1850_Gutzkow_030_357.txt

's Hand, um von diesem einen localkundigen Rat, irgend einen strategischen Angriffsplan auf die Nachbarloge zu hören.

Kümmerlein aber winkte ihm mit spähend aufgerissenen Augen und zeigte stumm auf die Wand, wo noch folgende Worte hörbar wurden:

Hör' Alter, sagte die Frauenstimme, wenn die drei fetten Tage im September kommen und ich sage an einem davon, wir gehen auf den Fortunaball und du musst tanzen ... so musst du's auch. Das erfordert unser Contract.

So werde' ich tanzen, antwortete der Alte.

Ha, ha! Das lassen wir für Geld sehen ...

Gelernt hab' ich's ...

Das möchte' ich sehen; aber mit mir nicht! Man lacht uns aus ...

Man lacht dich nicht aus, wenn du schöne Kleider trägst, von denen sie Alle wissen, dass ich sie dir schenkte ...

O Das muss lustig sein, dich da unten hinken zu sehen. Komm! Es rückt auf vier. Tu' mir wenigstens den Gefallen und mach' noch einmal im saal mit mir die Runde ...

Um fünf!

Nein, wir fahren jetzt ...

Warum jetzt schon ...

Was die Stunde kostet, dass der Kutscher hält, dafür ... dafür trink' ich morgen Chokolade.

Mädchen, weil du zu sparen anfängst, sagte der Alte lachend, will ich dir den Gefallen tun und einen gang durch den Saal machen. Glücklicherweise sind die Logen fast leer und von den Tänzern nur noch ein paar Wilde da, die sich nicht zur Ruhe geben wollen! Führe mich, Auguste! Ich kann nicht gut sehen. Komm, Auguste!

Auguste! sagte Mullrich triumphirend.

Ich kann nicht gut sehen? fiel Kümmerlein ein.

Wer?

Der da!

Nun?

Nichts begriffen?

Es ist die Auguste, die mir für vier Monate ...

Zum Henker, ja! Aber der Andre ...

Was denn?

Kommen Sie, sagte Kümmerlein kopfschüttelnd über die Beschränkteit seines Collegen. Rasch! Der verdammte Tunnel! Es muss von hier noch eine Treppe gerade in den Saal hinunter gemacht werden. Wir machen einen Capitalfang. Ziehen Sie die Pfeife heraus, wenn Succurs nötig ist ...

Mullrich, der immer nur an Nr. 17 und die ihm schuldigen vier Taler dachte, folgte verwundert dem klügern, an die schwarze Binde denkenden Kümmerlein ...

Gerade aber fünf Minuten vor dem vollen Glockenschlag Vier begab sich unten im saal der Fortuna folgende seltsame Scene:

Es war eben ein stürmischer Galopp, den man den Tarantelstich nannte, beendigt; die nur noch spärlichen Paare traten zurück und Manches rüstete sich, der tiefernsten, sittlicherhabenen Mahnung des durch die grossen Fenster hereinschimmernden Tageslichtes zu folgen und nun still niederblickend heimzugehen. Die Kraft des zuströmenden Gases liess in den Kronenleuchtern nach, ein unheimliches, gespenstisches Helldunkel verbreitete sich in dem staubigen raum. Die vorhin noch so freundlich schimmernden Toiletten wurden plötzlich fahl und erschienen zerknittert, die Gesichter, eben noch prahlerisch, machten sich hässlich, alt, ja als ein Kronenleuchter plötzlich ganz verlöschte, war es, als spräche eine Geisterstimme plötzlich ein schauerliches Wort, das dem Feste noch vor der Zeit ein Ende zu machen schien.

In diesem Augenblicke stoben, vor einem seltsamen Anblick, entsetzt, die Tänzer auseinander.

Die wenigen Tänzerinnen, die eben eiligst ihre Shawls und Hüte suchten, stiessen ein ängstliches unterdrücktes Ach! aus.

Alles sah mit dem Ausdrucke des fragenden, unsichern Erstaunens nach einer Erscheinung hin, die, durch die grosse Haupttür eintretend, erst Wenigen auffiel, dann Alle in Furcht und Schrecken versetzte.

Ein Tänzer, den Alle kannten, weil er sich als der Gewandteste, Witzigste, Ausgelassenste in ihren Reihen getummelt hatte, kam in zerrissenem Anzuge, verwilderten Kleidern, zerschlagenem hut über dem rötlichen Haar, Staub und Gras an den Kleidern und Stiefeln, mit einem jener Lichter, wie man sie unter Glasglocken, die die Flamme schützen, in öffentlichen Gärten aufstellt, herein, feierlich schreitend, gespenstisch, mit geschlossenen Augen.

Hinter ihm die rote Dame, die Allen aufgefallen war und noch immer ihre Maske trug.

ängstlich besorgt folgte sie dem Wandelnden und hielt Alle, die von dem Anblick überrascht erst lachend, dann entsetzt stillstanden, zurück, den Finger auf den Mund legend und förmlich mit den Händen um Schonung und Mitleid flehend.

Die Musik begann nicht wieder.

Die Tänzer flohen von jeder Seite weg, wo der gespenstische Wanderer mit dem grossen Windlichte daherkam.

Auch zu den wenigen noch besetzten Logen hinauf zischte man und erzwang Ruhe und allgemeine ängstliche Aufmerksamkeit.

Ein Nachtwandler! ging es mit flüsterndem Grauen durch die Reihen aller Anwesenden, die beklommen den Atem anhielten und nicht wussten, ob sie bestürzt sich entfernen oder das Ende dieses Zustandes und seine mögliche entwicklung abwarten sollten.

Manche waren freilich so frivol gespannt, dass es ihnen das Liebste gewesen wäre, der Unglückliche hätte irgend ein gefährliches Unternehmen begonnen und eine Tatsache ihnen bestätigt, von der man allgemein wohl viel erfährt, aber selten so günstige gelegenheit findet, selbst von ihr etwas in Erfahrung zu bringen.

In diesem Augenblick schlug es voll vier ...

Der Nachtwandler horchte auf und lächelte ...

Er blieb stehen ...

Seine schützende Begleiterin war in Verzweiflung, weil sie nicht wusste, was sie tun, was unterlassen sollte.

Indem setzt der Nachtwandler seinen grossen Leuchter auf einen Tisch, sieht sich nach der