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rechte Centrum ist die Gegend, wo die Portefeuilles wachsen. Wenn das Glück gut geht, Justus, und Sie die Stimmen haben, werden Sie doch noch bei irgend einer Krisis Excellenz ....

Nein! Wenn Sie so über Alles spotten, Justizrat, sagte Justus fast ärgerlich und wollte aufstehen.

Sitzen geblieben! rief Schlurck. Altes Haus, Spass verstehen! Hier Jaquesson getrunken! Alles Andere ist eitel .... Sie sind auch eitel.

Dabei füllte er die Gläser, bemerkte aber, dass der Tischler vorhin das seine nicht geholt hatte. Als er sich umwendete, um ihn dazu aufzufodern, fand er, dass der sicher sehr ermüdete Wanderer schlief.

Der junge wählbare Wähler schläft, flüsterte Schlurck. Und um ein Uhr Nachts wach zu sein, ist allerdings eigentlich nur das Privilegium der Gebildeten.

Der Heidekrüger, verstimmt, gab ihm einen Wink und sagte leise:

Schlimm genug, dass wir in zeiten leben, wo man nicht einmal einem reisenden Handwerksgesellen sagen kann: Scher' er sich auf den Heuboden!

Was, Herr Justus ist nicht nur rechtes Centrum, bemerkte Dankmar, sondern auch Aristokrat geworden?

Ich bin ein ehrlicher Mann geblieben, antwortete der Heidekrüger; ich gebe Gott was Gottes, und dem Könige was des Königs ist. Jeder Stand soll in seinen Grenzen bleiben, der Dienende sich nicht zu dienen, der Arbeitende sich nicht zu arbeiten schämen.

Und der Wirt, fiel Schlurck mit jovialer Bestimmteit ein, der Wirt soll sich nicht irre machen lassen, sein Hausrecht zu gebrauchen. Wenn Sie, bester Freund, nicht auf Popularität speculirten, hätten Sie den Burschen da längst zur Tür hinausgeworfen.

Sie können's, sehe' ich, Justizrat, sagte Justus, nicht lassen, mich für einen ehrgeizigen Mann zu halten. Es sollte mich kein Mensch hindern und keine Rücksicht auf Wählen oder Nichtwählen bestimmen, Einem zu sagen, was ich von ihm denke. Aber betrachten Sie doch nur den Mann! Ich halte ihn für Das, was er von sich aussagt, aber die Meisten sind heute etwas Schlimmeres, als was sie sein wollen. Der kommt mir aber vor, als könnte er etwas Besseres sein.

Schlurck und Dankmar betrachteten den Schläfer in der blauen Blouse noch einmal aufmerksamer. Es war ein schöner, schlank gewachsener junger Mann. Er hatte den Kopf dicht unter beiden gekreuzten Händen auf den Tisch gelegt. Dem dadurch recht sichtbaren krausen hellbraunen Haar sah man die sorgsamste Pflege an. Ein um das Kinn rundherum gehender Bart hob die blassen, edlen Züge nur noch lebendiger hervor. Auf der hohen Stirn schien ein anderer Beruf zu schlummern, als ihn die Blouse verriet. Und doch war auch diese feiner als die eines gewöhnlichen Handwerkers. Sie war rings am Kragen, an den Ärmeln und auf der Brust einfach, aber sehr sorgfältig gesteppt. Die bunten Beinkleider waren von einem gewählten Muster, die Stiefel sassen auf einem zierlichen fuss, dem das Wandern auf der Landstrasse nicht geläufig schien. Als Dankmar bemerkte, dass an den Hacken dieser Stiefeln sich sogar ein kleiner Absatz Sporenleder befand, überflog den Justizrat eine düstere Wolke plötzlichen Unmuts. Es schien, als hätte er sagen wollen: Alles Fremde ist mir unheimlich. Auch Dankmar blieb ihm ohne Zweifel zu lange namenlos. Er griff nach der Uhr, zog sie an einer langen, schweren goldenen Kette hervor und liess sie repetiren. Sie schlug ein Viertel auf zwei.

Jetzt, bester Freund, begann er, zu Justus gewendet, ist es Zeit, aufzubrechen. Die Pferde werden vom Warten müde. Mein Kutscher fällt wohl gar vom Bocke und es ist heiss hier, recht heiss ....

Damit wollte er aufstehen. Aber Justus, der breite Auseinandersetzungen liebte, war eben erst im Begriff, sich recht gehen zu lassen. Man hatte seine Offenheit bezweifelt; jetzt kam ihm erst das Bedürfniss, sich vollständiger auszusprechen.

Nein, sagte er, nun lass' ich Sie nicht. Nun müssen Sie auf ein Stündchen bleiben. Die Nacht ist einmal verdorben. Sie fahren mit Ihren Staatsfüchsen in zwei Stunden nach der Stadt, was wollen Sie früher ankommen als mit Sonnenaufgang?

Bester Freund, mich erwarten Geschäfte ....

Sie bleiben noch! Auch der fremde Herr; ja! ja! Das lass ich mir nicht nehmen, mich gegen ungerechten Verdacht zu verteidigen. Mein ehrlicher Name ist nicht von gestern. Auch wir Alten, die wir sonst etwas waren, müssen uns wieder aussprechen dürfen. Oder sollen nur die Communisten, nur die Reubündler reden?

Die Reubündler stachelten Schlurck auf. Sie werden doch nichts gegen die Reubündler zu sagen haben, Justus? bemerkte er.

Gegen die Reubündler? Warum nicht? Sind Sie Mitglied des Reubunds?

Allerdings.

Ein Mann von Ihrem geist? bemerkte Dankmar.

Sehr schmeichelhaft, mein Herr! erwiderte Schlurck.

Allein ich versichere Sie, der Reubund ist eine der merkwürdigsten Neuerungen, die ich unserer an Ideen so armen Zeit kaum zugetraut hätte.

Das müssen Sie beweisen, Justizrat! rief Justus donnernd und zwang den Epikuräer, der diese Nacht einmal beschlossen hatte, die Gewalt des Sohnes derselben, Morpheus, nicht anzuerkennen, eine so kühne Behauptung zu rechtfertigen.

Schlurck sah sich noch einmal mistrauisch zu der schlummernden blauen Blouse um, schenkte noch einmal die Gläser mit seinem Jaquesson aus der hohenberg'schen fürstlichen Kellerei voll und begann mit einer Dankmarn wohlverständlichen und ihn sehr angenehm unterhaltenden Ironie:

Eh' ich denn also