1850_Gutzkow_030_346.txt

wie nannten Sie ihn?

Morton.

Nein, Murray, besinn' ich mich, hiess der Alte, von dem mir Reichmeier erzählt. heute' Nachmittag um sechs Uhr etwa war ein alter hinfälliger Engländer mit einem bekannten, zweideutigen Frauenzimmer zu ihm gekommen und hätte verlangt, er sollte ihm diese anstössige Dame ....

Leidenfrost stockte, weil er nach Selmar sich umsah.

Dieser aber hatte die Tür geöffnet, dass der volle Strom der rauschenden Musikklänge von dem Fortunaball hereindrang.

Nicht aber diese Musik beschäftigte ihn so sehr, an die er in London sich gewöhnt hatte, als das Einspannen des Pferdes, das Alberti aus dem Stalle brachte.

Leidenfrost fuhr also unbekümmert fort:

Dieser Murray hatte eine grosse, schwarze Binde über dem einen Auge

Und? fragte Ackermann gespannt.

verlangte, Reichmeier, der ein rascher Portraitmaler ist, sollte ihm morgen in einer einzigen Sitzung, diese mit Gold und Juwelen behangene, grosse, schöne, aber sehr bekannte person als Brustbild malen. Als Reichmeier erklärte, Das könnte er nicht, hätt' er ihm sechszig Guineen geboten .... und Reichmeier will nun doch wirklich daran. Er ist ein Luca fa presto.

Da bin ich über die Auferstehung meines toten beruhigt, sagte Ackermann. Dieser Murray mit der schwarzen Binde ist mein alter geiziger Morton nicht. Der arme liegt im feuchten Meeresschooss! Wer weiss, welche Mühlsteine ihn niederzogen!

Eben schüttelten Willing und Ackermann sich zum Abschied die hände, eben griff Leidenfrost nach seinem grauen Hut, um auf dem Wägelchen mit in die Stadt zurückzufahren, eben erhoben sich die Arbeiter, um ihre schwarzen hände darzureichen und Selmar hatte schon die Peitsche ergriffen, die auf das halbe Stündchen der Rückfahrt Leidenfrost führen wollte, als vom hof her ein gellender Schrei: hülfe! hülfe! ertönte.

Alles sprang erschrocken an die Tür.

Im Sternenlicht sah man eine helle Erscheinung über die von Kohlenschutt geschwärzten Höfe daher fliegen.

Dem Lichte, das aus den Gasflammen durch die Fenster des Comtoirs auf die nächste Umgebung fiel, näher kommend, entwickelte sich die Hülferufende als ein Weib, das in flatternden Ballkleidern und fast aufgelöstem wirren Haare Rettung vor einer Gefahr suchte, die Niemand erblickte.

Die Klänge der Musik auf dem Ball schwiegen gerade. Von dorter musste die Schreiende kommen. Wie sie Menschen sah, stürzte sie auf sie zu und wiederholte den Ruf:

hülfe! hülfe!

Alberti stand, mit dem Pferde beschäftigt, am nächsten und glaubte sie zu erkennen.

Danebrand! rief er.

Ist Danebrand da? Gott sei gelobt, ächzte die Hülfesuchende und flog in die geöffnete Tür.

Ein junges Mädchen im sonderbarsten Aufzuge stand vor den Männern. Über den armseligsten Anzug, ein nicht gerade verwildertes, aber doch dem Äussern nicht entsprechendes Haar, waren ein glänzendes rotes Ballkleid und eine Florkapuze von gleicher Farbe geworfen. Eine schwarze Maske hielt sie in der linken, in der rechten Hand die Florbehänge, die ihr wild vom kopf geglitten waren.

Louise Eisold! sagte Danebrand mit erstarrten Lippen.

Dann sich ihr näher wendend, flüsterte er mit heftigstem Schreck:

Was wollen Sie?

Danebrand! Ich beschwöre Sie um Gottes Willen! Sie schlagen ihn heute tot! Kommen Sie! rief das Mädchen, das jetzt auch Willing erkannte.

Louise Eisold! rief der Fabrikherr mit Entrüstung.

Ist Das Ihre Armut, dass Sie den Fortunaball besuchen? Schämen Sie sich!

Verurteilen Sie mich, Herr Willing! rief das Mädchen, verachten Sie mich, nur hülfe! hülfe, Danebrand! Hackert's Leben ist in Gefahr. Ich habe Alles gehört. Lasally's Knechte, den Neumann vom Justizrat Schlurck und eine Horde andrer Bösewichter hat diese teuflische Jeannette aufgehetzt. Hackerten soll sie verdanken, dass sie heute um den Dienst beim Justizrat gekommen ist und Neumann wollte sie heiraten, wenn sie bliebewas weiss' ich! Gott, was weiss ich! Aber den Unglücklichensie schlagen ihn tot. Herr Willing, es ist Alles abgemacht ... Danebrand! Eine von den Wandstablers soll ihn in den dunkeln Garten locken! Jesus! Danebrand! AlbertiSie Herr Heusrückhelfen Sie!

Der Fabrikherr war im grössten Zorn.

Welche Zumutung, elende Dirne! rief er. Dieser brave Danebrand arbeitet für dich und deine Geschwister! Und du schändest das Andenken deiner Ältern, auf diesen Ball zu gehen? Und für wen soll Danebrand sein Leben einsetzen, für den Burschen, den du seiner treuen Liebe vorziehst? Weisst du, wem sein Leben gehört? Dem Schwur, den er deinen Ältern tat, deiner Mutter, als sie im letzten Todesjammer beruhigt auf seine treuen Augen sah! Hinaus Dirne! diese Stelle ist zu rein für dich und deine Schande!

Mit einem Schrei der Verzweiflung sank Louise zurück ...

Wo sind die Kleider her, die du trägst? riefWilling, nach ihnen langend und die entfallene Maske mit den Füssen von sich stossend.

Louise antwortete nicht ...

Lumpen unter gestohlnem Flitter! sagte Willing. Ja gestohlen, gestohlen deinen Geschwistern! Elende, wer sorgt für das lallende Kind neben deinem Lager, wenn du in den Nächten deine Gesundheit im Tanze verrasest? Hörst du das Kind um hülfe schreiender alte Grossvater stirbt vielleicht in diesem augenblicke ... und wir sollen hören, wenn du hülfe rufst für einen jämmerlichen Liebhaber? Pfui! hinweg von diesem haus!

Furchtbar tobte der Schmerz in des Mädchens Brust. Ihr todtenblasses Antlitz zuckte