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, die hände auf den Rükken gelehnt, an die Eingangstür, die in das kleine Cabinet des Fabrikanten führte.

Es läuft wohl hoch hinauf? sagte er gespannt, als Leidenfrost schwieg und er ein Gespräch nicht zu stören glaubte.

Es ist nicht leicht, sich jeden Anschlag ganz zu vergegenwärtigen, antwortete Willing. Wenn Sie noch eine halbe Stunde Zeit haben

Ich raube Ihnen die Nacht. Ich schäme mich, Ihnen zudringlich zu erscheinen.

Wenn Sie sagen, dass Sie Eile habenund noch diese Nacht reisen wollen ... Bestellungen, die auf mehr als tausend Taler gehen, nimmt man auch bei Nacht an.

Während Willing fortrechnete und sich Ackermann und Leidenfrost vom Cabinet entfernten, sagte der vielseitige Maler:

Warum eilen Sie so? Bietet Ihnen die Hauptstadt Ihres Vaterlandes, nach so langer Trennung, nicht mehr Zerstreuung, nicht mehr gelegenheit, das inzwischen entstandene Neue zu besichtigen? Und wenn Sie nicht für sich bleiben, bleiben Sie für Ihren Jungen da!

Ich habe gleich bei meiner Ankunft, sagte Ackermann bewegt, einen für mich sehr empfindlichen Schmerz angetroffen, die Krankheit eines mir sehr teuren Menschen, des jungen Prinzen Egonkennen Sie ihn?

Er ist seit kurzem von Paris angekommen.. Ich kenne ihn nicht ...

Er liegt am Nervenfieber so heftig darnieder, fuhr Ackermann fort, dass ich die fernere entwicklung dieses Leidens nicht abwarten mag. Seine Güter gerade sind es, die ich in Pacht genommen habe und auf denen ich meine Erfahrungen geltend zu machen hoffe. Nichts ist unterwühlender, als von der Pein einer ängstlichen Spannung täglich gefoltert zu werden. Gefasst auf das Äusserste, unvermögend zu helfen, geh' ich. Auch weiss ich nicht, ob Sie mich darin verstehen. Wenn Jemand jahrelang von der Heimat abwesend war und er sieht sie in der Absicht wieder, sich nicht bloss der Erinnerung gefangen zu geben, sondern auf ihrem Boden auch zu wirken und zu schaffen, so soll man der Erregung des Gemütes keine zu lange herrschaft einräumen. Ich brauche meine Vorsätze. Sie sind meine Stütze. Ich brauche meine Lebensauffassungen, wie ich sie mir nun einmal gebildet habe. Sie sind meine feste Anlehnung. Soll ich nun hier all' den Menschen begegnen, die ich von früher kenne ... ja liebe, achte ... aber ... ich fürchte, mich an sie und sie an mich zu verlieren. Such' ich den Einen, so wär' es lieblos, nicht auch den Andern zu suchen. Tät' ich nun Das, so fänd' ich kein Ende und von meinen ernsten Aufgaben käm' ich ganz ab. Deshalb hab' ich mich entschlossen, dies Wiedersehen und Wiederbegrüssen, dies Erinnern und Gedenken, auf eine Zeit aufzusparen, wo ich mich schon wieder fester in dieser alten Welt eingewurzelt fühle. Ich will rasch, ohne Zögern, an die Aufgabe gehen, die mir für's Erste die wichtigste ist.Leidenfrost konnte nicht umhin, diese Absich vollkommen zu billigen und zu erklären, dass er im gleichen Falle ganz ebenso handeln würde.

Sie sind also Maler, hör' ich mit Erstaunen, bemerkte Ackermann, als sie sich wieder gesetzt hatten..

Dass Sie aber auch mehr als Ökonom sind, glaube' ich gleichfalls erraten zu können, antwortete Leidenfrost.

Allerdings, sagte Ackermann; ich bin meines Zeichens ein Stubengelehrter, ein gelernter Jurist, dann Philosoph, Politikerich habe Vieles, wie Sie, durcheinander studirt, bis ich von allen meinen idealen Flügen auf die alte Muttererde zurückkam. Allein zu allen zeiten bin ich doch immer nur sozusagen Eins gewesen. Sie arbeiten aber à deux mains..

Doch nicht! sagte Leidenfrost. Ich war immer Künstler, wie Sie vielleicht immer Denker. Ich habe, als ich im Kloster unter den Nonnen war, schon Häuser von Pappe gebaut, Kästchen für die kleinen zierlichen Ostereier, die die Damen vom Herzen Jesu mit Seide umspannen und mit Goldfäden ausschmückten. Dann gab mich Äbtissin Sibylle, damit ich ein Pole und ein Katolik würde, nach Warschau in ein Mönchskloster, wo ich Musik trieb und die alten Gebetbücher abschreiben lernte, wobei ich zuerst mein Zeichnentalent in den bunten geschnörkelten Initialen zu erkennen gab. Bei gewissen geistlichen Passionen, die wir in der Charwoche und zur Weihnachtszeit aufführten, war ich Schauspieler. Die Zeit, wo ich Dichter war, überspring' ich. Es ist die Zeit einer hoffnungslosen Liebe. Auch meine Bedientenrolle bei Otto von Dystra war eine Kunstaufgabe. Ich wollte nur aus Polen entfliehen, unbekannt sein und meine Verzweiflung im Elend ersticken. Der bucklige Baron war ein Sonderling ...

Er ist es noch ... sagte Ackermann.

Er liebte alle möglichen Raritäten, für die er ein ungeheures Geld verschwendete. Damals hatte er es mit der vor funfzehn Jahren etwa zum ersten male auftauchenden Phrenologie zu tun. Wo er einen interessanten Schädel entdeckte, hätt' er am liebsten den Kopf gleich abgeschlagen und mitgenommen ...

Wie er in Niniveh die alten Tempeltrümmer mitnahm.. ergänzte Ackermann, der diesen berühmten Reisenden Otto von Dystra genau zu kennen schien.

Da sich diese Scharfrichterei aber nicht gut ausführen liess, fuhr Leidenfrost fort, so formt' ich ihm die Köpfe rasch aus Ton. Er gab mir die hundert Louisdors, um Bildhauer zu werden; ich war bescheiden und wurde erst Drechsler, bis sich der gährende, brausende Künstlerdrang nicht mehr halten liess und ich plötzlich Bildhauer, Maler, Architekt