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Zeit verändert. Liegt ihm sein meerumschlungenes Vaterland am Herzen? Überarbeitet er sich? Was hat er? fragte Leidenfrost die beiden andern Arbeiter.

Er ist unglücklich aus Liebe, sagte Heusrück lachend.

Das ist nicht zum lachen; bemerkte Ackermann mit freundlichem Vorwurf.

Wie so denn aus Liebe? fragte Leidenfrost.

Ei, erklärte Alberti, Louise Eisold ist ein feines und sehr gebildetes Mädchen, erst neunzehn Jahr alt. Seitdem Danebrand bei den Verbänden, die sie am fuss ihres Vaters machte, sie sah, hat er den Mut gehabt, um sie anzuhalten. Er ist gar nicht ohne Mittel, hat wohlhabende Bauern zu Eltern und wäre längst weiter gewandert, wenn ihn Louise nicht "gefesselt" hätte, wie man zu sagen pflegt. Sie gab ihm kein Versprechen, denn bei Gott, so ein braver Kerl er ist ...

Zum Lieben ist er nicht gegossensagte Heusrück.

Warum? entgegnete Ackermann. Die Liebe hat seltsame Augen und ein treues Gemüt macht Jeden schön.

Leidenfrost blickte bei dieser Bemerkung nachdenklich nieder und seufzte ...

Es schien auch so eine Zeit lang, fuhr Alberti fort. Sie gingen Sonntags mit einander, wenn die Eltern dabei waren und Danebrand kann ganz charmant sein, trotzdem, dass ein tanzender Bär mehr zum lachen, als zum Lieben ist. Da starben die Eltern. Nun glaubte Danebrand Louischen die Hand anbieten zu müssen und zu dürfen, aber sie schlug's ihm rund ab. Sie bat ihn mit Tränen um Verzeihung, aber es kam dann bald heraus, dass ihr etwas Anderes im Herzen spukt

Ist Das wirklich wahr? fiel Leidenfrost ein; was man von einem Menschen erzählt, der bei ihr wohnt? Ich war neulich dort, um den Karl Eisold zu sprechen, dem ich Bücher gebe, sich mehr zu bilden ...

O Das nicht! entgegnete Alberti

Wohnt der Schreiber nicht etwa bei ihr? fiel Heusrück ein.

Bei ihr? Nun ja! Er wohnt bei ihnen Allen! Sie haben zwei Zimmer vermietet, und den Einen, einen schlimmen Burschen wie man sagt, soll sie gern haben und da hat uns noch neulich Einer, der in demselben haus wohnt, erzählt, dass es ihr mit dem so geht wie dem Danebrand mit ihr.

Er mag sie nicht? fragte Leidenfrost auf Alberti's freundliche Verteidigung.

Während sich Heusrück eben anschickte, das verhältnis noch anders zu erzählen, bemerkte Alberti und Leidenfrost, dass Ackermann sich plötzlich umgewandt hatte und in einiger Unruhe schien. Er sah bald auf den Tisch, bald unter den Stuhl, wo er gesessen; er schlug an seine Taschen und schien etwas zu vermissen.

Leidenfrost trat näher.

Suchen Sie etwas? fragte er.

Mein Portefeuille! antwortete Ackermann. Noch vor wenig Minuten sah ich es auf dem Tische

Als ich einschenkte, fehlte es nicht

Es muss sich finden

Mein Himmel; es wird kostbare Papiere entalten?

Geld, und manches Wertvolle ...

Es fehlt seitDanebrand?

Eben wollten die Arbeiter, erschrocken über diesen entsetzlichen Verdacht, aufspringen, als aus der dunklen Ecke, wo Selmar schlief, eine zarte stimme rief:

Vater! Hier!

Es war Selmar selbst, der die Brieftasche emporhielt.

Kind, sagte Ackermann, was machst du für Streiche.

Ei, warum gebt Ihr nicht Acht? antwortete Selmar und sprang vom Sopha auf. Während Ihr da im wärmsten Gespräch waret, hab' ich geträumt, die Locke wäre fort und in meiner Angst steh' ich auf, ihr seht und hört nichts, und habe nachgeschaut, ob die Locke noch da ist.

Indem trat Danebrand ein.

Ruhig und still ging er zu seinen Kameraden und legte sich auf das harte Lager.

Es lag eine gewisse Feierlichkeit in diesem Momente der Rechtfertigung eines edlen Menschen ... der erste Verdacht war gleich gegen ihn gerichtet gewesen, er stand in der Möglichkeit eines schlimmen Unternehmens da und wie er nach dem sofort entdeckten Irrtume ruhig durch die Glastür trat, lag auf ihm, trotz seines schmuzigen Aussehens und seiner misgeformten Gestalt, fast der Schimmer einer Verklärung.

Die beiden Arbeiter fühlten Dies auch mit wahrem Stolz und Ackermann und Leidenfrost mit Beschämung.

Das Gespräch über Louise Eisold war ohnedies abgebrochen und Ackermann begann gegen Selmar einige ernstliche Verweise auszusprechen.

Vater, verteidigte sich dieser, ich weiss ja kaum wie mir Das geschah! Ich lag und träumte von unserer Locke. Bald war sie eine Schlange geworden mit einer funkelnden Krone auf dem haupt. Bald sah ich ein anderes Ungetüm, das Härchen für Härchen an der schönen Ringellocke zerzauste. In der Angst um unser liebes Angedenken an den armen leidenden Freund wacht' ich auf, tastete noch wie halb träumend nach den Lichtern hin, trug die Brieftasche fort, wie in der Furcht, die Locke könnte uns doch noch gestohlen werden!

Und wahrscheinlich einige Tausend Bankzettel dazu, sagte Leidenfrost scherzend, um wieder die frühere Heiterkeit herzustellen und des Vaters plötzlichen düstern Ernst zu mildern. Aber in der Tat, hier hat man nur etwa die Metallgeister zu fürchten, nicht die Diebe. Unsere Willing'schen Arbeiter sind die gediegensten von der Welt und sind nicht nur ehrlich aus Instinkt, sondern auch ehrlich mit Bewusstsein, was ich höher stelle. Der politische Miscredit, in dem sie stehen, zwingt sie dazu, über ihre Tugenden nachzudenken.

Ackermann war von der Erwähnung der Locke mehr verstimmt als erfreut. Sie erinnerte ihn ja an den vermeintlichen Egon