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nicht zu tauschen.

Wie? fragte die Justizrätin erstaunt ...

In seltsamer Aufregung war Schlurck aufgestanden, die alten vergilbten Papiere in der Hand, die er als die wichtigsten Dokumente aus dem im untern Studirzimmer befindlichen Schrein mit dem Kreuze zu sich hinauf genommen hatte ... Eben wollte er sich anschikken, seiner Frau eine interessante Auseinandersetzung zu machen, als ein Wagen an sein Haus rollte und er durch's Fenster blickte.

Was? rief er. Das ist ja Drommeldei's Wagen. Er steigt aus. Was will denn Drommeldei bei uns so früh? Ist Jemand im haus krank?

Die Justizrätin erriet, dass der Sanitätsrat eben kam, um Neumann's ihm gemeldeten Zustand zu untersuchen. Einen nahegelegenen, gewöhnlichen Wundarzt hatte man schon in der Nacht gerufen ... Sie verwünschte den unangenehmen Zufall, dass ihr Mann nun doch etwas erfuhr, was man ihm verschweigen wollte. Da er aber diese Absicht sogleich merkte, drang er auf Wahrheit und ängstigte sich schon, es möchte Melanien selbst etwas begegnet sein, da sie zu lange ausbliebe. Nun musste ihm seine Frau erzählen, was die Nacht geschehen war. Es berührte ihn das Alles höchst unangenehm. Die notwendigkeit, einen andern Diener für seine Pferde zu dingen, wenn auch nur für einige Zeit, ja auch einen Kranken im haus zu haben, das Alles, sagte er, griffe seine Nerven an. Auch von moralischer Seite zeigte er sich heute empfindlicher als sonst. Er fand dies heimliche Auslaufen auf Bälle und auf nächtliche Vergnügungen abscheulich und als gar auf Hackert die Rede kam und die Mutter sagte: Neumann wäre eigentlich Recht geschehen, da es wieder Hackerten hätte gelten sollen! brach er in heftige Verwünschungen gegen alle Welt und die Seinigen insbesondere aus und polterte sich in diese Stimmung so hinein, dass Madame Schlurck bedacht war, sie rasch auf Hackert allein zu lenken und sagte:

Bartusch ist auch unverrichteter Sache aus der Brandgasse wiedergekommen. Fritz will Lasally's Prozess abwarten und nicht von hier fort gehen.

Diese Worte hatte die eben eintretende Melanie gehört.

Melanie war im weissen Morgenkleide mit einem langen Kragen, der von den reizenden Schultern fiel. Obschon sie ihr Haar bereits geordnet hatte, musste doch etwas Überwachtes, Gestörtes an ihr auffallen. Sie schien sehr erschöpft, fast hinfällig, fast leidend. In aller Ruhe bot sie den Anwesenden einen guten Morgen und setzte sich zum Frühstück.

Die Ältern waren erstaunt. War Das ihre heitre Melanie, die immer so sorgenlos hereinhüpfte? War Das der Schalk, der dem Väterchen um den Hals fiel und ihn herzlich küsste? Sprachlos sahen die Ältern auf diese feierliche Umwandlung und hörten mit seltsamem Befremden, dass Melanie, den Zwieback sich in ihren Milchkaffee brockend, ganz kurz äusserte:

Lasally lässt den Prozess fallen. Das wird ja nun abgemacht sein.

Schlurck näherte sich auf diese Worte. Sein Unmut war vorüber. Voll Zärtlichkeit setzte er sich an die Seite seiner Tochter, fasste ihren Arm, von dem die weissen seidenschnurbesetzten Oberärmel herabglitten und fragte:

Mein Herzblättchen, was hast du denn nur?

Spracht Ihr nicht eben ... sagte sie stockend.

Von Hackert, leider von dem ewigen Tema unsres Hauses, antwortete Schlurck.

Eure Besorgnisse werden nicht mehr nötig sein, fiel Melanie ruhig ein. Weiss der Himmel, es ist eine grosse Plage, die auf uns ruht; aber sie wird ein Ende nehmen. Lasally wird nicht so boshaft sein, diesen Gegenstand öffentlich zu machen. Ich habe ihm geschrieben und ihm bei Allem, was ihn noch an uns bindet, gebeten, die Vergangenheit ruhen zu lassen ...

Kind, du hast ihm doch keine Versprechungen gegeben? fragte Schlurck besorgt.

Warum? Werden diese Dinge nicht damit enden müssen, dass ich mich unter einen sichern Schutz und in ein festes Schicksal flüchte? Wessen Schuld ich so hart büssen muss, ... ich weiss nicht, ob es ganz die meine ist!

Diese Worte sprach Melanie mit grosser schmerzlicher Bitterkeit.

Du wirfst mir vor, dass wir Hackert schonen? sagte Schlurck. Ich schone ihn, weil er gefährlich ist, Schlurck sprach Dies mit einer Miene, die es verriet, dass er nicht im rechten Ernste sprach; – ich schone ihn, weil er in meinem Geschäftsgange manches Durcheinander beobachtet hat.

Melanie lachte höchst bitter auf.

Du bist erregt, sagte die Mutter zu ihr, ungemein besorgt. Schweig, Franz, wir wollen nicht mehr davon sprechen ...

Immer nicht sprechen, rief Melanie; immer nicht die Wunde berühren! Allmächtiger Gott, was bin ich doch unglücklich!

Damit stürzten ihr die Tränen aus den Augen ... Melanie weinte ... Sie, die die Tränen hasste, vergoss Tränen und ihre Ältern ... verstanden diese Tränen.

Nach einer langen, ängstlichen Pause sagte der Justizrat:

Die Schuld ist unser! Ich nahm ein Kind aus dem Waisenhause, weil ich Kinder liebeund keins hatte. Ich wählte ein Findelkind aus Mitleid und erzog es wie mein eigenes. Da schenkt mir die Mutter dich! Das Findelkind wird eine Stufe herabgesetzt. Ich erzieh' es für mein Bureau. Es ist anschlägig, aber voll schlimmer Eigenschaften. Wir achten ihrer nicht, weil wir das Vergnügen lieben und das Leben geniessen wollen. Melanie und Fritz wachsen auf wie Geschwister und sind es nicht. Was dann später gekommen sein mag, was der schlimme, leidenschaftliche Bursche getan hat ...