1850_Gutzkow_030_360.txt

Ton. Sie ist eine gute und liebe Frau, die uns wohl einmal besuchen könnte? Meinst du nicht, Franz?

Schlurck war über solche Beweise von Güte leicht gerührt. Schwach, charakterlos wie er war, hatte er wirklich ein weiches Herz und fühlte nie unzart. Er sah scharf genug, dass ihn seine Frau mit ihrer frivolen Philosophie trösten und erheitern wollte ...

Du bist wehmütig gestimmt über unsere finanzielle Lage, sagte er. Noch lässt sie sich aber ertragen. Wir nahmen viel ein, aber leider wir sparten nicht. Dennoch werde' ich Melanie, wenn sie endlich sich verheiratet, funfzehntausend Taler sogleich baar mitgeben können und mich gern verpflichten, meinem Schwiegersohn jede Erleichterung zu gewähren. Viel grösser, liebes Kind, ist nämlich nicht mein baares Geld, das durch den Fall der Papiere um die Hälfte im Werte sank. Deine Zukunft, liebes Hannchen, sichert dir eine in dem Londoner "Janus" eingeschriebene Rente und die Gotaer Bank ...

Ich werde sie nie benutzen ... antwortete Madame Schlurck, die sich lange nicht von ihrem mann mit liebes Hannchen angeredet gehört hatte und auch darin ein ominöses Zeichen sah ...

Nie! Nie! wiederholte sie gerührt und weinerlich.

Das wäre schlimm, Herz! sagte Schlurck jetzt wieder mit seinem gewöhnlichen Humor; soll ich London und Gota reich machen, jährlich Gelder einzahlen in Kassen, die mir dann nicht einmal solvent würden? Nein, Kind, den Gefallen tu' ich ihnen nicht ... ich sterbe vor dir.

Frau Schlurck brach diese Gedankenreihe, die zu trüb' war und zu dem comfortablen Frühstück, der hellen Morgensonne und den Blumen in den Porzellanvasen nicht passte, ab und knüpfte eine andere an.

Fünfzehntausend Taler! sagte sie. Wer gibt auch jetzt mehr von seinem baaren Gelde einer Tochter mit? Bei den reichsten Familien erstaunt man über die geringen Summen, die die Schwiegersöhne baar in die Hand bekommen, und so viel weiss ich doch auch, dass der Credit jede baare Summe im Geschäftsverkehr verdoppelt.

Ganz Recht! Machte nur Melanie endlich Anstalten! rief Schlurck halb zufrieden, halb ärgerlich und sah dabei auf einige alte Papiere, die er unter den Zeitungen neben sich liegen hatte ...

Sie hat heute in aller Frühe schon geschrieben; antwortete die Mutter und legte die Papiere so, dass ihr altertümliches Aussehen nicht die schöne Symmetrie und die Wäsche ihres Frühstückstisches störte; um fünf Uhr war sie auf und hier in den Zimmern. Um sechs schon musste Johann einen Brief forttragen. Sie sagte mir nicht an wen? Aber Johann zeigte mir die Adresse: An Lasally.

An Lasally! Hm!

Ich glaube fast, dass sie sich entschliesst, dem wirklich treuen Bewerber nun zuzusagen. Zwar in Hohenberg, wo sie sich einbildete, den Prinzen erobert zu haben, hat sie ihn kalt, fast zurückstossend behandelt, allein Das ist noch kein Beweis. Die Partie hatte nie deinen Beifall ...

Schlurck zog die Achseln.

Ein junger Mann, sagte er; von sehr reichen Ältern, zurückgekommen, aber im Reichtum erzogen, mismütig, verstimmt, verlebt, halb bankerutt, ein Israelit ... ich muss gestehen, etwas Seltsameres konnte uns nicht begegnen. Aber aus dem ganzen Leben weiss' ich, nichts kommt so wunderbar wie ein Schwiegersohn. Man träumt von einem Gelehrten und es ist ein Soldat, von einem Pfarrer und es ist ein Schauspieler. Das menschliche Herz!

Die Mutter suchte mancherlei Günstiges für Lasal

ly vorzubringen. Er wäre längst getauft, wäre gutmütig, gefällig, oft edel denkend, nur etwas verwildert und ohne Erziehung. Auch sie begreife nicht, wie ihnen Das geschehen musste, ihr schönes, gefeiertes, liebenswürdiges Kind gerade zu solcher Partie hergeben zu sollen, aber ein nachdrücklicher Bewerber stellte sich sonderbarer Weise ja nicht ein. Was wäre da zu tun? Man würde Lasally's Finanzen verbessern und dann vielleicht die Gewissheit haben, dass gerade Melanie in dem lebhaften Treiben seines Berufes sich gefallen würde ...

Schlurck schüttelte ungläubig, verdriesslich den

Kopf.

sonderbar, sagte er, ich liebe Vieles, was gefähr

lich ist, nur nicht die Öffentlichkeit, und auch du bist bescheiden und zurückhaltend und dies unser Kind nimmt den Lasally vielleicht nur, um immer gesehen zu werden, immer von Männern umringt zu sein, sich auffallend tragen zu können, auf allen Partieen und Corsos in der ersten Reihe zu stehen, zu Wagen, zu Pferde, wie eine Komödiantin ... ich begreife nicht, welche Geheimnisse in der natur liegen und manchmal glaube' ich doch, dass es mit den Sternen etwas Eigenes auf sich hat. Wer weiss z.B., ob ich nicht da etwas in der Hand habe, was uns doch von der notwendigkeit, aus Melanien die Frau Stallmeisterin Lasally zu machen, vielleicht befreit?

In der Hand? Diese alten Papiere?

Die Sterne bringen mich drauf. Es gibt mondhelle Nächte, Hannchen, in denen die Geister geschäftiger sind als sonst. So könnt' ich fast den Wallenstein parodirend sagen. Du hast mir von der Verwechselung des Prinzen mit einem jungen, hübschen mann, Namens Dankmar Wildungen, gesprochen; Bartusch erzählte mir Wunderdinge über Melanie's Gefallen an diesem Fremden ...

So lange sie ihn für den Prinzen hielt ... ergänzte die Mutter mit achselzuckender Bitterkeit.

Es wäre möglich, dass dieser junge Mann in die Lage kommen könnte, mit dem Prinzen Hohenberg