auf die in seiner Angelegenheit Alles, Alles ankam, die einzigen wichtigen, die entscheidenden Papiere!

Sein Schreck über die Möglichkeit, ohne sie gegangen zu sein, die Überraschung, Melanie nun wiederum als eine treue, aufopfernde, hingebende Freundin zu erkennen, wirkten so mächtig auf ihn, dass er sich nicht sammeln konnte und in ihrem Anblick verloren dastand ...

Nun, sagte Melanie harmlos, es sind doch die Ihrigen, Wildungen?

Wohl! Wohl! Wie soll ich Ihnen danken! stammelte Dankmar und griff nach ihren Händen, um sie beide zugleich zu küssen.

O! sagte sie, sich leise entziehend; lassen Sie's, sehen Sie diese hände! Voller Staub! Voller Moder! Es ist meine Schuld nicht, dass Sie mir immer solche tolle Aufträge mit alten Bildern und Papieren geben. Sie! Lassen Sie!

O Melanie, wie tief beschämen Sie mich! rief Dankmar und gab die hände nicht her, er küsste sie und drückte sie an sein Herz wie ein Verzückter.

Was wollen Sie denn? fragte sie mit Lippen, die ihr furchtbares Beben durch scherzhafte Laune vergebens zu beherrschen suchten. Grüssen Sie Ihren blonden Bruder! Lassen Sie sich nichts von ihm vorreden, was ich ihm für Sie aufgetragen hätte! Er ist nur eifersüchtig auf mich, weil ich den alten Professor Berg mit den schönen, weissen Locken mehr liebe als ihn und AlleEuch Alle