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im haus und Melanie schlüpfte mit Ihnen auf einen Tanzsaal, den das Mädchen nur sehen wollte, nur hören wollte. Das Abenteuerliche lockte sie ... Nicht wahr?

Hackert schwieg. Der Oberkommissär wusste zuviel von seiner Jugend, als dass er hätte läugnen können.

Jeannette, sagte er bitter, Jeannette wird Ihrer Wissbegier viel erzählen müssen, Herr Pax ...

Da wurde' es freilich schon anders, als die kam, fuhr Pax fort. Das Mädchen bekam Begriffe von Schicklichkeit und die Augen der Ältern setzten Brillen auf. Aus Liebe wurde ja wohl sogar Hass? Nicht? ... Aha! Sie schweigen! Werden Sie vernünftig! geben Sie Das auf! Schlurck's haben Engelseelen, dass sie Ihnen noch heute wie ihrem kind gut sind. Aber Melanie geht hoch hinaus. Jeannette spricht von Fürsten. Warum nicht? Sie ist das schönste Mädchen in der Monarchie glaube' ich. Aber Sie sollten Ihre Träumereien in den Schornstein hängen oder vielleicht Etwas werden, was sie hebt vor Schlurck's, Ihnen einen Charakter gibt. Verstehen Sie? Dann könnten Sie hintreten und sagen: Melanie, ich bin jetzt ...

Was?

Das findet sich! Raffen Sie sich zusammenkommen Sie morgen mit mir zum Polizeipräsidentener hat etwas für SieWollen Sie? Schlagen Sie ein!

Eben wollte der Oberkommissär aussprechen, wodurch Hackert's Genie sich eine Bahn brechen könnte, eben reichte dieser mechanisch und träumerisch seine Hand hin, als sie wiederum von der jungen, roten, eleganten Tänzerin ergriffen und dem drängenden Werber zu seinem grössten eigenen Erstaunen entführt wurde ...

Der blaue Domino hing schon halb widerstrebend am arme des jungen hübschen Soldaten ...

Der Oberkommissär, von der Keckheit jener Unterbrechungen jetzt selbst unangenehm berührt, folgte den zum saal fliegenden beiden eleganten Tänzerinnen nun mit beschleunigten und, wie zu irgend etwas entschlossenen Schritten.

Elftes Capitel

Der rote Domino

Welch' ein Gegensatz zu jenem rauschenden Gewühl der Sinnenlust, der Vergnügungswut und des gedankenlosen Übermasses der Freude die dicht daneben befindliche grosse Willing'sche Maschinenfabrik!

Am Tage rauscht es, lärmt es und tobt es auch hier.

Da steigen schwarze Wolken aus zehn turmhohen Schornsteinen, die Eisenhämmer dröhnen aus den gewaltigen Werkstätten, in den Glühöfen siedet es, der grosse Ventilator, mit dem gegen hundert Schmiedefeuer zu immer lichterloher Glut geblasen werden, stösst ächzende, singende Töne aus und zu dieser Musik der menschlichen Arbeit und des die Materie bewältigenden Gedankens wiehern die Rosse, die achtspännig die hier gebauten Locomotiven in die entferntesten Gegenden führen, um Kunde zu geben von der gewaltigen Tätigkeit vereinter Menschenhände und der gefesselten Naturkräfte.

Aber auch ein schlafender Riese schnarcht nicht wie ein gewöhnlicher Mensch.

Die Hämmer wurden zwar jetzt um zwölf Uhr in der Nacht nicht geschwungen, die furchtbaren Raspeln dröhnten nicht markerschütternd in den Werkstätten, der helle Metallklang der hohlen Cylinder erscholl nicht dazwischen, vielleicht wohllautend für das abgestumpfte Ohr, und doch war der Riese in seiner gewohnten Tätigkeit nicht ganz erstorben. Er schlummerte nur, um neue Kraft zu sammeln. Auch im Schlummer hielt er seine starke Hand geballt und zuckte zuweilen mit den Augenliedern, als träumt' er von neuen Heldentaten. Sein Schnarchen war wie das lebendige Atmen gewöhnlicher Menschen.

In den Schmelzöfen ging die Glut die ganze Nacht nicht aus. Die langen Schornsteine durften nicht kalt werden. Die grosse Dampfmaschine, die das Gebläse zu den Cupolöfen der Eisengiesserei trieb, ruhte nicht. In langsam feierlicher Bewegung gingen ihre Hebel und Stempel auf- und abwärts und hielten jene furchtbare Kraft gleichsam in gelindem Atem, die in der Frühe um sechs Uhr wieder gewaltig ausholen und wie mit vollen Lungen vereint die Kraft von tausend Menschen ersetzen sollte. Die Nachtarbeiter lösten sich ab. Bei den Vorräten der Coaks, der Steinkohlen, der Holzkohlen fanden sich Wächter ebenso wie in der angrenzenden Gasanstalt, durch deren unterirdische Röhren die ganze Fabrik in Winterabenden durch tausend Gasflammen erhellt war und auch im Sommer für die Nächte die Bewachung erleichtern mussten. In den Schmelzöfen und an dem Druckwerk des grossen Ventilators ... überall kauert sich ein Wächter, der gelinde und langsam das Tagewerk vorbereitet und die gewaltigen Kräfte nicht zu völliger Ruhe kommen lässt.

dicht an einem riesigen Krahnen vorbei, an einem Brunnen, der aus einem grossen viereckigen Turme, dem grossen Wasserbehälter, fliesst und nur ein Zeichen der vielen Wasserarme ist, die hier unterirdisch in alle Werkstätten fliessen und überall nur durch einen umgedrehten Hahn jeder einzelnen Tätigkeit dies immer notwendige Element zuführen, erhebt sich ein freundliches Gebäude mit grossen, bis zur Erde herabgehenden Fenstern.

Hier im Mittelpunkt des Ganzen ist das Comptoir, wo die Bestellungen angenommen, die Bücher geführt, die Zahlungen geleistet werden.

Durch die grossen Glasfenster kann man von allen Seiten die gewaltige Anlage übersehen. Hier liegen nur die Glühöfen in der Nähe, nicht die Werkstätten, wo das Eisen seine tausendfachen Formen empfängt und der Lärm zu gross gewesen sein würde, um nicht die Arbeit der Feder, die die Arbeit der Hand und des Dampfes hier zu controliren hatte, zu stören. Hier war der Unternehmer Willing von Technikern und Buchführern umgeben und beherrschte durch eine einfache, freundliche, besonnene, nicht im Mindesten diktatorische oder sich in die Brust werfende und doch mächtige Persönlichkeit das grosse vulkanische Reich.

Auch in dieser Nacht, während in der Fortuna die Trompete schmetterte und die Pauke ihre Wirbel schlug, war es zwar ruhig auf den vom Sternenlicht matt erhellten grossen Höfen der Fabrik,