O! Franz! rief die Mutter vorwurfsvoll.
Melanie sah in die Tasse und stützte das schöne Haupt auf den linken Arm; der rechte spielte mit dem Löffel. Schlurck aber seufzte und sprach in sich hinein:
Es ist unsre Schuld ... und unser Kind muss uns vergeben.
Melanie war da gewiss nicht ohne Gefühl, wo es ihr nächstes eigenes Empfinden berührte. Sie liebte ihren Vater, sie stürzte auf ihn zu, sie weinte und bedeckte ihn mit ihren Küssen.
Von diesem Augenblicke an schwiegen alle drei und liessen die sonst so stolzen Fittiche hängen ...
Endlich begann die Mutter:
Du wolltest von jenen Papieren sprechen?
Schlurck sammelte sich.
Er hätte gern ein Tema angeregt, das ihn oft beschäftigte, ob nicht eine bessere entwicklung Hakkert's eine Heirat zwischen ihm und Melanie möglich machte. Er wusste, dass er jedesmal mit Entrüstung abgewiesen wurde, er wusste, dass Melanie zitterte, wenn sie nur den Namen Hackert's nennen hörte. Er hatte vielfache Forschungen nach seinem wahren Ursprunge angestellt. Er hatte sogar einige Resultate, die er gern erzählte. Er zeigte gern den zerbrochenen Ring, der bei Hackert in dem Korbe, in dem man ihn am Waisenhause ausgesetzt hatte, gefunden worden war ... er schickte Bartusch oft in das Ratsarchiv, um in den hier gesammelten Registern der Gebornen und Getauften von der Stadt und der nächsten Umgegend zu suchen ... er hatte eine Vermutung von einer heimlichen Geburt, die einmal unter sonderbaren Umständen einige Meilen weit von der Stadt vorgekommen war und betrieb längst unter dem Deckmantel der grössten Behutsamkeit Nachforschungen aller Art, selbst in den höchsten Kreisen; ... aber er kannte den Widerstand der Frauen, die einmal glaubten, ein Vorhang müsste diese Vergangenheit für immer bedecken. Er liebte Hackerten, weil er anschlägig, talentvoll und so bizarr war, wie er selbst zuweilen sein konnte. Selbst dass der unerzogne Knabe von leidenschaft für das ihm sorglos zur Gespielin gegebene Mädchen entbrannt war, fand er menschlich und ganz in seinem Geschmack. Er hatte wohl, als er erfuhr, dass Hackert Melanie als Kind zu den wildesten Streichen, zu Männertrachten, zu nächtlichen Spaziergängen, Maskeraden überredet hatte, im wildesten Zornausbruche ihn schon öfters aus dem haus geworfen und fast mit Füssen getreten. Allein er nahm ihn immer wieder auf. Sah er doch, wie Hackert die herrschaft im haus hatte, wie er Melanie und die Mutter tyrannisirte, ja Allen notwendig war! Später aber kam Ärgeres. Da Melanie heranwuchs, durfte er ihn nicht mehr dulden. Aber auch nun rührte es ihn, als er hörte, dass die dämonische, kranke Anlage des Knaben sich bis zum Nachtwandeln da steigerte, als Melanie in wachsender, jungfräulicher, kälterer Überlegung sich von ihm abwandte, ihn hasste und verabscheute und er dennoch nächtlich an ihre Tür schlich und vor ihrer verriegelten Schwelle auf dem nackten Erdboden schlief, ganze Nächte ihrer Rückkehr aus Gesellschaften wartete und sich in sehnsucht um seine Halbschwester verzehrte ... er war gerecht genug, so etwas wie tatsächlich, ohne Einmischung persönlichen Mismutes, zu beurteilen und hätte sein eigenes Lebensglück hingegeben, wenn er die leichtsinnigste Erziehung von der Welt durch feinere Ausbildung Dessen, der ihm so vielen Kummer machte, hätte wieder berichtigen und zu seiner eigenen Herzenserleichterung schliessen können. Vergebens! Die Frauen sträubten sich immer dagegen und glaubten, alle diese Schwierigkeiten würden sich befriedigend lösen lassen, bis dann wieder die leidenschaftliche Liebe des verstossenen, kranken, sich mishandelt fühlenden Pfleglings alle ihre Berechnungen durchkreuzte und Gewalttätigkeiten veranlasste, wie jener gestrige Überfall im Wagen war, dessen glückliches Gelingen an dem Übermass gesteigerter Lebenskraft und entflammter, toller Freude, die wir bei Hackert beobachteten, wohl sich abnehmen lässt.
Gern hätte Schlurck diese höchst schwierige Angelegenheit in gewohnter Weise zur Sprache gebracht, aber seine Frau duldete es nicht.
Sie drängte nun um Das, was er aus jenen Papieren, die er auf den Tisch hingelegt hatte, für Melanie's Zukunft entnehmen wollte.
Was ist's mit den Sternen? sagte sie fast frivol; du schlimmer Patron, was soll's mit den Mondnächten?
Schlurck zog seine Brille auf die Stirn und sah in die Papiere ...
Ja, fing er an, wenn sich Alles so fügte, wie man hoffen möchte ... Melanie müsste die Frau eines Millionärs werden.
Lass Das Vater, sagte Melanie ruhig und gefasst; Eure Millionärs kosten gewöhnlich ein Leben. Ich rüste mich in aller Duldsamkeit darauf, dass Lasally als Lohn für meine Bitte meine Hand begehrt und ich gebe sie ihm.
Ich beschwöre dich, sagte die Mutter; nur keine Übereilung!
Ich gebe sie ihm. Lasally ist der einzige Mann, mit dem ich mich über meine Vergangenheit und Zukunft verständigen kann. Er hat klare und vorurteilslose Anschauungen. Er bedarf mich, er liebt mich, Das sehe' ich aus seinem Schmerz, dass er mich nicht nehmen könnte, wenn ich kein Vermögen hätte. Nicht alle Männer sind darum nur Spekulanten, weil sie nach Vermögen heiraten. Das macht ihn in meinen Augen nicht geringer.
Aber Herzlieb! sagte Schlurck schmeichlerisch und tätschelnd. Was wird denn aus jenem jungen Mann in Hohenberg! Jener prächtige Dankmar Wildungen! Ich entsinne mich ja seiner – ei, ich sah ihn ja auf dem Heidekrug bei Justus dem Gerechten! Er ist ja schön, geistreich, unternehmend; Himmel, ein Gott von einem Mann!
Vater!
Kind! Wenn dieser Mensch