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Setzen Sie sich nicht aus, rief er Mullrich nach, Sie wissen, dass wir nach Vier eine Recherche haben ...
Mullrich ärgerte sich über den Umweg durch den Tunnel, der schon leerer geworden war. Denn Die, welche nicht tanzten, hielten sich nicht bis in den frühen Morgen auf. Sogar Frau Katrine war zu Bett gegangen und hatte ihre Functionen einer andern weiblichen Bedienung überlassen und Peters war oben in den Logen beschäftigt.
Die Polizeidiener fanden im Garten ihr Einschreiten nicht mehr nötig; denn schon hatten sich mehre ihrer Kameraden ihres Incognitos begeben und halfen einen jämmerlich zugerichteten Mann daher tragen, für den um einen Wagen gerufen wurde. Einige jüngere Leute gingen schreiend und fluchend neben ihm her, während eine Frauenstimme wehklagte und den Fortunabällen, wenn sie von Mördern überfallen werden könnten, den Untergang prophezeite.
Man erzählte dann, dass eine Anzahl junger Leute mit diesem Schwerverwundeten und Halberschlagenen einem Andern aufgelauert hätte, um ihn für irgend ein Vergehen zu züchtigen. Auf das Hülfegeschrei einer Frau aber wären über den Zaun, an dem Holzschuppen rechter Hand – man zeigte in dem aufgehenden Tageslichte nach jener Stelle – eine Menge Vermummter mit Stangen und Eisen erschienen, hätten jenen Bedrängten befreit, aber den wildesten seiner Gegner auch in dem Grade kampfunfähig gemacht, dass dieser schwerlich wieder aufkommen würde ...
Den Verwundeten erkannte Mullrich sogleich.
Es war Dies der Kutscher des Justizrats Schlurck, Neumann mit dem Backenbart und den goldnen Ohrringen.
Die wildaufgeregte, schreiende Anklage kam von Jeannetten, die im Augenblick der Gefahr ihre Tändeleien nicht mehr durchführte und sich wohl vergegenwärtigte, wie ihre fast dreissig Jahre es ihr zur Pflicht machten, eine so solide anhänglichkeit, wie die des Neumann, wert zu halten. Sie verwünschte bald die Feigheit der Reitknechte Lasally's, die wohl Jemanden überfallen, aber sich nicht verteidigen könnten, wenn sie auf gefasste Gegner stiessen. Sie schwur der Roten Rache, die Hackerten diesen Schutz hatte herbeizaubern können und war im ersten Zorn so heftig über Fränzchen Heunisch, die von ihrem Tänzer geführt wurde, hergefallen, dass diese vorzog, zu flüchten und sich umsomehr bald von Sandrart nach haus begleiten zu lassen, als Louise Eisold und Hackert verschwunden schienen.
Der Oberkommissär Pax verschaffte sich, während man Neumann mit wasser besprengte und in den Wagen trug, alle nur zu ermöglichenden näheren Angaben über die Begebenheit, war aber insofern schon völlig im Klaren, dass er den Angreifern sagte, ihnen wäre Recht geschehen. Seine Teilnahme für Hackert gab sich dabei vollkommen zu erkennen. Und von den sogenannten Vermummten hatte er die Überzeugung, dass Dies Maschinenarbeiter von Willing's Fabrik gewesen wären, am Zaune gelauscht und die Gewalttat eben so gewalttätig verhindert hätten. Auch er sah sich nach Hackert um, der ebenso wie der mehrfach erwähnte und ihm selbst aufgefallene, noch immer nicht demaskirte rote Domino, verschwunden war.
Als die gleichfalls herbeigeeilten Kapellisten wieder an ihre Notenpulte lachend zurückkehrten und der Tanz aufs neue nun gerade erst bachanalischer als bisher begann, wollten auch die beiden Polizeidiener Mullrich und Kümmerlein wieder auf die Sternwarte. Pax aber rief ihnen nach und fragte wieder bei Seite:
Noch immer nichts von Nr. 2 gesehen?
Nicht ein Haar, Herr Oberkommissär.
Keine schwarze Binde überm Auge?
Nirgends; aber ein Franzose war da, Herr Oberkommissär. Nichts Verdächtiges an ihm bemerkt, als dass er französisch spricht.
Eine grüne Brille –?
Ein schwarzer Schnurrbart –
Es ist der Franzose nicht, der beobachtet werden sollte und doch hätt' ich gern erfahren, was hinter der grünen Brille steckt ...
Herr Oberkommissär, sagte Kümmerlein, der suchte nichts als die Frauenzimmer!
Schien mir auch so, antwortete Pax lächelnd. Als ich ihm einige Male nachgegangen war und ein Gespräch anknüpfen wollte, verschwand er. Ganz geheuer ist es mit dieser grünen Brille nicht. Er schlich dem Sergeanten und dem blauen Mädchen nach. Aber die schwarze Binde! Man versicherte uns, sie ginge auf den Fortunaball ... Nun gute Nacht! Ich gehe. Sie bleiben wohl bis zu Ihrer Recherche?
Es geht nun in Einem hin!
Vergessen Sie nicht, die Gebrüder Wildungen aus Türingen! drei Treppen bei Frau Schievelbein.
Neustrasse –
Was wir finden, geht mit ...
Besonders ein Bild ...
Abzuliefern an?
An Frau Ludmer, Kammerfrau der Geheimrätin von Harder.
Gut! Besorgen Sie das Alles mit der grössten Pünktlichkeit! Nun, gute Nacht!
Damit verliess Oberkommissär Pax den Garten der Fortuna und seine getreuen Organe kehrten auf ihren früheren Standpunkt, die Sternwarte, zurück ...
Wie sonderbar gleicht aber das Schicksal aus! Was dem Einen Quell der Leiden ist, wird dem Andern zum Quell der Freude! Wenn irgend etwas die Grösse jener unparteiischen Gewalt, die unsichtbar über unsern Schicksalen tront, vergegenwärtigt, so ist es dieser vollkommene Widerspruch in Dem, was dem Einen nützt und zugleich dem Andern schadet, ein Widerspruch für uns, der aber für jene ewige Gewalt die eigentliche Seele ihrer Harmonie sein muss ...
Eine solche Ahnung, nur nicht philosophisch ausgedrückt, lag im Auge des Kellners Peters, der in der grossen Loge bediente und seinen Türingern, die bei dem Lärmen zu spät gekommen waren, mit vertraulicher Miene zuraunte:
Eben ist der Kutscher des Justizrats Schlurck halbtodt vom platz getragen worden. Vor sechs Wochen kommt der nicht wieder auf, wenn er je wieder eine Leine führen kann. Was meinen Sie, wenn ich mich morgen bei dem Justizrat