Neumann, wie die Frau Justizrätin heute in aller Frühe schon erfahren, halbtodt von einem nächtlichen Balle heimgebracht und während noch die bedächtige Frau darüber nachsann, ob sie oder Bartusch dies neue unangenehme Ereigniss dem durch solche Bedrängnisse der nächsten Umgebung überaus leicht zu verstimmenden Gatten vortragen sollte, wollte dieser denn doch ein wenig genauer wissen, worüber die Jeannette nach dreijährigem Dienst so über Hals und Kopf aus dem haus fort müsse? Er hoffe, sagte er, dass sie noch auf ihrem Zimmer wäre und nur verboten erhalten hätte, zum Serviren des Frühstücks herunter zu kommen ...
Sie ist boshaft, gefährlich und fügt sich nicht in Melaniens jetzt recht empfindlichen Charakter! sagte die Mutter.
Ja, ja, setzte Schlurck hinzu, Melanie ist seit kurzem wirblich und wunderlich geworden! Ich glaube, dass es Zeit ist, sie entschliesst sich zu irgend einer Partie. Diese Tändeleien und kleinen Romane stumpfen das Interesse für ein Mädchen ab. Man muss nicht zu lange gefallen wollen und Alle blenden. Das Auftauchen einer hübschen Erscheinung sei wie das kurze Leben eines Schmetterlings! Weibliche Liebenswürdigkeit muss ein Ziel haben, die Ehe. Hernach kann sie sich ja noch einmal entpuppen und sehen, wie es sich in dieser Welt in anderer Form leben lässt. Die Ehe gibt ja erst die wahre Freiheit. Ich wünsche um so mehr ein Ende, als es Zeit ist, auch einmal über ihre Mitgift nachzudenken, die nicht gross sein wird.
Nicht gross? versetzte die Mutter etwas befremdet. Was verstehst du unter gross?
Ich habe Verluste gehabt, sagte Schlurck verdrüsslich, und werde deren noch mehr haben. Die Verwaltung der Hohenbergischen Güter ist in andere hände übergegangen, die Administration der Johanniterhäuser wird mir auch noch genommen werden –
In Folge des Prozesses?
So wie so! Bei der Stadt bleiben diese Güter und Häuser nun schwerlich länger und der Staat würde ihre Nutzung ganz anders ausbeuten, als wir bisher. Man wird alle die milden Stiftungen, die auf sie angewiesen sind, wie früher unterstützen, aber den Ertrag wird man zu erhöhen, die Kosten der Verwaltung zu vereinfachen suchen. Brechen damit zwei meiner Hauptstützen zusammen, so wird die Wendung unseres Gerichtsverfahrens mir nicht einmal mehr den alten Credit als Sachwalter lassen; denn bei Einführung des mündlichen Verfahrens kann es nur den Rednern gelingen, sich einen Namen zu erwerben und ich bin kein Redner. Das Bischen Politik, das ich, angestachelt von den conservativen Vereinen und besonders dem verdammten Reubunde, getrieben habe, hat mich bereits mit allen meinen arbeiten in Rückstand gebracht.
Das sind ja traurige Aussichten! Wir wollen uns einschränken ... sagte die Justizrätin seufzend.
Sprich das Wort nicht aus! antwortete Schlurck. Einschränken! So wie mich Mangel oder sorge begrüsst, ist mein Lebensende da. Etwas entbehren, etwas gehabt haben und sich's nun versagen müssen, nein, liebes Kind, Das wäre mein Tod!
Du sprichst wie ein Verschwender, Schlurck ...
Der ich doch nicht bin, willst du sagen? Herz, wir haben keine Übersicht über Das, was wir besitzen und brauchen. Wir geben aus und geben, weil wir einnehmen. Plötzlich sich nun einrichten müssen, die Reflexion bei sich zu Tische sehen und mit der Weisheit soupiren, das Alles würde vielleicht äusserlich gehen, aber du würdest erleben, dass ich innerlich anfinge recht zusammen zu fallen und an einem stillen Herzweh hinzusiechen. Ich würde lachen, scheinbar heiter sein, aber den Ruck hätt' ich doch weg und eines Tages bliese mich ein kühler Abendwind von dieser schönen Erde weg.
Franz! Franz! Welche düstere Gedanken!
Frau Schlurck weinte fast.
Sie hatte ihren Franz lieb, als Charakter, als Gemütsmenschen, wenn auch die Sage ging, dass der vorurteilslosen Frau Bartusch näher stehen sollte. Weltmann, wie Schlurck war, ignorirte er alle Mysterien und hielt sich an das Offene, an das Notwendige und Schickliche. Auch ihm war sein Weib so nötig wie er ihr. Er hatte in ihr die mildeste Richterin und die bequemste Freundin. Sie duldete alle seine grossen und kleinen Schwächen, nahm sie für gegebene Tatsachen und quälte ihn nie mit etwaigen Zumutungen, sich zu ändern, in sich zu gehen oder dergleichen angewandter Moral, die er um so mehr ablehnte, als er oft sagte: Kind, es gibt ein Dutzend moralischer Systeme! Welches ist das rechte? Er liebte im Vollen zu leben, und sie rechnete nie, da sie reichlich von ihm empfing. Sie schonte selbst seine geheimen, kleinen Neigungen, von denen er nicht frei war. Gern hatte sie dabei freilich, dass er sich unter seiner Sphäre hielt. Der kleine Roman mit der Justizdirektorin von Zeisel, geborenen Nutzholz-Dünkerke, der sich unter ihren Augen in Hohenberg entsponnen hatte, überraschte sie unangenehm und doch hatte sie sich auch bereits in diesen gefunden.
Du hast gestern Nachmittag nach Plessen geschrieben? sagte sie, um ihm einen Beweis ihrer Güte zu geben.
Ja, antwortete Schlurck etwas verlegen; ich habe dem Justizdirektor eiligst angezeigt, dass Prinz Egon die Verwaltung der Güter selbst antritt. Ich habe ihm gesagt, er möchte auf seiner Hut sein vor dem neuen Generalpächter, einem gewissen Ackermann, der aus Amerika gekommen ist, um seine Dollars in allerlei agronomischen Experimenten zu verpuffen. Bis er völlig zu grund gerichtet ist, wird dieser anmassende Sonderling viel Menschen zusammenhetzen und recht quälen können.
Du hast doch Frau von Zeisel gegrüsst? sagte die Justizrätin mit mildem und versöhntem