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Louis Armand hör' ich, soll

dir Blumen schenken und ich wette auch Gedichte macht er auf dich. Heute las er Floretten eins vor, das er gewiss auf dich gemacht hat!

Fränzchen errötete. Sie wusste wohl von den Blumen, aber nichts von dem Gedichte, das ohne Zweifel ihr gelten sollte und Siegbert Wildungen erst übersetzt und noch in seinem Portefeuille hatte.

Indem knallte Sandrart's Champagnerkork und in einem der hingestellten Spitzgläser zischte vor ihr der perlende Wein, dessen Güte wir nicht zu bestimmen wagen, da wir über den Fortunawirt noch nicht wissen, ob er der Ehrlichkeit seines Bruders, des Pelikanwirtes, entsprechen wird ....

Kaum am rand ihres Glases nippend, fragte sie jetzt Jeannetten, was diese Übermütige von conditionslos gesprochen hätte?

Ja, Schatz, sagte diese, Das haben wir uns heute früh nicht träumen lassen, als wir Falbalas nähten, von der Tugend sprachen und die Fortunabälle kaum dem Namen nach kannten. Melanie kommt um zehn Uhr nach haus, fordert mich wie vor's Tribunal, hält mir eine lange Predigt Salomonis, will in's Kloster gehen und schickt mich vorläufig von Morgen früh an zu allen Teufeln.

Jeannette! Du hast den Dienst verloren? Das ist ja unglaublichsagte Fränz voll kindlicher Teilnahme.

Unglaublich? Seit ich dich hier Champagner trinken sehe neben einem so liebenswürdigen Sergeanten, ist Alles möglich. Neumann, erkläre du ihr's!

Dieser, die bebuschten Augenbrauen zusammenkneifend, grunzte etwas hin, was etwa soviel sagen sollte, als:

Die Aufklärung wird bald hörbar werden. Habt Ihr ihn auf's Korn genommen?

Das sagte er zu einigen jungen Burschen, Lasally'schen Reitknechten, die eben eintraten.

Macht's gnädig! meinte Jeannette flüsternd. Er hat's zwar um uns verdient, aber wenn er noch einmal so traktirt wird wie damals, erleben wir, dass ihn das fräulein aus Mitleid heiratet ....

Wo sie ihn nur gesprochen hat! bemerkte der Bediente Franz flüsternd. Ich gab ihr doch noch den Shawl um, die Excellenz war dabei und wir gingen fast bis an den Wagen mit.

Ich fuhr siesagte Neumann.

Und kaum steigt sie aus, ergänzte Jeannette, so kam die Bescheerung. Diese Verräter! schrie sie. Elende Menschen, die sie verkauften, umgäben sie. In Hohenberg hätt' ich sie verraten. Jeder bilde sich ein, ihr gefallen zu könnenund damit zerriss sie ihre Kleider, weil sie nicht rasch genug vom Leib wollten, und sagte mir auf.

Das fräulein dir, Jeannette! Ich kann mich noch gar nicht finden ...

Mir! Ja! Ja! Fränzchen! Das wäre nun ein Plätzchen für dich! Aber du bist ihr nicht mehr tugendhaft genug. Seit heute früh hast du einen schrecklichen Fehler angenommen. Du bist heimlich, gehst maskirt auf die Bälle in Garderobe wie eine Königinjetzt besinn' ich michdu kamst ja mit einer Roten. Wer war denn Die?

Ja, stimmten die Wandstablers neugierig ein, wer war die Rote?

Der junge Soldat schenkte ein, erschrak aber über die bekannte Erfahrung, dass eine Flasche dieses tükkischen Schaumweines sehr bald consumirt ist.

Man wartete gespannt auf Fränzchens Antwort, die sich aber nicht herbeiliess eine Aufklärung zu geben ...

Halt! rief Jeannette. Sie tanzte nur mit Hackert, rannte Dem nur nach, immer nur Dem ... es war Melanie!

Ah ... hiess es bei den Harder'schen Bedienten und sonst herum; die Schlurck!

Alle waren aufgestanden und sahen durch die Glasfenster, die den Saal von der Restauration trennten. Es war ihnen, als wenn sie nun aufstehen und die Rätselhafte verfolgen sollten.

Hackert schreibt schön und tanzt schön ... fügte Jeannette diesem Tumulte boshaft hinzu; es wäre nicht das erste mal, dass Schlag zwölf Uhr der Torweg leise aufknarrt und gewisse Leute in die Redoute gehen. Mach' uns keine Lügen vor, Fränzchen! Sage, wer war die Rote?

Sandrart bot Jeannetten ein Glas mit den Worten:

Lüge, mein fräulein! Das ist Beleidigung! Sie müssen sich mit mir duelliren!

Man setzte sich lachend nieder.

Jeannette nahm das Glas, verneigte ihr niedliches, gerötetes, stumpfnäsiges Gesichtchen, den Typus der Verschmitzteit und jener flüchtigen Kammerzofenschönheit, die bei dunkler Beleuchtung mehr verspricht, als sich bei hellerer motivirt findet, und sagte:

Sehr artig, Herr Sergeant!

Mit einem wohlgefälligen, herausfordernden blick auf den jungen Krieger, der ihr seit den UnterfutterGeheimnissen seiner Uniform doppelt zu gefallen schien, trank sie das Glas.

Fränzchen aber mochte den falschen Schein des Leichtsinnes und der Heuchelei nicht länger auf sich sitzen lassen, sondern nahm das Wort:

Wie ich hierher gekommen bin, sagte sie, ist mir wie im Traume geschehen. Es war zehn Uhr. Eben wollt' ich zu Bett gehen und legte die Kleider, die ich von der Putzmacherin auf dem alten Markte, der Florentine, zu besetzen hatte, sauber zusammen. Ich war müde. Da klingelt es heftig im Vorderhause. Die alten Märtens schlafen schon. Ich denke, obgleich unser neuer Mieter

Der feine gelehrte Franzos; lachte Jeannette.

Ein Franzos? sagte Heinrich Sandrart, angeregt und eifersüchtig.

Nicht jung! Nicht hübsch! Nein, ein Alter mit einer Perrücke!

Jeannette, die bei all ihrem Leichtsinn einige Gutmütigkeit besass, sagte diese Worte mit Beziehung.

Nicht wahr