die ganze Gesellschaft, ohnehin entzückt von der zweiten Flasche, die inzwischen ankam, und klatschte in die hände. Der Spass, so zu einer Garderobe zu kommen, gefiel allgemein.
Das nenn' ich resolut –
So muss man Schulden eintreiben!
Louise soll leben!
Holt die Rote! Sie muss Champagner trinken!
Sandrart sogar, der sonst gesetzte und ruhige Sergeant, rief in seinem Wirbel und alle Bedenklichkeiten seines sonst sittsamen und vor dem strengen Vater im Ullagrunde sich fürchtenden Gewissens hinunterspülend:
So commandirt ein General, wenn er sich in aller Kürze in schwieriger Position zu helfen sucht! Napoleon sagte:
En avant! Und diesem Manöver verdanken wir unser liebenswürdiges Fränzchen Heunisch Wallstrasse Nr. 14 auf dem Fortunaball! Hurrah!
Jeannette blinzelte dem gebildeten Sergeanten, der eben französisch gesprochen hatte und sagte ihm augenzwinkernd, als er ihr einschenken wollte:
Comment vous portez vous, Musje?
Sie können sich wohl denken, fuhr Fränzchen unbekümmert um diese ihr ganz ungeläufigen Koketterieen einer doch mechanten Nebenbuhlerin fort, Sie können sich wohl denken, wie ich mich geweigert habe. Aber es half nichts. Eh' ich mich versah, waren mir diese Kleider über meine gewöhnlichen kattunenen – wie Sie Alle sehen können -übergezogen – das Haar verdeckte die Kapuze. Sie selbst nahm den roten Anzug – und so huschten wir über den Hof, nahmen einen Fiaker und hier kauften wir die Masken. So bin ich hergekommen und denke mit Schrecken an Mamsell Florentinen auf dem alten Markt, die wegen ihrer Kleider zur Polizei gehen wird.
Sie soll ihre Schulden bezahlen! sagte Heinrich Sandrart und schlug mit dem Glase auf den Tisch, dass es fast zerbrach, zog wieder sein Portemonnaie und wollte nun auch all' das Essen bezahlen, das immer während des Trinkens und Erzählens genossen wurde. Jeannette aber litt diese Grossmut nicht. Sie warf Neumann einen Wink zu, der sich dann in die Brust warf und sich den Wirt der Gesellschaft nannte. Indem er aufstand und etwas langsam berechnete, während der Sergeant schon zahlte, kamen die Jokkeis und flüsterten dem Kutscher etwas in's Ohr.
Jetzt dran! sagte er mit brutalem Ton.
Was ist? fragte der junge Soldat ...
Wir wollen die Rote suchen, sagte Jeannette, die die geheimen Zeichen verstand. Steht auf, Kinder, der Tanz fängt wieder an. Es schlägt drei. Bis fünf bleiben wir da, nicht wahr, Fränzchen? Siehst du, dass die Welt viel lustiger ist, als du dir's in deinem Hinterhof eingebildet hast, Närrchen. Gieb mir einen Kuss und ängstige dich nicht um mein Bett ... ich ziehe nicht zu dir!
Damit wusste die Schlaue es so zu wenden, dass sie zwischen das sich plötzlich erleichtert fühlende Fränzchen und Heinrich Sandrart kam und diesem ihren linken Arm zugeschoben hatte, er wusste nicht wie. Sie hatte Fränzchen am rechten Arm. Da es beim Eintritt in den Saal wieder sehr eng wurde, war sie des Sergeanten Tänzerin zu seinem eignen Erstaunen und, wie es schien, unangenehmstem Befremden.
Noch merkte man nicht, dass sich die zum Tanze antretenden Paare lichteten. Der Garten mochte leerer sein, aber hier unter den drei mächtigen Kronenleuchtern und oben in den überfüllten Logen ringsum, wo die feinere Gesellschaft tafelte, verriet nichts die Annäherung des Morgens, der sich mit einer sanften Röte in Osten schon ankündigte.
Fränzchen hatte nach einer Tour in der Runde wieder Sandrart am Arm. Jeannette huschte in den Garten ...
Oben auf der "Sternwarte" liess sich das neuerdings wieder zusammenströmende Gewühl nun am besten unterscheiden.
Dort sassen Mullrich und Kümmerlein auf kleinen Sesseln und schauten schlaftrunken in den Saal hinab.
Zuweilen kam Pax, um Neues, besonders über Signalement Nr. 2, die schwarze Binde, wie er sie nannte, zu hören. Dann wieder schickte Frau Katarina Peters aus ihren unerschöpflichen Bier- und Punschvorräten eine Stärkung hinauf, die ihnen einmal sogar Peters selber bringen musste. Sie wollte durchaus, dass er sich in seine neue Laufbahn fände und sich mit so wichtigen Personen befreunde, die er sehr oft auf ihr antreffen musste.
Was machen denn Ihre Türinger? sagte Kümmerlein etwas spitz. Man sieht ja Herrn Peters jetzt immer nur drüben in Loge Nr. 13 unter den Offizieren; sind die Landsleute doch im Garten nicht vergessen?
Peters antwortete gleich lieber gar nicht, um nicht ausfallend zu werden. Soviel konnte er aber doch nicht hinunterschlucken, dass er die Bemerkung hätte verschweigen sollen:
Lieber schon wär' mir es, es ginge diese verfluchte Treppe nicht erst in den Tunnel und ich könnte gleich in Nr. 13 von hier hinüber, wo meine Türinger mit den Offizieren sitzen.
Die Agenten, die um fünf Uhr etwas mit Türingern vorhatten, lehnten sich über die Brüstung und versuchten in Nr. 13 zu sehen. In der Tat waren Dankmar und Siegbert nach ihrem langen, stillen und traulichen Zwiegespräch, wo der Ältere über die Abenteuer des Jüngern fast sprachlos staunen musste, eben, wie sie nach haus gehen wollten, von den neuankommenden Offizieren und vielen andern Bekannten, zu denen jetzt auch Reichmeier und Heinrichson gehörte, so zu sagen aufgegriffen und in die Loge Nr. 13, die geräumigste und comfortabelste, zu einem dort veranstalteten Bankett fast gewaltsam entführt worden.
Erst waren sie auf der Gartenbank, trotz des sie umgebenden Geschwirres von Dankmar's Erinnerung an Hohenberg so gefesselt, dass ihnen Stunde auf Stunde verlief. Nun wollten sie, doch