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war auf den Tod erschüttert ... Und nicht von Ahnung; nein, es war Gewissheit. Was ich in dem elektrischen zug durch die Enttäuschung über den Nachtwandler an Kraft verlor, die Verstandesreflexion, die meine Nervenströmung aufhielt und dämpfte, wurde hundertfach ersetzt durch das Staunen über jenes Bild;

mein ganzer Mensch war ergriffen und so schnitt ich die Locke zur Erinnerung

Zur Erinnerung? Sie sagten vorhin ... Zur Strafe für den unvorsichtigen Schläfer; Strafe ist Verstandesreflexion, Erinnerung wäre besser. Erinnerung ist Gefühl. Alles gut, Alles gut; aber in die Kette der Überraschungen kam im Momente des Zweifels eine Verstandestätigkeit, die die glühende Nervenströmung aus den vier lebenden Wesen erkältete

Der falsche Nachtwandler also?

Schade! schade, dass der Nachtwandler ein Betrüger war!

Es war kein Betrüger! rief in diesem Augenblick eine entfernte stimme.

Ackermann und Leidenfrost sahen sich um, während Selmar, die Brieftasche an die Brust und die Herzgrube drückend, wirklich wie im magnetischen Schlafe zu liegen schien.

Der Sprecher war Danebrand, der sich aufgerichtet und zugehört hatte.

Wenn Das auf dem Heidekrug warsagte er fragend.

Ja! antwortete Ackermann. Es war auf dem Heidekrug.

Wenn der Nachtwandler Hackert hiess

Er hiess Hackert. Sehr richtig!

So war's ein echter Nachtwandler. Er kann aufgewacht sein, als Sie kamen. Aber es ist ein rechter Nachtwandler ... Das möchte' ich nun wohl von Ihnen hören, ob das Nachtwandeln vom Himmel oder von der Hölle kommt?

Während noch Ackermann betroffen von dieser Unterbrechung schwieg, sagte Leidenfrost:

Das sollt Ihr gleich hören, Danebrand! Die Nachtwandler treibt der Teufel aus dem Bett und jagt sie auf die Dächer, aber ein Engel vom Himmel kommt und führt sie so, dass sie sich kein Haar krümmen. Es müssen denn Menschen so weise sein wollen und den Namen rufen ...

Eben wollte Danebrand aufstehen, näher kommen und sich vollständiger über die gespenstige natur seines glücklicheren Nebenbuhlers unterrichten lassen, als aus seinem Cabinet Willing hereintrat.

Da ist mein Überschlag, sagte der Fabrikherr auf die in seiner Hand befindlichen Papiere zeigend; so gut sich dergleichen im voraus bestimmen lässt, glaube' ich etwa fünftausend Taler als die Summe bezeichnen zu müssen, die alle diese Gerätschaften kosten würden.

Ackermann wurde jetzt Geschäftsmann. Er verglich die einzelnen Ansätze, fand sie billig und erbot sich zu einer Anzahlung.

Als Willing bedauerte, diese annehmen zu müssen und Ackermann seinerseits als feste Ablieferungszeit den ersten Januar bedingte, kamen sie zu einer Vorausbezahlung von fünfzehnhundert Talern überein.

Ackermann nahm Selmarn das Portefeuille aus der Hand, öffnete es und legte diese Summe in Papieren auf den Tisch.

Während darüber die Empfangscheine ausgefertigt und überhaupt Geschäfte verhandelt wurden, zog sich Danebrand auf sein Lager zurück, nicht wenig aufgeregt von den Worten, die Leidenfrost über die Nachtwandler gesprochen hatte.

Selmar hielt sich jetzt mit Entschlossenheit wach.

Der zarte Knabe fühlte, dass er nun seinem Geschlechte Ehre machen, an den Wagen, an das Pferd denken müsste.

Leidenfrost veranlasste Alberti nach dem Pferde zu sehen, das im grossen Stalle der Fabrik so lange untergebracht war.

Alberti unterzog sich diesem Auftrage mit Freuden.

Während dieser Zurüstungen und nach abgeschlossenem Vertrage trat Willing mit Ackermann aus dem kleinen Cabinet heraus und wiederholte dasselbe Befremden, das vorher Leidenfrost über diese ausserordentliche Beschleunigung des viel zu kurzen Aufentaltes in der Residenz ausgesprochen hatte.

Ackermann wiederholte dieselben Entschuldigungsgründe, indem er noch hinzusetzte:

Ich hoffe nach einem Jahre alle die Lebenden lebend zu finden, auf die ich mich freue; hab' ich doch heute sogar einen wirklichen toten hier lebend zu finden geglaubt. Nicht wahr, Selmar?

Morton meinst du? sagte der Knabe und nannte einen Namen, den wir schon einmal in Plessen an der Zeck'schen Schmiede von ihm gehört haben.

Ja, denken Sie sich, fuhr Ackermann, der sich zur Abreise rüstete, fort. Ich nehme in New-York von einem Deutschen Abschied, der sich in Amerika Morton nannte. Ich hatte ihn dann und wann in der Union gesehen und als Sonderling schätzen gelernt, obgleich er ein wunderlicher und abstossender Mensch war. Noch während ich in New-York bin und mich zur Abreise rüste, erfahre ich, dass er sich in einem Anfall von Melancholie, an der er schon immer litt, das Leben nahm. Man fand seine Kleider am Hudson, seine Leiche war ohne Zweifel in's Meer geschwommen. Dass er sich das Leben nehmen wollte, war aus einem Testamente ersichtlich, das sich für mich vorfand und worin er mir aufträgt, seinen Verwandten in Deutschland einige nicht ganz unansehnliche Summen auszuzahlen und seinen jammervollen Tod nicht zu verschweigen, er könnte ihnen als Lehre dienen ...

Das nenn' ich Spleen! sagte Willing, seine Papiere zusammenpackend und verschliessend.

Aber sind wir nicht zu Tod erschrocken, als wir ihn heute auf der Strasse zu sehen glaubten?

Er war es nicht, Vater, sagte Selmar. Die grosse, schwarze Binde am Auge

Kind, die könnte sehr leicht eine spätere Zugabe sein ... doch glaube' ich wohl, dass der alte Grämling im kühlen Meeresgrunde schlummert. Aber ich sage drum, hier würde' ich jetzt mit toten und Lebendigen zu tun haben und das spar' ich mir auf, bis ich einmal Zeit habe zu einer vollständigen Musterung.

Eine grosse, schwarze Binde? sagte Leidenfrost. Das ist doch nicht ein Engländer, der