Die eingefleischtesten Ich-Staaten sind erst die asiatischen. Nach ihnen kommen die europäischen und ich weiss nicht, ob nicht noch in Asien mehr Garantie des allgemeinen Wohles vorhanden ist! Denn die Dynastieen morden sich da und können die Staaten nicht auf die Dauer für ihr Eigentum in Anspruch nehmen.
Aber Amerika?
Da ist man wenigstens verschont von dem Glauben, dass die Staaten die Emanationen irdischer Fürstenerscheinungen, die notwendigen Existenzbedingungen noch notwendigerer Dynastieen sind. Aber jede Gesellschaft, wenn sie auch auf das Interesse der allgemeinsten Wohlfahrt begründet wäre, bekommt auf die Länge ihre Traditionen, ihre besonderen Überlieferungen, die sich festsetzen, Form und Gestalt gewinnen und gesetz aufstellen, die mit der Zeit mächtiger werden als das allgemeine Bedürfniss. Das schaffende Individuum vollends wird sich immer erst seinen Weg bahnen müssen und durch seine eigenen Unglücksfälle weise werden. Ist's im Moralischen nicht auch so?
Sie haben eine trübe Lebensauffassung! bemerkte Leidenfrost.
Ich erheitre sie mir durch die natur und die Arbeit ...
Ihrem Knaben werden Sie zuviel Philosophie mit auf den Weg geben. Man liebt als Kind die Väter sehr, die zu leiden scheinen, aber sie fördern uns nicht. In's praktische Leben damit! Mir ist's so gegangen. Ich habe nicht gewusst, was Vater und Mutter ist. Ich bin in einem polnischen Nonnenkloster erzogen, obgleich ich gar nicht katolisch bin. Da wurde ich anfangs wohl verhätschelt und verzärtelt. Dann gab man mich in Warschau in ein Priestercollegium, ich sollte convertiren, Mönch werden. Ich brachte mit Nichtstun, mit Beten, Singen, Lesen, Schreiben, Administriren beim Hochdienst (obgleich ich evangelisch war) bis in mein fünfzehntes Jahr zu. Da sollt' ich zu den Weihen vorbereitet werden.. es war in Warschau.. ich entfloh, ward erst Bedienter bei einem reichen russischen Diplomaten, einem gewissen Otto von Dystra, einem geistreichen, buckligen Mann, der mich nur aus Lust an dem Abenteuer und um die Mönche um eine Seele zu prellen mitnahm ... dann ...
Otto von Dystra, sagte Ackermann ... er ist jetzt russischer Consul in Amerika?
Sie kennen ihn ...
Von Washington her ...
Nun wohl! Wir reisten damals von Warschau bei Nacht und Nebel davon. Hier angekommen, sagte er: Mein lieber Max, hier hast du hundert Louisd'ors! Zum Mönch bist du zu verschmitzt, zum Bedienten zu dumm, lerne etwas und tummle dich! Als Kind schon hatte' ich Heilige geschnitzt und den Erlöser aus Brotkrumen gedreht ... ich ging also bei einem Drechsler in die Lehre. Bald macht' ich einiges aufsehen durch meine Bildhauerarbeiten von Holz.. ich war damals so geschmacklos, sie zu bemalen ... Aber weil die protestantisch- und ästetischgesinnten Leute hier sie nun nicht mehr mochten, glaubt' ich, es läge an meiner Unkenntniss der Farbe.. so wurde' ich Maler.. die Malerei hab' ich dann mit leidenschaft erfasst ... bin aber doch Alles durcheinander und ich kann wohl mit einigem Stolz sagen ... in keinem Dinge, das ich ergreife, ein ganzer Pfuscher. Die Erziehung soll uns das Rüstzeug für gute und schlechte zeiten geben. Ich besitze durch fremde Güte und Liebe einiges Vermögen ... ich lasse es stehen, wo es steht ... ich will es erst in Anspruch nehmen, wenn diese hände lahm, diese Füsse müde sind.
Ich danke Ihnen für diese interessante Biographie! sagte Ackermann voll Teilnahme und gab Leidenfrost die Hand. Sie meinen, dass ich melancholisch bin, weil ich so wenig Wein trinke? Darauf schenken Sie ein und stossen an. Es lebe ... das Leben!
Das Leben! Das bunte Leben! Die Schule des Lebens! sagte Leidenfrost und ergriff die Flasche, um Ackermann's Glas bis an den Rand zu füllen.
Als sie angeklungen hatten, erhob sich Leidenfrost, der sehr aufgeregt war und ging zu Willing hinein, der zu ihm, ohne aufzublicken, lachend sagte:
Da bist du nun schön angekommen! Wärst sicher lieber auf dem Fortunaball drüben und musst hier Zeichnungen machen und meine Calcüls vergleichen bis nach Mitternacht!
Ein wunderlicher Mensch, dieser Amerikaner, sagte Leidenfrost mit gedämpfter stimme; aber so seltsam wie ein Prophet. Er hat mich gefesselt und ich bleibe so lange, bis du zusammengerechnet hast, was alle diese Angaben etwa kosten würden. Ich will seine Miene sehen, wenn du eine Garantie verlangst ...
Wär' ich reich, sagte Willing und müsst' ich nicht mit fremdem Gelde arbeiten und soviel arbeiten, um nur arbeiten zu lassen, ich könnte mich entschliessen, ihm auch auf Treu und Glauben diese Maschinen auszuführen. Der Verlust brächte immer noch den reichen Gewinn der Belehrung für meine Techniker. Wie er in dem Einspänner vorfuhr und mit der ruhigen Haltung eines Ministers fragte, ob ich Zeit hätte, ihm Maschinen zu bauen, und ich Ja! sagte, Zeit genug, wenn es keine Locomotiven und nur kleine Sachen sind! ... Wie er dann sagte: Ob ich ihm den Abend schenken wollte, um seine Pläne anzuhören und ich dann antwortete: Gern, aber ich muss zu meinem besten Zeichner schicken –
Leidenfrost wollte eben das ihm gespendete Lob ablehnen, als Ackermann näher trat. Er hatte einen kurzen gang durch das grosse Zimmer gemacht, einen teilnehmenden blick auf seinen schlummernden Selmar geworfen und stellte sich