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Was befehlen Sie?

Damit langte er neben sich hinunter und griff in einen zierlichen Flaschenkeller, der neben ihm auf der Erde stand und in seinen Räumen noch Platz hatte für die köstlichsten speisen und sogar das Eis, das er im blechernen Boden der ganzen Maschinerie beisichführte.

Nehmen Sie vom alten ehrlichen Jaquesson, rief der junge Tischler herüber und änderte ein wenig seine bequeme Stellung. Im hohenberger Schlosskeller lagen von dem haus Jaquesson noch vor einigen Jahren ein Dutzend Körbe der bewährtesten Etikette.

Schlurck richtete sich auf und blickte mit entrüstetem Antlitz zu dem kühnen Sprecher hinüber. Die Brille auf seine hohe Stirn ziehend, stierte er ihn jetzt mit den unbewaffneten grauen Augen an; denn Schlurck gehörte zu denjenigen Weitsichtigen, die gerade erst die Brille absetzen, wenn sie gut sehen wollen.

Woher wissen Sie Das, junger Mann? fragte er mit gezogenem Tone.

Ich habe im hohenberger Schlosskeller an den Gestellen für die Weinflaschen gearbeitet, antwortete der Tischler lachend, und Dankmar konnte ihm jetzt in sein schönes edles Antlitz sehen. Sein Haar war bräunlich und gelockt wie das seinige, der Mund voll der schönsten Zähne. Überhaupt hatte der Fremde einige Ähnlichkeit mit Dankmar.

Sieh, sieh! bemerkte Schlurck mit sonderbarem Dehnen der stimme; sieh, sieh, ich habe in der Tat nur Jaquesson bei mir.

Dann sich setzend und die Brille wieder über die Augen werfend, rief er:

Vive la gaieté, meine Herren! rücken Sie näher, junger wählender und wählbarer Tischler! Justus, Sie deutscher Patriot, herbei! Sie stossen auf die nächste Wahl in Ihrem Bezirke an, id est auf Ihre eigene Wahl! Ha, ha, alter Sünder! Das ist's doch nur, was Ihr so im Stillen ambirt! Papst Sixtus! Papst Sixtus! Der hat's auch so gemacht. In Demut dem Herrn gedient, geächzt, gestöhnt, die höchste Würde abgelehnt, abgelehnt bis er sie hatte und Papst war! Justus, edler Märtyrer alter Beamtenwillkür! Heran! heran! Eins, zwei, drei! Krach, das Eisen ist ab und nun die Eimer her! Vollgeschöpft!

Dankmar hielt getrost hin. Was sollte er da lange zögern? Der Heidekrüger aber legte die Hand auf sein Glas und sagte ganz verstimmt:

Das bitte' ich mir aus, Herr Justizrat! So haben wir nicht gewettet. Ich sollte daran denken, gewählt zu werden? Darum all' mein Eifer für Ihre gute und rechtschaffene Wahl? Nein, nein, bester Herr! Ich bin ein schlichter, einfacher Mann. Ich hab' Ihnen gesagt, wie ich mir Alles denke, wie's werden muss im staat, und nun kommen Sie an und tun, als hätt' ich den Hinterhalt ...

Hi, pfiff gleichsam Schlurck und gab einen eigenen Ton des zahnlosen Mundes von sich, einen Ton, der List und Ungläubigkeit ausdrückte. Was ist da mehr? Kommen Sie, wählender wählbarer Tischler, tun Sie Bescheid! Sie haben schon manches gute Wort in unser Gespräch hineingegeben. Ich ehre auch die Arbeit! Ich ehre auch die Herren Arbeiter! Die Herren Arbeiter sollen leben! Wir wählen Freunde der Arbeit! Feldarbeit, Werkstattarbeit, Geistesarbeit; nicht wahr, mein Herr, Sie sind Geistesarbeiter? ...

Diese Frage war an Dankmar gerichtet. Er bejahte sie.

Nun sehen Sie, fuhr Schlurck fort und reichte, um den Heidekrüger zu versöhnen, diesem seine goldene Dose hinüber, aus der er vorher selbst eine Prise nahm, was murren Sie, Justus? Es ist Alles Windbeutelei mit der jetzigen Politik! Kenntniss vom Recht? Gleich Null. Ehrgeiz ist die Achse des ganzen Getriebes. Steck da Einer seine Finger hinein, sie werden ihm bald zerquetscht werden. Die beste Politik ist gewiss die, aus dem staat Alles hinauszufegen, was in diesen Begriff seit hundert Jahren hineingepfercht ist. Wer sagt so etwas? Eine gute Polizei, das ist Alles, was man vom Allgemeinen verlangen sollte. Das Übrige bleibt der Gesellschaft überlassen. Verwaltung und Schule kommt an die Gemeinde, die Kirche bete und singe, was sie will. Die Provinzen halten jede für sich! Die Ständekammern sind blosse Abrechnungsconvente. Man kommt zusammen, um Soll und Haben auszugleichen. So ist's in Amerika, so in England, und das Beste dabei ist, dass die Menschheit vergnügt bleibt und Jedermann das angenehme Gefühl hat, in seinem Kreise so viel zu gelten, als er mit seiner person behaupten kann.

Bravo, sagte Dankmar, die Ansicht ist fast die meinige. Doch sind Sie dabei auf dem besten Wege zur Republik.

Wenn wir uns, fuhr Schlurck behaglich lächelnd fort, wenn wir uns eine Republik denken könnten comme il faut, warum nicht? Aber Das ist ja der ewige Jammer. Die heutigen Republikaner wollen mit dem staat auch wieder nur Staat machen. Da soll Alles von unten aufgebaut werden, symmetrisch, Alles in die Höhe, Alles Pyramide, Alles Centralisation. Der Mensch, die Gemeinde, die Gesellschaft werden nur ausgesogen zu einem grossen Allgemeinzwecke, der im grund wieder nicht besser ist als die alte Königs Majestät von Gottes Gnaden. Diese Wut, den Einzelnen für nichts mehr zu erklären, die ist ja so allgemein jetzt, dass die Lumpe in dem verdammten Communismus ihr Heil finden, als wenn dann der Einzelne was hätte, wenn Alle nicht viel haben! Meine Herren, die Erde ist ein höchst unvollkommener, höchst kleiner, obscurer Planet und