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leidlich getröstet über das viele Widerwärtige, was sie an diesem Tage und Abende verlebt hatten, sich zur Ruhe begeben und nun zwang sie Heinrichson, der den höchst Gefälligen, höchst Liebenswürdigen machte, zu bleiben und in den scheinbar genialen Ton, den er anstimmte, mit einzustimmen. Sie taten ihm den Gefallen, aber widerstrebend. Ihre Anwesenheit hatte jedoch in der Loge schon den Erfolg, dass bei der Abstimmung über die Frage, ob man die hübschesten Mädchen aus dem Tanzsaale in die Loge mit hinaufnehmen wollte, die Minorität zur Majorität erhoben und mit 15 gegen 13 Stimmen den von Aldenhoven und Heinrichson beantragten Vorschlag eines sabinischen Mädchenraubes oder einer Razzia, wie Aldenhoven sagte, zur Niederlage brachten. Das Gespräch beschäftigte sich also mit dem einzigen Tema, das sich hier verhandeln liess:

Frauen und Politik, ohne dass die Ersteren daran

teil nahmen. Aber es wäre doch vielleicht besser gewesen, sie zuzulassen; denn der Streit über die zweite würde dann weniger heftig geworden sein. Es flogen die spitzesten Pfeile, wie immer, hin und her. Die politische Aufregung des Tages war so entzündlich, dass es im kleinsten Cirkel die schroffsten Gegensätze gab. Es ging oft unter den jungen Männern, Juristen, Malern, Offizieren so heftig lärmend her, dass Herr Hitzreuter, der Fortunawirt, sich zuweilen in dieser Loge aufmerkend sehen liess. Der allerdings gewandte Mann machte nur in den gewählteren Kreisen die Honneurs. Gross und stattlich von Figur, mit einem viel pfiffigeren zug, als sein in pekuniärer Hinsicht rangirterer Bruder, der Pelikanwirt, trug er durch seine diplomatische Vermittlung, besonders aber durch eine Dose, die er herumreichte, Vieles zur Milderung der sich etwas schroff gegenüberstehenden Ansichten bei. Schon, dass er so überaus schwärmerisch für Alles, was zur Landesfarbe und zum "uralt" Bestehenden gehörte, sich aussprach, erzeugte Einigkeit. Denn man musste ein solches Entzücken für die Reaction doch komisch finden ...

Den Austausch dieser Ansichten schildern wir nicht. Nennt diese Streitenden Söhne der Zeit, nennt sie Dioskuren auf den weissen Lichtrossen der Legitimität, nennt sie die gefesselten Titanen der Opposition; sie erörterten nur Das, was wir vorziehen, durch die Hebel des Volkes und an ihm selbst zu schildern durch eine allmälige entwicklung von Persönlichkeiten, deren Bedeutung für den modernen Volksgeist im späteren Verlaufe sichtbarer hervortreten wird.

Es ist aber doch einzig, sagte Kümmerlein auf der Sternwarte, wir haben jetzt bald drei Uhr und von der schwarzen Binde sieht man nichts.

Sie haben wohl nicht richtig gelesen, erwiderte Mullrich;

steht wirklich was von einer schwarzen Binde auf dem Signalement?

Wie ich gelesen habe ...

Lesen Sie doch lieber noch einmal, Kümmerlein!

Kümmerlein breitete sein Papier noch einmal auseinander und las wiederholt das Signalement Nr. 2.

Dreizehntes Capitel

Die schwarze Binde

Murray, ein Engländer oder Amerikaner, las Kümmerlein; mittlerer Figur, schwarze Perrücke, eine seidene schwarze Binde über dem einen Auge, Mund fast zahnlos, Kleidung: abwechselnd, ganz ärmlich, bald ganz elegant. Geht etwas gebückt an einem Bambusrohr mit goldenem Knopfe. Selbst bei ärmlicher Kleidung sieht man zuweilen goldene Ketten an der Weste und Ringe am Finger. Alter:

etwa sechzig Jahre, obgleich er bei eleganter Kleidung viel jünger aussieht. Im Falle zweideutigen Umganges zu verhaften.

Als Kümmerlein geendet hatte, musste Mullrich bestätigen, dass Dieser sagte es wenigstensauch ganz ebenso auf seinem Papiere stünde, allein darin kamen sie überein, dass eine schwarze Binde am Auge ein gutes Gewissen verrate ...

Denn, sagte Mullrich, einen bunten Hund kennt Jeder. Die den beiden Gerechtigkeitsdienern auf den Lippen schwebenden kleinen Rügen über Paxen's übermässige Feinheit und seine leidenschaft, es einem gewissen grossen Polizeimanne, den sie nannten, gleich zu tun, verhallten im Lärmen des Saales. Denn als sie auf ihren Uhren drei anrücken sahen, begann wieder die Musik des Orchesters und das Rauschen des Tanzes.

Die grosse im saal befindliche Uhr zeigte zwar die Stunde, schlug aber erst von vier Uhr an. Dies war eine eigentümliche Speculation des Herrn Hitzreuter im Einverständnisse mit der Kapelle. Schlug es nämlich zwölf, eins, zwei, drei, so wurden die Besucher der Fortunabälle, die absichtlich nach der Uhr nicht sahen, doch in ihrem Taumel immer stutzig; sie fühlten sich gemahnt, zeitiger sich zu entfernen, als dem Besitzer lieb war. Von vier Uhr an aber wünschten Herr Hitzreuter und die Kapelle selbst, dass man ging. Daher wurde das Schlagen von zwölf, eins, zwei, drei verhindert. Mit vier aber fingen die Mahnungen zur Entfernung an und sogar die Angaben der Viertel dienten gewissermassen als leise winkender Kehraus.

Eben wollten sich Mullrich und Kümmerlein wieder auf ihrer Sternwarte in die Sessel strecken, die eben nicht sehr bequem waren, und ein bischen "dämmern", wie sie den diensterlaubten Halbschlaf nannten, als plötzlich an den Ausgangstüren ein Drängen entstand ...

Manche Paare hielten im Tanze inne und Mullrich fragte Kümmerlein:

Kümmerlein, heda! hören Sie nicht schreien?

Schon aber hatten alle Tänzer, die den Saaltüren nahe standen, sich nach draussen gewandt. Denn ein so lauter Lärm, ein solches Rufen und Wehklagen konnte man vom Garten her vernehmen, dass die allgemeinste Neugierde geweckt wurde und diese sich allmälig Allen, auch den in den Logen befindlichen Zechern und Schmausern, mitteilte ...

Mullrich kletterte die enge schmale Treppe hinunter, gefolgt von Kümmerlein, dem eine Einmischung in handgreifliche Händel immer unwillkommen war