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Bartusch berichtete über Neumann, der wohl ein Vierteljahr liegen könne, wie Drommeldei gesagt hätte, über Jeannette, die die Nacht bei ihm gewacht und ganz die Kokette verläugnet hätte und auf diese Art auch wohl nicht aus dem haus käme; zugleich auch über einen Kutscher, Namens Peters, der sich melde, um für Neumann einzutreten und unten warte ...
Schlurck's Erstaunen, wie doch auf jeden Verlust sich in diesem grausamen Menschenleben gleich ein Ersatz dränge, seine weitern Betrachtungen über Wiege und Grab und ähnliche Philosopheme, zu denen der sehr aufgeregte Justizrat geneigt war überzugehen, unterbrach Bartusch durch die trockene Äusserung:
Auch Herr Dankmar Wildungen ist unten. Es ist wirklich der junge Mann von Hohenberg, den wir für den Prinzen Egon hielten. Er fodert den Schrein mit dem Kreuz und scheint in einer sehr entschiedenen Stimmung zu kommen.
Schlurck musste sich zusammennehmen.
Er wurde blass und die Papiere zitterten in seiner Hand.
Die Frauen baten ihn, sich nicht aufzuregen.
Schalkhaft aber drohte er doch seiner Tochter mit dem Finger und sagte:
Wart', Hänschen, wart'! Wenn er nun sagte: Herr, Sie haben wie gegen einen Spitzbuben gegen mich verfahren! und ich antworte: Spitzbube du selbst! Du hast mir mein Töchterchen gestohlen! Was?
Vater, ich beschwöre dich! rief Melanie. Welcher Einfall! Was würde' er denken über einen solchen plumpen Antrag ...
Hm! Wenn ich aber nicht plump, sondern fein in meinem Antrage wäre – und der Trotzkopf sagte: Herr Justizrat, die Welt um Melanie!
Nie sagt' er Das!
So wie ich, sagt er's nicht! Nein, er sagt es schöner, inniger, als meine fahlen Lippen Das malen können ...
und ich böte ihm dann die Rechte und sagte: Schlagen Sie ein! Hinfort gehen wir, ausgerüstet mit diesen hochwichtigen Papieren da, Hand in Hand, junger Mann!
Melanie fing hier in einer Weise an zu lachen, dass man wohl sah, ein Herzenskrampf musste sich Luft machen.
Sie lachte so anhaltend, so ängstlich, dass die Mutter in sorge geriet.
Melanie nahm die Blumen, zerzauste sie, tanzte im Zimmer, klatschte mit den Händen und riss, um sich nur helfen zu können, das Fenster auf und lehnte, Allen den rücken kehrend, sich hinaus in die freie frische Luft, deren ihr krankhaft erregter Zustand wirklich bedurfte.
Schlurck, ergriffen von diesem Ausbruche der wahnsinnigsten Liebe, die Melanie für Dankmar gefasst hatte, liess die wichtigen Papiere in der Zerstreuung liegen und ging gefasst nach jenem hintern Zimmer, von dem die Wendeltreppe hinunter zu seinen Arbeitsräumen führte.
Die Frauen aber und Bartusch, als sie Schlurck's seidenen Schlafrock nicht mehr rauschen hörten, folgten ihm behutsam, um von oben zu horchen, was man unten verhandeln würde.
Funfzehntes Capitel
Der Schrein
Die Lauschenden vernahmen erst das Kläffen eines Hundes, das jedoch nicht aus dem Zimmer des Justizrates selbst emporscholl, sondern aus dem vor ihm befindlichen und auf die Hausflur hinausgehenden Wartezimmer.
Dann hörten sie, dass der Justizrat Etwas zu rükken schien ...
St! sagte Bartusch. Er versteckt den Schrein mit dem Kreuze! Das eigentliche Mark, den Kern, die Blume hab' ich doch wohl hier in Händen!
Er zeigte auf die alten Papiere, die er in der Hand hielt. Schlurck hatte sie liegen lassen.
Wieder bellte der Hund. Wieder brummte der Papa etwas Unverständliches, dann rückte er an den Stühlen, schloss das Fenster, stellte die Klingel auf dem Bureau zurecht und schloss nun erst von innen die Tür auf, um aus dem Vorzimmer die Besuche hereinzulassen ...
Ein noch gewaltigeres Kläffen war jetzt vernehmbar.
Bello, zurück! hörte man scharf sprechen und ein lautes Schreien des Hundes liess annehmen, dass sein Besitzer oder sonst Wer ihn vielleicht beim Hals gepackt und in das Vorzimmer zurückgeworfen hatte.
Das ist das lahme Tierchen! sagte Melanie flüsternd;
weisst du, das ihm nachgefahren wurde. Es war nicht sein. Er pflegte es wie ein krankes Kind ...
St! sagte die Mutter. Er spricht!
Ja, er ist's, wisperte Melanie, es war seine stimme!
Ihr Herz bebte ...
Ruhig, fräulein! flüsterte Bartusch höflich, dass man hören kann, ... wenn's erlaubt ist.
Bartusch war in dem Grade mit den Angelegenheiten des Hauses vertraut, dass seine Anwesenheit hier eher gewünscht wurde, als hinderte.
Herr Justizrat! erscholl jetzt Dankmar's volle tönende stimme, wollen Sie erst diesen braven Mann abfertigen, der sich melden will, für Ihren kranken Kutscher einzutreten?
Das hat Zeit, antwortete Schlurck sehr verbindlich, höchst geschmeidig und liebenswürdig. Was steht zu Diensten, mein Herr! Ich erkenne ja mit Vergnügen in Ihnen den jungen Mann wieder, den ich im Heidekrug so frei und treffend über die Politik reden hörte.
Umsomehr, Herr Justizrat, begann Dankmar mit plötzlich ziemlich starkem Nachdruck, umsomehr muss ich auf's Höchste entrüstet sein, dass ich in Ihrer Vorstellung für nicht viel mehr oder weniger als ein Spitzbube gelte ...
O! Urteilen Sie nicht so rasch, mein junger Freund –
nicht wahr, Herr Dankmar Wildungen? sagte Schlurck sich zusammennehmend.
Dankmar und Siegbert heissen die beiden Brüder, fuhr Dankmar fort, die heute früh von einem Ball, auf den sie der Zufall verschlagen musste, nach