Ohne lange Wahl war sie in die Reihen mit hineingerissen und tanzte mit einem ihr völlig unbekannten jungen Militair, der unter seiner Uniform eine feine elegante Piquéweste trug und an dem goldenen Streifen seiner Uniform zeigte, dass er schon einen höheren Grad erreicht hatte.
Das Gewühl war zu stark. Man konnte nur einmal herumtanzen und musste dann eine Weile auf frische Lücken warten ...
Hackert aber liess sich nicht hindern, im Tanzen fortzufahren, es war ein gewandter, wilder, allgemein bewunderter Tänzer, – wobei er aber statt röter, nur immer blässer wurde ...
Während die blaue Dame so neben dem jungen Militair stand und sich gefallen lassen musste, dass sie trotz ihrer Eleganz hier von Denen zum Tanze aufgefordert wurde, die das Lokal einmal besuchten, hörte sie hinter sich die Worte flüstern:
Quelle aimable danseuse!
Die wirkung dieser französischen Anrede auf die kleine blaue Dame war unglaublich.
Sie wandte sich um, sah, dass die grüne Brille unter dem Barte ihr zulächelte und geriet darüber so in Verwirrung, dass sie sich von dem jungen, hübschen Soldaten losriss, um Entschuldigung bat und davonstürzte ...
Dieser glaubte, sie wäre krank und wollte ihr folgen.
Nein! Nein! antwortete sie und hielt ihn zurück.
Fast beschämt wurde der junge Krieger, als er glaubte, er hätte wohl Unrecht getan, eine so elegante Dame aufzufordern und traurig zog er sich an die Wand zurück, um denen Platz zu machen, die ihren Tänzern nicht nach der ersten Tour so spröde davongingen.
Die grüne Brille irrte sich durchaus nicht, wenn sie annahm, dass ihrer französischen Anrede wegen die Himmelblaue aus dem saal eilte und ihren Tänzer stehen liess.
Sie benutzte die Wahrnehmung und ging ihr hüstelnd nach.
Die kleine Dame sah sich ängstlich um und floh förmlich.
Mais, ma belle – rief die grüne Brille und wagte es den Arm der kleinen Dame zu ergreifen.
Dieser zitterte ...
O lassen Sie mich! Ich schäme mich! waren die Worte, die an das Ohr der grünen Brille drangen und darauf hin versuchte der Astmatische ein deutsches Gespräch anzuknüpfen, dessen gebrochene Töne auf die kleine Blaue nur noch erschreckender wirkten.
Sind Sie's denn? O Gott, was werden Sie von mir denken? rief sie, als sie Beide mehr in der entlegenen Partie des Gartens waren.
Dass Sie sind ein kleiner Engel – eine von den drei Grazien, die verstehen zu tanzen à merveille. Machen Sie doch auf Ihre Maske, kleiner Engel!
Die Blaue schien nach diesen Worten zu begreifen, dass sie sich doch wohl geirrt haben mochte und viele Menschen in Frankreich wohnen, die gerade hier in Deutschland anwesend sein konnten, nicht bloss der Eine einzige, von dem sie sich zu ihrem Todesschrekken angeredet glaubte ...
Dennoch vertraute sie noch nicht ganz ihrer Täuschung, sondern sagte mit grosser Naivetät:
Es ist mir nicht im Traum eingefallen, auf diesen Ball zu gehen, aber meine Freundin hat mich überredet und ihren Bitten konnte' ich's nicht abschlagen –
Diese rote Tänzerin, sagte die grüne Brille, hat sehr viel Geist zu Unternehmungen und hat mich entzückt durch ihre Hardiesse ...
Hardiesse? fragte die Blaue. Ist Das ...
Die grüne Brille lachte über die Verlegenheit des Kindes und sagte:
Sie kleiner Engel haben nicht so viel von Hardiesse ...
Der blaue Domino glaubte, die grüne Brille spräche von einem gegenstand der Garderobe und sagte in aller Unschuld, ob Das eine Mode wäre?
Ha! Ha! Hardiesse ist eine grosse Mode aller Damen, sagte der Franzose, für die, welche besuchen die Bälle der grossen Oper. Ich bewundere Ihre Costümes! Es sind Costümes der Phantasie!
Von Flor, berichtigte die Kleine. Es sind Ballkleider, die nicht für uns gemacht wurden. Wie wir sie werden bezahlen können, mag Gott wissen!
Auf diese Äusserung hin musste die grüne Brille laut lachen.
Die Naivetät dieser deutschen "Grisette" die sogleich eingestand, dass sie hier mit unbezahlten Kleidern auf dem Balle war, machte die grüne Brille soviel Vergnügen, dass sie überdreist, ja widerlich wurde und auf eine volle Börse deutete.
Mein kleines Herz, sagte der Fremde, komm! Wir werden uns amüsiren! Wir wollen eine kleine Loge nehmen und speisen zusammen zu Nacht. Und morgen früh werde' ich deine Kleider bezahlen ...
Als die Blaue diese Zumutung hörte und nun ihren vollen Irrtum erkannte, schien sie in eine Verzweiflung zu geraten, die nicht künstlich war.
Die grüne Brille hielt sie aber für künstlich, schlang den Arm um die schlanke Hüfte der gewaltsam Widerstrebenden und zerrte sie in die dunkleren Bosketts, indem er sich beugte, um das halb weinende Mädchen zu küssen ...
Lassen Sie mich! Ich rufe um Hilfe! stöhnte das kleine Mädchen unter den gewaltsamen Umarmungen des schleichenden Lüstlings.
In diesem Augenblicke aber fühlte er statt eines Kusses, den er auf der rechten Wange erwartete, auf der linken eine gewaltige Ohrfeige.
Der rosa-rote Domino hatte ihn in dieser vertraulichen Form ihre weissen Handschuhe fühlen lassen.
Lachend zog die Rosarote die beängstete kleine Blaue aus des Erschrockenen Armen und verschwand mit ihr hinter den Hecken.
Die grüne Brille stand von dieser Störung sehr unangenehm überrascht da.
Es entging ihr nicht, dass diese Scene Zeugen gefunden hatte. Man umschlich ihn. Er glaubte sogar jenen Oberkommissär zu erkennen, der vorhin mit Hackert gesprochen hatte und der ihn mit