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aber im inneren heute lebendiger als sonst in der Nacht.

In jenem Comptoir, beschienen von dem blutroten Abglanz der danebenstehenden in Tätigkeit erhaltenen Esse sitzt eine Anzahl Männer in verschiedenen Gruppen zusammen.

Es ist ein Uhr Nachts und zwei Gasflammen brennen noch so rein und hell auf einem grünen Tisch, dass sie die Vorstellung etwaigen baldigen Erlöschens nicht erwecken.

Einige Flaschen Wein, von denen zwei geleert, stehen auf dem Tisch, auch Braten, auch Brot, auch feineres Gebäck, als hätte sich ein Leckermund hierher verirrt.

In einem Nebenzimmer, dem abgeschlossenen Cabinet des Herrn Willing brennt gleichfalls eine Gasflamme über einem grossen grünbezogenen Stehpult, vor dem eben Herr Willing selbst auf einem emporgeschraubten Drehsessel jetzt sitzt, um sich nicht zu übermüden.

Er raucht eine Cigarre nach der andern, während er rechnet und von einer Menge vor ihm ausgebreiteter Zeichnungen bald diese, bald jene genauer betrachtet und in ihrem Kostenanschlage zu taxiren scheint.

In dem grossen raum vorher sitzen an dem grünen Tische bei dem einfachen Nachtimbiss zwei Männer, der Eine jünger als der Andre, und sind in einem warmen, angeregten gespräche begriffen.

Auch der Jüngere raucht. Der Ältere aber, ein hoher stattlicher Mann, spielt mit einem silbernen Crayon, das er aus einer neben ihm liegenden Brieftasche gezogen zu haben scheint. Noch liegen viele Zeichnungen, auch einige englische Bücher mit eingedruckten Kupfern neben ihm ...

In einem Winkel liegen drei schwarzrussige Feuerarbeiter auf dem Boden und sind vom halben Schlafe befangen. In einer Stunde schon werden sie wohl aufspringen und ihre Kameraden an dem Glühofen ablösen müssen, dessen Schein lebhaft ihr Lager auf Matratzen erhellt und einen andern dunkeln Winkel des grossen Zimmers, wo auf einem Sopha ein Knabe eingeschlummert liegt, mit dem wie magisch vom hof hereinbrechenden Lichte überglüht.

Am Eingange der grossen Glastür steht ein einspänniger ziemlich bepackter Wagen mit aufgerichteter Gabel, ohne Pferd.

Der jüngere Mann, der eben aus der dritten Flasche einschenkt und von der Cigarre die Asche am Stuhlrande abdrückt, blickt aus einem scharf geschnittenen, sarkastischen, zusammengetrockneten Antlitz mit Augen, die so hell blitzen, dass es uns gar nicht wundern würde, wenn er nach einer wie es scheint jetzt vollbrachten späten Arbeit noch auf den Fortunaball ginge. Er strich sich sein struppiges, etwas langes Haar und den grossen, blonden Knebelbart, den er bis zu einer solchen Länge trug, dass er ihn leicht hätte in Knoten schürzen können. Es war dies der Maler Max Leidenfrost.

Sein Gegenüber, der noch immer sinnend und nachdenklich seinen silbernen Crayon wiegt und zuweilen nach dem schlummernden Knaben auf dem roterleuchteten Sopha blickt, ist Ackermann ... Selmar hatte in jenem Winkel dem Schlafe nicht widerstehen können.

Das hat lange gedauert! sagte Ackermann. Ich glaubte nicht, dass uns die Garret'sche Hebelsäemaschine so lange aufhalten würde.

In die hab' ich mich leichter gefunden, sagte Leidenfrost, als in Ihren tollen Cincinnatipflug. Mit dem müssen Sie ja in die Erde hineinschneiden wie mit einem Rasirmesser in frische Butter ...

Es kommt auf den Boden an, sagte Ackermann. Überall würde er nicht zu gebrauchen sein, wie denn überhaupt die Landwirte darin fehlen, dass sie teoretische Verbesserungen für überall anwendbar halten. Der Cincinnatipflug soll mir auf moorigem grund vortreffliche Dienste tun, während ich für kalkige Gegenden mit der Zeichnung 14 besser fortkomme.

Darf ich Ihnen einschenken, Herr Ackermann?

Ich danke! Wenn ich in geistiger Anregung bin, ist mir eigentlich das Element des Wassers lieber ...

Sie sprechen über die Bestimmung dieser Maschinen, die Ihnen Freund Willing liefern soll, so feierlich, dass auf ihnen ein Segen ruhen muss. Gebe der Himmel, dass Sie sich nicht täuschen!

Leidenfrost schüttete ein Glas hinunter.

Amen! sagte Ackermann.

Mir hat es immer einen wehmütigen Eindruck gemacht, fuhr Leidenfrost fort, wenn ich eine Maschine fertig sah und mir ihre Anwendung dachte. Sie kommt an den Ort ihrer Bestimmung. Macht sie Menschenhände brotlos, so wird sie betrachtet wie ein ruchloser Eindringling. Mit tausend Flüchen beladen geht sie an ihre Tätigkeit und leider haben wir die Erfahrung gemacht, je geistvoller sie zusammengesetzt ist, je grösser die Vorteile sind, die sie zu versprechen schien, desto mislicher die Enttäuschung. Man sollte grosse Werkstätten, sei's nun im Ackerbau oder in der Technologie, von Staatswegen nur deshalb anlegen, damit auf allgemeine Kosten vorher untersucht wird, ob ein solcher teoretischer Traum sich auch der Anwendung lohnt und bewährt. Ich gestehe Ihnen, wenn ich mir denke, dass alles Das oder nur ein teil von Dem, was Sie so wahrhaft neu und erfinderisch uns heute hier angegeben haben, sich nicht nach Ihren Wünschen machte, mir Das wahrhaft leid tun würde. Denn Sie sehen an der späten Nachtstunde, mit welchem Vergnügen ich Ihren gedankenreichen Angaben gefolgt bin.

Was verlangen Sie da vom Staat! sagte Ackermann. Selbst erforschen auf eigne Gefahr und Kosten, was Andern schädlich oder nützlich sein könnte? O mein Gott

Geschieht Das nicht wenigstens in Amerika?

Auch da nicht! Das Leben ist uns Menschen gegeben wie ein roher Block, den wir auf eigene Gefahr zu formen und zu gestalten haben! Wer seine Wünsche erreicht, wohl ihm! Wer an ihrer Erfüllung scheitertsein Beispiel ist belehrend für Den, der auf seinen Trümmern weiter baut!

Grässlich ist's doch!

Das ist's.

Liess' es sich bessern?

Annähernd.

Warum nicht ganz?

Weil alle unsre Staaten egoistisch sind.