mag, doch ihre anhänglichkeit an die abenteuergesegneten beiden Pfarrerssöhne von Taldüren nicht aufgegeben. Sie gehörte zu den leichten, aber hätschelnden Frauennaturen, die eigentlich etwas unendlich Wohltuendes im weiblichen Charakter repräsentiren, wie gering auch sonst ihr innerer moralischer Wert erscheinen mag.
Sie sind hier noch nicht lange Kellner? begann Kümmerlein, indem er den in seiner Jacke jämmerlich dastehenden und auf die zweite Fuhre "SchattenMargo" harrenden Peters betrachtete.
Wie so? fragte Peters nicht ohne Empfindlichkeit.
Weil Sie die Weine am unrechten Fasse zapfen. Hier ist ja der Keller oben, sagte Kümmerlein.
Die verkehrte Welt! brummte Peters.
Der ist kurz angebunden! wandte sich Kümmerlein zu Mullrich, der eins der immer schon eingeschenkt dastehenden Gläser Bier ergriffen hatte und es mit raschem zug leerte, indem er langsam den Beutel zog und noch langsamer aufknöpfte.
Kurze Stränge, fährt sich besser! sagte Peters.
Der ist grob wie ein Fuhrmann, antwortete Mullrich.
Und Euer Geldbeutel weit wie ein Bettelsack.
Ein Gelächter der dicht Umstehenden begleitete diesen kurzen epigrammatischen Dialog. Kümmerlein, eben im Begriff sich in seiner Würde zu zeigen und von Mullrich unterstützt, der einen gewissen strategischen Bogen, den er sehr in der Gewalt hatte, um den rebellischen Kellner zu ziehen anfing, wurde in dem Beginn tatsächlicher Feindseligkeiten von Frau Katrine unterbrochen, die mit dem Schatten-Margo noch zur rechten Zeit herunter kam, um eine schwierigere Verwickelung durch ihre Holdseligkeit und politische Mässigung abzubrechen.
Eben war wenigstens der durch Katrinen's Zuhalten seiner Börse beschwichtigte Mullrich im Begriff, beiläufig nach den beiden "Türingern" zu fragen, die vorhin so teilnehmend erwähnt und hier offenbar vor allen Gästen bevorzugt wurden, als Kümmerlein seinen Kameraden anstiess und diesen verhinderte, etwas Näheres über jene beiden jungen Männer zu hören (bei zwei "Türingern" sollten sie ja zwischen vier und fünf eine Recherche vornehmen) ...
Pst! Sehen Sie da! Der Franzose!
In der Tat stand die grüne Brille vor der kleinen Tür, die auf die Sternwarte führte und schien die Inschrift zu lesen.
Die beiden Häscher schlichen näher.
Die grüne Brille schien sich erkältet zu haben. Sie hatte einen rheumatischen Husten. Eben wollte sie die Tür aufklinkend die kleine Treppe besteigen, als die Häscher herantraten und Kümmerlein von der eben genommenen Herzstärkung noch resoluter geworden die Maske, weil es in Französisch mit deutschem "Azent" nicht recht gehen wollte, einstweilen in Deutsch mit französischem "Azent" so anredete:
Erlauben Sie, Musje, da steht geschrieben: hier nix Passage!
Ah Merci! sagte die grüne Brille und war mit der Gewandteit eines Aales den beiden verblüfften Agenten plötzlich entschlüpft. Nur in der Ferne noch hörte man sie hüsteln.
Verblüfft war nämlich Mullrich besonders auch darüber, dass Kümmerlein französisch konnte und Kümmerlein wiederum seinerseits erstaunte, dass sein gewagter Versuch, diese fremde Sprache wenigstens in Anklängen zu reden, ihm wirklich so schön gelungen war. Staunend über diese neuen Entdeckungen, die sie darauf sich gegenseitig machten, verloren sie zwar die Spur des plötzlich wie verschwundenen flüchtigen Fremden, aber sie sagten doch:
Nun, den kriegen wir heute Abend schon! Auch sollen wir ihn ja nur beobachten –
Vigiliren! meinte Mullrich und freute sich des auch ihm geläufigen Fremdwortes.
Mit dem Worte Vigiliren stiegen sie auf die Sternwarte hinauf, indem Mullrich seinen Collegen wiederholt erinnerte, sie hätten nun dringend Nr. 2 zu lesen oder wie Kümmerlein sagte, zu collationiren, was ein ihm geläufiger Ausdruck vom Polizei-Büreau war.
Da es auf der engen Treppe sehr dunkel war, so vertröstete Kümmerlein für dies wissenschaftliche Geschäft auf die brillante Beleuchtung von Nr. 18, in die der ganze Lichtstrom aller Gasflammen des Saales fiel.
Zehntes Capitel
Die grüne Brille
Die aalglatt entschlüpfte Maske hatte inzwischen den Tunnel verlassen.
Sie bewegte sich, dann und wann von einem eigentümlichen astmatischen Husten unterbrochen, mit grosser Behendigkeit, aber auch in jener unsteten Emsigkeit, die gewissen langen Würmern eigen ist, welche auf einer ebenen Fläche bald hier- bald dortin schiessen und sich umwenden, man weiss nicht warum, und sich alle Augenblicke zu erschrecken scheinen, man weiss nicht wovor.
Die Behauptung, dass diese grüne Brille deshalb, weil sie zwei französische Worte: Pardon! und Merci! gesprochen, auch sogleich ein Franzose und Monsieur Louis Armand war, kann uns nur übereilt bedünken.
Noch weniger aber schien das von den Polizeidienern verlesene Signalement zu passen.
Unter der grossen Brille, der Nase und dem gewaltigen Schnurrbarte steckte zwar ein glattes Antlitz, aber dem Haare unter dem feinen Kastorhute ging alle natürliche Frische ab. Es war jedenfalls eine sehr kunstvolle Perücke.
Wir, die wir Louis Armand kennen, und bedauern müssen, dass der junge Franzose, der eben mit so liebevoller Aufopferung an dem Krankenbette seines Freundes und Gönners, des Fürsten Egon von Hohenberg, wachte, schon den Sicherheitsbehörden wahrscheinlich als ein communistischer pariser Agent erschien, wir würden für Louis Armand gutsagen, dass es ihm unmöglich wäre, wie diese grüne Brille so unter den Schatten der Bäume herumzuschiessen, jede weibliche Erscheinung mit einer Lorgnette zu fixiren und dem zwecklosesten Flaniren sich in einer Weise zu ergeben, die uns über Zweck und Ziel dieser Persönlichkeit völlig im Unklaren lässt.
Besonders schienen es zwei weibliche Gestalten, denen die grüne Brille eben eine sehr aufmerksame Verfolgung zugedacht hatte.
Es waren schlanke, gefällige Wesen, die eine sehr sorgfältige Toilette gemacht hatten und deren Auftreten zwar von ziemlich kecken Manieren, aber auch einer gewissen Wohlhabenheit zeugte