und wohlerzogen, dass die kleine Blaue ihn zu ihrem Schutze gern am arme duldete und sich nur mit Ängstlichkeit nach der plötzlich verschwundenen Louise Eisold umsah, durch die sie veranlasst worden war, diesen gefährlichen Boden zu betreten und die sie nun verlassen hatte ...
Im saal wollte Heinrich Sandrart, die kleine Blaue am Arm, noch einmal versuchen, ob man nicht die rote Freundin entdecken könnte.
Es war gerade eine Pause im Tanze eingetreten. Man besprengte den Fussboden, um den immer lästiger gewordenen Staub niederzuhalten. Während sich das Orchester selber ruhte, gingen die Paare Arm in Arm in der Runde da spazieren, wo sie der Strahl des wassersprengenden Dieners nicht treffen konnte. Dabei wurden die Spiegel an den Wänden zu flüchtigen Musterungen der dérangirten Toiletten benutzt, tafftne Blumen am Haar wieder in Ordnung gebracht, aufgegangene Schleifen auf's neue gebunden. Viele auch verloren sich in den Nebensälen, um Herrn Hitzreuter's vielversprechende Speisekarte auf die probe zu stellen.
Eben erzählte Heinrich Sandrart seiner im saal wieder maskirten Freundin, dass er der Sohn eines wohlhabenden Bauern aus jenem Ullagrunde bei Plessen im Hohenbergischen wäre, einen guten Schulunterricht genossen hätte, die Landwirtschaft aus dem grund verstände, lieber aber im Waffendienste bleiben wolle, zumal wenn man unter einem so trefflichen Offizier stände, wie sein Bataillon, das der Major von Werdeck befehlige, als ein Schwarm junger, eleganter Cavaliere ihnen begegnete ...
Sandrart geriet etwas in Verlegenheit, als er unter ihnen den Leutnant von Aldenhoven, den Rittmeister von Asten, einen Herrn von Tielo, von Konnewitz und viele andre Offiziere in Civil erkannte, von denen wenigstens der Erste, da er zu Werdeck's Bataillon gehörte, ihn genau kannte.
Guten Abend, Sandrart, redete ihn dieser an. Blitz, was hast du da für einen verschleierten blauen Nachtschmetterling?
Herr Leutnant von Aldenhoven, sagte Sandrart mit einigem gereizten Nachdruck, ich bin heute Sergeant geworden.
Es hatte ihn vor seiner Begleiterin gekränkt, noch mit einem "du" angeredet zu werden, das man selbst als Gefreiter von seinem nächsten Vorgesetzten nicht gern hört, so "vertraulich" es klingen mag.
Ah! gratulire Ihnen! war Aldenhoven's etwas hämische Antwort, der den Stich wohl verstand.
Nun fing aber Rittmeister von Asten, Leutnant von Salza und andre der jungen von Champagnerlaune montirten Cavaliere an, der blauen Begleiterin des Unteroffiziers, die so elegant gekleidet war, zuzumuten, sie müsse die Maske abnehmen. Wer schön sei, verrate es auch. Sie wollten die künftige Frau Sergeantin sehen und schon zerrten sie an des armen geängstigten Mädchens Maske, als Sandrart seine Schutzbefohlene zurückriss und sich vor sie stellte, um jede weitere Gewalttat zu verhindern.
Meine Herren, rief er, aufgereizt, wir sind nicht im Dienst!
Ah! Sandrart, sagte Aldenhoven. Sie sind auch Demokrat und wollen keinen Gehorsam ausser dem Dienst! Bei Major Werdeck nicht anders zu erwarten ...
Es lag in diesen Worten allerdings nur flüchtiger Scherz; auch dass alle andern Militairs lachend sagten:
Was? Ein Demokrat? und dabei den Ton auf Das Wort:
"Gehorsam ausser Dienst" legten, auch das war mehr aus heitrer Laune; allein wenn einmal im menschlichen Gemüte eine Saite verstimmt ist, so kann sie ohne Gefahr auch nicht einmal im Scherze berührt werden. Sandrart rief, als Aldenhoven dennoch nach der Maske seiner Begleiterin greifen wollte, mit festem und gebildetem Tone:
Ich verbiete Ihnen, Herr Leutnant, diese Dame zu demaskiren!
Unter solchen Umständen musste man wohl von Glück sagen, dass ein zweiter eben vorüberziehender Zug diese Verwirrung auf heitre Art löste.
Ein junges übermütiges Mädchen, das in der einen Hand ein Champagnerglas hielt, griff im Vorübergehen lachend mit der andern nach der Maske der kleinen Blauen und während noch die Offiziere sich auf den kecken Ton Heinrich Sandrart's ansahen und eben entschlossen schienen, mit ihm eine andere Sprache zu reden, machte der Ausruf des Erstaunens: Fränzchen Heunisch! der Spannung ein Ende.
Jeannette war es, Melanien's heute' Abend entlassenes Mädchen. Sie hatte Fränzchen Heunisch's Maske in der Hand und die kleine Blaue, unsers guten und auf die Sittlichkeit seiner Nichte so tief vertrauenden Försters von Hohenberg ganze Hoffnung, bis hundert Klafter tief unter die Erde beschämt.
Das Erröten, die Verzweiflung Fränzchens half da aber nichts. Jeannette führte sie an einem Arm, Sandrart am andern und der lust'ge Zug, mit dem jene gekommen war, sprengte die ganze Gruppe auseinander. Die Offiziere fanden die Kleine allerliebst, schienen aber die Keckheit des Sergeanten nicht weiter beachten zu wollen, da inzwischen schon wieder neue Gegenstände ihre Aufmerksamkeit fesselten. Nur Aldenhoven sah ihm lange nach und sprach mit Tielo und Konnewitz über das Tema der Disciplin und die "Mannschaften" des Majors Werdeck, die sie "demoralisirt" nannten.
Aber du Duckmäuserin! rief jetzt Jeannette, in der der Geist des Tanzes, der Musik und des Zorns wirbelte. Du frommes Mutterlämmchen, wie kommst du Sünderin denn hierher?
Fränzchen Heunisch machte hundert Gebehrden, um sie zu bewegen, stille zu sein; sie wollte die Maske zurückhaben, um sich zu verbergen ...
Dummes Zeug! sagte Jeannette; wer kein Gesicht von Tannenzapfen hat, glatt und hübsch ist, wie wir, der soll sich zeigen allen Leuten zur Lust; nicht wahr Ernst?
Ernst von "Geheimrats" bestätigte diese Meinung und erklärte auf ein eifersüchtiges Befragen der Lore Wandstabler