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auf geflügelten Sohlen und schnitten dadurch jeden Versuch der Männerwelt, ihnen zu folgen, ab.

Die grüne Brille hatte das Wort: Es sind die Wandstablers! nicht vergebens gehört. Sie musste ein zu lebhaftes Interesse an diesem Namen haben und folgte bis in die Dunkelheit, wo ihr die Blaue und die Rote nicht mehr sichtbar waren.

Etwas erschöpft von diesen Anstrengungen setzte sich die grüne Brille hustend auf eine zufällig unbesetzte Gartenbank, lüftete auch, da es überall dunkel war, einen Augenblick ihre Maskirung und sammelte wieder Kraft zur Fortsetzung ihrer Anstrengungen, die aus der Absicht, sich nur zu vergnügen, nicht ganz allein hervorzugehen schienen.

Ein leises Lüftchen, das über die Gärten und Wiesen herwehte, musste dem Erschöpften wohl tun. Die rauschenden Klänge aus dem Tanzsaale tönten hierher nur noch matt und verhallend. Man befand sich hier am äussersten Gitter der ganzen Einfassung dieser neuen Anlage. Im Sternenlicht konnte man in nächster Nähe nur eine kleine Wiese, dann aber ein grosses festungartiges Bauwesen erblicken. Die ungeheuren in die Höhe ragenden Schornsteine liessen dort eine grosse Fabrik vermuten.

Es war hier in der Tat ganz in der Nähe die grosse Willing'sche Maschinenfabrik, an welcher, um die Glut der Öfen nicht für das Tagewerk erkalten zu lassen, auch in der Nacht aus den langen Essen heller Schein und glühende Feuerfunken knisterten.

Wie die grüne Brille sich auf der kleinen Bank ruhte, mit der einen Hand ein seidenes ostindisches Taschentuch nach dem Gesicht führte, um sich den Schweiss zu trocknen, mit der andern an der weissen Farbe der frischgestrichenen Bank fühlte, ob sie nicht etwa noch abfärbte, dann aber eine Bonbonnière hervorzog und einige Pastillen in den Mund steckte, hörte sie hinter sich, wo sie Niemanden vermutete und selbst durch die wirkung der Pastillen und den aufhörenden Husten unsichtbar war, zwei Männer in einem ernsten, mit der heitern Regsamkeit des Abends in keinem Zusammenhang stehenden Tone sich unterhalten.

Die Männer nahmen mit ihm rücken gegen Rükken auf einer jenseit des trennenden Gebüsches in einem andern Gange stehenden Bank Platz und liessen sich nur dann zuweilen unterbrechen, wenn von einem Vorübergehenden eine Störung stattfand.

Sie sind ein Tor, sagte der Eine ziemlich rauh und hart, dass Sie Ihr junges Leben so unnütz verzetteln und nicht endlich einmal Anstalt machen, für Ihre Zukunft einen dauernden Grund zu legen. Was soll aus Ihnen werden? Sie haben Talent, Kenntnisse, freilich keine geregelte Erziehung, aber dazu bedürfte es einer nur kurzen Zeit und Sie würden Vieles nachholen, was Ihnen noch fehlt. Nur müssten Sie dies Träumen und Lungern aufgeben und etwas Solides anfangen. Es ist die höchste Zeit oder Sie sind verloren!

Der Andere antwortete mit einer schwächeren, aber sanften und hochklingenden stimme:

Ich bin krank. Mein Leben ist verpfuscht. Noch einige Jahre und ich breche mir einmal den Hals durch Zufall oder mit Absicht. Das wird das Ende sein ...

Gehen Sie weg! Sie sind ein Tor! sagte der Andere. Freilich müssen Sie sich ruiniren, wenn Sie heute einmal im feld schlafen, morgen eine ganze Nacht so durchrasen, wie ich Sie vorhin im saal bemerkt habe. Sehen Sie! Wie erhitzt Sie sind! Wie Ihre Brust keucht! Wie Ihre hände glühen! Sie sind auf dem besten Wege zur Schwindsucht!

Das ist der Tanz nicht, sagte der Andere. Das ist mein Glück, meine Freude, die an mir zehrt.

Haben Sie Glück, Sie Freude? Ein Mensch, der im dritten hof eines erbärmlichen Hauses wohnt, drei Treppen hoch, links und rechts von Armut und Elend umgeben? Ich weiss, dass Sie nicht darben. Der Justizrat liebt Sie väterlich, liebt Sie wie einen Sohn. Und wissen Sie, manchmal kommt es mir vor

Halt! Mir ist schon Vieles vorgekommen ...

Als wäre der Justizrat selbst Ihr Vater.

Dass Sie der Teufel hole! Das wäre mir nicht lieb! antwortete der Andere rasch.

Warum nicht?

Mein Vater? Sagen Sie Das nicht wieder!

Was wäre da? Sie sind ein Waisen-, ein Findelkind! Sie führen den Namen Hackert von dem Paten, den man Ihnen im Waisenhause gab. Es war ein Kaufmann, der dem Waisenhause gerade gegenüber wohnt und nichts dagegen hatte, Ihnen seinen Namen zu geben, weil er vom Waisenhause lebt. Durch welche Teufelei, wenn mich doch der Teufel holen soll, kamen Sie an den Justizrat?

Das weiss ich nichtaber mein Vater! Nein, Das wäre eine weinerliche Komödie, wie ich sie einmal für zehn Silbergroschen im Teater sah. Gehen Sie weg, Herr Oberkommissär! Sie haben Musse Romane zu lesen. Pfui Teufel! Kommen Sie; Das könnte mich rasend machen! Lassen Sie mich tanzen! hören Sie: Polkatöne! Komme doch! Komme doch, holde Schöne!

Aha! Ich merke, Sie können meine Vermutung nicht ertragen, weil Sie nun merken, warum Schlurck

Der Andre pfiff.

Sie aus dem haus geworfen hat.

Lassen Sie mich los! Die Polka fängt an ...

Sie tanzen nicht! Sie sollen vernünftig sein! Wissen wir nicht Alle, dass Sie mit dem schönen, kecken Mädchen, mit der Melanie ...

Stille! Erst: Wir? Wer sind die Wir?

Die, die scharfe Augen und nebenbei mit Schlurck, Bartusch und andern Stützen der Gerechtigkeit mancherlei zu tun haben. Auch Dienstmädchen plaudernEben sprach ich Jeannetten

Sie ist hier?

Die Schlurck'