1850_Gutzkow_030_358.txt

Uhr um, schlägt, als wenn er die acht Klänge der Uhr wiederholte, acht mal mit der Hand langsam in die Luft und beugt sich bald nach rechts, bald nach links, als suchte er etwas.

Dabei lächelt er ...

Dann nimmt er den Leuchter und gleichsam, als wenn er sich über Schlafende beugte, leuchtete er hin ... bald hier, bald dort ...

Die Begleiterin riss sich jetzt die Larve vom Gesicht;

denn die Tränen rannen ihr aus dem Auge ...

Alle starrten nach ihr hin ...

Niemand kannte sie ...

Dies Raten und Forschen mehrte die Ängstlichkeit der Scene ...

Was tut er? Was bedeuten diese Bewegungen der hände, als wenn er ein Kind schaukelte ...?

So sprachen die stummen Mienen der Umstehenden und forschten leise die weinende Fremde aus.

Diese verstand sehr wohl, dass der Unglückliche durch das Schlagen der Uhr an den alten Grossvater Eisold in der Brandgasse und an dessen Urenkel, die Kinder, erinnert wurde und dass diese Gebehrde, die er in seinem träumenden Zustande machte, Scenen vorstellte, die sie oft zu ihrer innigen Freude erlebt hatte, wo der Bemitleidenswerte auf milder, weicher und ihr zugewandter besserer Stimmung Abends kam, zu den schlafenden Kindern auf ihre Lagerstätten niederleuchtete und diesen eine gute von Engeln behütete Nacht wünschte.

Der Nachtwandler hielt das Licht und leuchtete auf den Boden und lächelte und die Flamme des Lichtes fasste bereits sengend seine eigenen zerfetzten Kleider ...

Hackert! rief die Fremde jetzt vor Schreck und der Gefahr des Verbrennens und in ihrem überwältigten Gefühle stürzte sie auf diesen zu, dem aber schon ein mutigerer Zuschauer die Lampe aus der Hand riss und auf den Tisch stellte und ihn selbst auffangen wollte, wie er eben in Louisens arme sank und sich schaudernd besann auf Das, was ihm eben geschehen war und noch geschah ...

Alles kam näher; Alles wollte fragen, die Pein war furchtbar für Louise und Hackert, der sich in diesem Aufzuge unter allen diesen Menschen und in seinem Zustande sah ...

Glücklicherweise dauerte diese Folterqual für Hakkert und Louise nur eine Sekunde.

Denn im Nu erscholl ein gellender markdurchbohrender Pfiff.

Man sah sich um.

Die Polizei umringte eben jenen Mann, der Hackerten mit raschem Entschlusse das Licht aus der Hand gerissen hatte.

Es war Dies ein gebeugter, älterer Mann, sehr fein gekleidet, mit dunkler Perrücke und einer grossen schwarzen Binde über dem rechten aufstarrenden Auge.

Auch ein junges, allgemein gekanntes Mädchen, Namens Auguste Ludmer, wurde mit ihm zugleich verhaftet. Die grosse, bildschöne, schlanke Figur war so reich gekleidet, so mit Gold und Edelsteinen geschmückt, dass Alle starrten. Der Grund dieses überraschenden Zwischenfalls konnte Niemandem auffallen. Der Mann mit der schwarzen Binde hatte auf Kümmerlein's einfache Frage: Sie sind Murray? einfach geantwortet:

Ich bin Murray.

Ruhig hatte er sich in sein Schicksal ergeben, während Auguste Ludmer, genannt die Maler-Guste, sich wie verrückt gebehrdete, halb wütete, halb lachte und Mullrich mit den Worten anredete:

War Das ein Pfiff auf einem von deinen Hausschlüsseln? Pechdraht du! Diebsschlosser!

Das Sträuben des schönen, üppig geformten, an die Statüen der Griechinnen aus dem Zeitalter des Alexander erinnernden Mädchens half ihr aber nichts. Zwei Agenten, die Mullrich und Kümmerlein zu hülfe gekommen waren, führten sie fort.

Mullrich aber und Kümmerlein nahmen den Mann mit der schwarzen Binde, der sich Murray nannte, in die Mitte.

Er ging ruhig lächelnd.

Hackert schlich am arme des armen Mädchens, Louise Eisold, die die entstandene Aufregung benutzte um Hackerten fortzuziehen. Sie ging still und unscheinbar. Sie hatte den seidnen roten Mantel über dem Arm, die Maske in der Hand.

Die Tänzer, die Flöten, die Geigen, die Posaunen folgten.

Die Gaslichter erloschen.

Der Fortunaball hatte ein Ende.

Vierzehntes Capitel

Eine Morgenstunde

Es war sieben Uhr Morgens, als Justizrat Schlurck mit seinem "guten Hannchen" am Kaffeetische sass und das Frühstück verzehrte.

Franz Schlurck war im seidenen, leichten Schlafrock, Johanna Schlurck in einer leichten Morgenrobe, über dem haupt eine Dormeuse alten Geschmackes, jedoch neuester Mode. Die Spitzen lagen bis tief über die Stirn der klugen und besonnenen Frau, die heute den Kaffee lobte, weilihn Jeannette nicht gemacht hatte. Auch die Aufmerksamkeit des zweiten Mädchens, frische Blumen, die gestern Abend geschnitten, aber frisch benetzt heute früh schon um sechs Uhr auf dem Markte gekauft wurden, neben den Zwieback in einer Vase auf den Kaffeetisch zu stellen, lobte Hannchen Schlurck ausnehmend und stellte dadurch die Ruhe des Justizrats wieder her, die von der Nachricht, Melanie hätte eben der Mutter aus ihrem Schlafzimmer zugerufen, Jeannette wäre von ihr verabschiedet, etwas gestört schien.

Auch die Mutter hatte diese Nachricht ungern vernommen. Sie hasste alles Gewaltsame, alles Extreme.

Da aber Melanie einmal darauf bestand, musste diese Anordnung so bleiben wie sie war.

Auf des Justizrats Einrede, dass solch verletztes Volk viel Gift und Galle verspritze, viel klatsche und austrüge, erwiderte seine Gattin, die ebenso gedacht, dass man wohl, wenn Melanie's Zorn vorüberwäre, Jeannetten diesen oder jenen Beweis freundlicher Gesinnung geben könne, was Schlurck um so natürlicher fand, als er sich auch noch damit trösten zu können glaubte, dass Neumann mit der Zeit doch wohl die Jeannette heiraten würde.

Jetzt wartete aber bereits eine andere unangenehme Nachricht. Man hatte