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und ihre Hand fasste nach dem Herzen ...

Das Kindschläftstöhnte sie. Gott schützt es -morden Sie mich nicht! Hackert ist elend. Ich lernte ihn kennen, als er schon einmal für tot in unsre wohnung getragen wurde ... Danebrandich verdien' es nicht um Sieaber retten Sie! Steigen Sie über den Zaun! Noch eine Minute und es ist zu spät!

Willing wandte sich mit der ganzen Strenge ab, die er behaupten musste, wenn er in einem solchen Arbeiterstaate der Herrscher bleiben wollte.

Von uns hier steigt Niemand über fremde Zäune! rief er. Hinaus hier!

Danebrand aber ging nun zu Herrn Willing näher heran und sagte:

Herr Willing ... ich habe ... Herr Willing ... ich habe im Buckel einige Knochen zu viel, ... ich will ihr helfen. Was?

Danebrand! rief Louise freudig und sprang wie neubelebt empor von einem Sessel, den ihr die Arbeiter näher gerückt hatten.

Willing sah auf Danebrand, der ihn treuherzig anblickte, voll Zorn ...

Danebrand fuhr getrost fort:

Nicht einmal um dich, Louise! Deine Torheit zerreisst mir das Herz. Aber unser guter Maler, der hat gesagt, wer in der Nacht wandelt, den treibt der Teufel auf die Dächer, aber ein Engel kommt vom Himmel und hält seine Hand über ihn, dass er nicht falle ...

Damit griff er langsam und wie verstohlen hinterrücks nach einer eisernen Stange, die in der Nähe stand, und sie plötzlich mit der ganzen Gewalt seiner Muskelkraft über'm haupt schwingend, rief er:

Wer will uns was?

Dann aber, wieder wie bittend sprach er:

Herr Willing!

Willing wandte sich ab.

Nun stürzte Danebrand zur Tür hinaus, über den Hof und rannte wie ein Besessener davon.

Louise folgte ihm, wie ein Blitzstrahl so rasch ihn überholend, um ihm den Weg zu zeigen ...

Willing schüttelte den Kopf und sagte seine Erschütterung verbergend den Andern Gute Nacht!

Ackermann, Selmar und Leidenfrost, bewegt von der aufregenden, unerwarteten Scene, setzten sich auf den Wagen und fuhren hinaus in die Nacht und mit dem aufrichtigen Wunsche, dass Danebrand's edle Selbstbeherrschung umsomehr von einem glücklichen Erfolge belohnt sein möchte, als das allerdings in ziemlich zweideutigem Lichte hier auftretende Mädchen ohne Zweifel durch Zärtlichkeit und Mitleid an Hackert gebunden war und nicht so aussah, als würde sie ihr Herz einem mann schenken, der nicht noch die Bürgschaft einer besseren entwicklung bot.

Alberti aber und Heusrück legten sich nieder auf die Matratze.

Als sie gesehen hatten, dass Herr Willing, nachdem er noch Geld und Papiere in ein Portefeuille gesteckt, es dann mit sich genommen hatte und in einem entlegenen Wohngebäude das Licht eines kleinen Fensterchens ausgelöscht, sich also zur Ruhe begeben hatte, schlichen sie hurtig, sich auch mit Eisenstangen bewaffnend, ihrem Kameraden an den hintern leicht zu übersteigenden Zaun der Fortuna nach.

Nicht um den Nachtwandler ist's! sagte Alberti. Aber um den guten Schleswiger wär's doch Schade, wenn es zum Kampf käme und er ohne hülfe bliebe!

Zwölftes Capitel

Jeannette

Louise Eisold hatte Danebrand alle die Zeichen mehrmals wiederholt, die sie ihm geben wollte, wenn die drohende Gefahr wirklich herangekommen wäre.

Danebrand kauerte inzwischen, ohne Vorwurf, aber auch ohne ein weiteres Wort zu sprechen, mit seiner Waffe am rand des Fortunagartens, wo ein niedriger Schuppen leichter zu ersteigen war als das Einfassungsstacket.

Dann flog Louise triumphirend und fast lachend vor Schmerz und doch innerster Befriedigung mit Windeseile an den vorden durch mehre Gässchen abgesperrten Eingang der Fortuna zurück und reichteunterwegs ihr Costüm wiederherstellendan der Kasse die empfangene Contremarke hin.

Sie hatte Hackert, der sie noch immer nicht kannte, nicht wieder aus dem saal, wo er mit Andern in toller Raserei und mit den kunstfertigsten Schwenkungen und Figuren tanzte, herausbringen können. So sehr sie sich dagegen sträubte, ihm eine Teilnahme und Liebe zu verraten, die er selbst nur geringschätzte, hätte sie sich ihm dann doch vielleicht entdeckt. Hackert war ihr freundlich zugetan, hatte ihr oft Beweise von Dankbarkeit und Neigung gegeben, herzte sogar in stillen und ergebenen Momenten ihre kleineren Geschwister, aber im Übrigen waren seine Gedanken so weit von dem stillen, beschränkten Leben seiner Wirtsfamilie entfernt, dass er sich unter der roten Dame jede andere seiner frühern Bekanntschaften dachte, nur nicht seine Wirtin und sittsame Nachbarin.

Als er die blaue Begleiterin am arme des Soldaten erblickte, mochte er glauben, die ihn neckende rote Freundin derselben hätte sich entfernt ...

Der junge Militair war ein freundlicher, gefälliger Mann. Er sagte seiner ängstlichen und noch immer vor der grünen Brille, die sie wie die Schlange umzirkelte, wie ein Vögelchen zitternden Begleiterin, dass er Heinrich Sandrart heisse, aus dem Ullagrunde bei Plessen und heute zum Sergeanten befördert wäre. Die Gewohnheit eines dann bewilligten freien Tages hätte er einmal, nachdem er drei Jahre lang nicht getanzt, zu seinem Vergnügen, nicht zum Trinkgelage mit seinen Kameraden benutzen wollen.

Die kleine Blaue hörte mit Interesse zu, konnte sich aber nicht entschliessen, ihre weisse Maske anders, als in der Dunkelheit des Gartens abzunehmen.

Heinrich Sandrart war in den fragen nach den Ursachen ihrer Ängstlichkeit zwar nicht zurückhaltend, denn der Anblick der schönen Augen und der reizenden Jugendfrische des kleinen Mädchens zog ihn nur noch mehr an; allein in dem Verlangen nach Gunstbezeugungen gab er sich so sittsam