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, an dessen Leiden er ein so tiefes Interesse nahm. Er hatte das Portefeuille eingesteckt und sah ungeduldig zu Willing hinüber, der noch immer mit dem Anschlag nicht fertig war. Selmar aber schien übermässig ermüdet. Er schmiegte sich an den Vater so innig an, als wollte er in seinem arme schlummern.

Eine Studie für mich! rief Leidenfrost. Lear trägt Cordelien im Arm! Das möchte' ich zeichnen! Halt! Halt!

Damit wollte er ein Blatt aus seiner Mappe nehmen.

Erschein' ich Ihnen so alt? fragte Ackermann mit freundlichem Scherz.

Die langen im Winde flatternden weissen Locken denke' ich mir hinzuSelmar ist Cordeliadazu bedarf es nur eines andern Costümesaber der Ausdruck Ihres Antlitzes, Ihr Augeman möchte glauben ... Aber was habt Ihr? Herr, das Kind schläft ja nur, ist ja nicht totlassen Sie's doch gut sein, ich zeichne Sie nicht ... Herr Ackermann!

Der Amerikaner hatte wirklich mit einem Ausdruck dagestanden, wie Lear, indem er von seinem "toten Vögelchen" spricht und die Menschen auffodert, mit ihm zu weinen ...

Nehmen Sie wie König Lear eine leichte Flocke, sagte Leidenfrost scherzend, einen Federflaum und halten Sie ihn unter dem Atem des Kindeses schläft ja nur, Bester!

Ackermann setzte sich erschöpft und sprach mit leiser stimme:

Schon die Vorstellung, ein teures Kind zu verlieren, kann so überwältigen.

Selmar aber, im Halbschlafe Leidenfrost's Anspielung auf die Federflocke, wie sie Lear bei Cordelien anwendet, misverstehend, fuhr empor und fragte:

Du hast sie doch? Hast du sie?

Kind! Kind! beruhige dichund mich! sagte Akkermann, Selmar damit zum Schweigen verweisend.

Leidenfrost aber meinte, ob es unbescheiden wäre, nach dieser teuren so ängstlich bewachten Locke zu fragen?

O, sagte Ackermann mit einer Art Selbstbekämpfung, weniger die Locke hat für uns Wert, als die sonderbare Art, wie ich zu ihr kam. Vor einigen Tagen kehrt' ich unterwegs in einem wirtshaus ein, wo mir die Leute mit sonderbarer Angst von einem jungen mann sprachen, der sich auf der Reise zu uns gesellt hatte. Der Nachtwandler! riefen sie so deutlich, dass ich ihr Grauen bemerken musste. Bei genauerer Erkundigung hört' ich, dass der junge Mensch, der sich uns zutraulich und doch scheu angeschlossen hatte, an dieser traurigen Krankheit leide. Es liess uns die ganze Nacht keine Ruhe. Als ich gegen Mitternacht Geräusch zu hören glaubte, stand ich, halb angekleidet, auf und finde eine sonderbare Scene. Ein junges, wunderschönes Mädchen zeigt bald entsetzt auf den in der Ferne stehenden Nachtwandler, den die helle Mondnacht hinausgelockt hatte. Sie lässt ein Bild aus der Hand fallen, zeigt stumm und starr auf eine Tür und verschwindet voll Entsetzen. Ich hebe das Bild auf und gehe auf den Nachtwandler zu, der aber bei voller Besinnung war, mich anlachte, mir die Besorgung des Bildes empfahl und mit einem sonderbaren Ausdruck Gute Nacht wünschend, in sein Zimmer mehr entfloh als mit gutem Gewissen ging. Ich glaubte mich nicht zu täuschen, wenn ich annahm, dass ich hier einen sehr zweideutigen Menschen kennen gelernt hatte, der sich das Ansehen eines Nachtwandlers gab und vielleicht nur damit einen Vorwand für manchen schlimmen Zweck herauszukehren wusste. Als er später bis hierher mit uns fuhr, war mein Vertrauen vollends gewichen und froh war ich, als wir von seiner peinlichen Gegenwart befreit waren.

Und die Locke? fragte Leidenfrost. Ich hätte gewünscht, jener Nachtwandler hätte Sie nicht getäuscht. Ich hätte gewünscht, er wäre wirklich somnambül gewesen. Ich glaube an elektrische Leiter. Von wem nahmen Sie die Locke?

Vom haupt eines jungen Mannes, der in dem Zimmer schlief, wo ich im Auftrag der erschrockenen Dame das Bild abgab. Es sollte ... Aber, wie sagen Sie, ein elektrischer Leiter?

Sie müssen nun schon Alles berichten. Ich will sehen, ob hier eine magnetische Strömung stattfand ...

Der Lockenraub sollte ... eine Strafe sein für Menschen, die schlafen, ohne ihre Tür zu verschliessen.

Schade! Schade! Nur eine Strafe? Und dass jener Mensch nicht wirklich nachtwandelte!

erklären Sie sich deutlicher! Warum wirklich? Warum nicht Strafe?

Denken Sie sich diesen elektrischen Strom! sagte Leidenfrost. Nacht ... Mondenschein ... eine erschreckte junge Dame ... also Schrecken ... ein Sie überraschender Auftrag ... also wieder Schrecken ... ein Nachtwandler ... das Ihnen fremde Zimmer ... der Schlafende ... die Locke! Wenn das Alles so zugetroffen hätte, müsste die Locke mit Ihnen in einem Rapporte stehen, dass diesem Menschen, dem die Locke gehört, jeder Kuss auf sie angenehme Gefühle erweckte und wäre er hundert Meilen weit von Ihnen entfernt.

Selmar wurde blutrot vor Erstaunen über diese Auseinandersetzung, die der Vater mit einem lächelnden:

Glauben Sie an so etwas? aufnahm.

Schade! Schade! wiederholte aber Leidenfrost, dass dieser Mensch ein Spitzbube war! Zweifel, Lüge, Unglaube, Strafe stört die Kette! Die Berechnungen des Verstandes dürfen den Strom der Gefühle nicht aufhalten.

Nun, lenkte Ackermann mit ernster Miene ein, dann könnte ja noch der Fall eintreten, dass mich vielleicht das Bild selbst furchtbar überraschte

Auch Das noch? sagte Leidenfrost. Kannten Sie es?

Ich erkannte es. Ich