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bloss Ihr Geldsack!

Meine Frau hat mir erst eine lange Predigt gehalten, eh' sie mir den Dreidecker aufsetzteich glaube, wenn ich hier oft in die Fortuna müsste, sie wäre im stand, meinen Abschied zu fodern ...

Tun Sie Das, Mullrich! Machen Sie ärmeren Leuten Platz!

Was? Einen Knochen fallen lassen, den man im mund hat, weil Einem der im wasser grösser däucht? Nein, Kümmerlein! Die Vizewirtschaft wird doch wohl am längsten gedauert haben.

Wie so?

Wissen Sie denn nicht, dass die alten Häuser nun all an die Regierung kommen und diese Posten, die ein paar Groschen einbringen, verauktionirt werden, verpachtet oder sonst etwas?

Da bieten Sie denn selbst für Ihren Keller! Dreihundert Taler zum erstenwas?

Dreihundert Taler? Freund, auf die geht eine halbe Million PfennigeWo denken Sie hin!

Nun ich parire, Mullrich, dass Sie monatlich ... lassen Sie 'mal rechnen ...

Diese Ergüsse einer, wie Hegel sagt, rein "auf sich selbst bezogenen Reflexion" unterbrach ein Herr in eleganter feiner Kleidung mit einem grossen Schnurrbarte.

Wir kennen ihn bereits, würden ihn aber jetzt für einen reichen Rittergutsbesitzer haben halten müssen, der die Sitten der Hauptstadt studiren wollte, wenn nicht die dicken waschledernen Handschuhe ihm doch etwas mehr Derbes und Militärisches gegeben hätten.

Es war Dies der Oberkommissär Herr Pax.

Bleiben Sie nicht zu lange auf einem Punkt! sagte der imposante Herr. Sehen Sie sich um! Es sind zwar viele von dem Schutzamt hier, wie Sie beobachten werden, aber auch die Zahl der Vigilanden ist gross. Wo man hinsieht, alte Bekannte. Nehmen Sie Ihre Stellung in der reservirten Loge Nr. 18 und beobachten Sie von da aus den Ballsaal ...

Nr. 18! Schön, Herr Oberkommissär!

Haben Sie Ihre Signalements bereits verglichen? Nr. 1 ist nur einfach zu beobachten; Nr. 2 aber sogleich festzunehmen. Es ist Polizei genug da, um auf den Pfiff unterstützt zu werden. Sehen Sie sich auch die Frauenzimmer recht an! ... Die Maler-Guste nirgend entdeckt?

Nein, Herr Oberkommissär! lautete die unisone Antwort. Auch Kümmerlein wusste gleich, wer die Maler-Guste war.

Der Oberkommissär ging, wie ein stiller Beobachter, die arme auf den rücken verschränkt, weiter. Er war trotz des lauen Abends bis zum Halse zugeknöpft und drückte den Hut bis tief über die Stirn.

Das ist das Beste, begann der kleine Kümmerlein, dass wir auf die Frauenzimmer sehen sollen! Es ist hübsches Volk darunter, die schiefe Male hat doch Augen, die Einem gleich unter die Weste brennen. Guten Abend, Male!

Die schiefe Male lachte, schoss aber in Privatangelegenheiten rasch vorüber ...

Kommen Sie, Kümmerlein, und lassen Sie uns lieber hier an der Laterne einmal die Signalements vergleichen! sagte der dienstbeflissenere Mullrich. Wie viel haben Sie denn?

Ein ganzes Zuchtaus voll! Meine Brieftasche ist dick wattirt damit ...

Ich habe aber nur zwei.

Die von heute Mittag?

Lesen Sie mir 'mal vor! Weiss der Henker, ich kann immer aus Paxens seiner Schreiberei nicht recht klug werden ... meinte Mullrich.

Halten Sie 'mal meinen Stock! antwortete gravitätisch der mit Schulkenntnissen begabtere Kümmerlein.

Die beiden Polizeidiener hatten einen stillen Ort gefunden, wo sie ziemlich unbemerkt die beiden Signalements lesen konnten, die ihnen der Oberkommissär als sehr dringend bezeichnet hatte ...

Ein Franzose ... begann Kümmerlein; fünf Fuss, acht ... Zoll, schwarzes ... Haar, blasse ... Gesichtsfarbe, Mund ... mittel, Augen ... braun, Nase ... gewöhnlich, trägt ... einen ... Schnurrbart, 28 ... Jahre. Spricht gutes ... Deutsch mit ... französischem ...

Kümmerlein buchstabirte das folgende Wort:

A-c-c-e-n-t.

Französischem AzentRichtig. Deutsch mit französischem Azentdas heisst, man hört's ihm nicht an, dass er kein Franzose istOder vielmehr ...

Grade! Man hört's ihm an ...

Aha! Also man muss französisch ...

Ein Bischen muss manKönnen Sie französisch? Kümmerlein?

Kümmerlein behauptete, als ehemaliger Klempnergesell in Frankreich gewandert zu sein; er wiederholte aber, dass ja der Franzose deutsch spräche ...

Richtig, sagte Mullrich; aber ... Azent!

Kümmerlein war etwas verlegen über die Auskunft, die er geben sollte und las deshalb kleinlauter im Papiere weiter:

Hier steht's wie er heisst ... Louis ... Armand ... besondere ... Bemerkung: Man hat ihn im ... Umgange mit ... Handwerkern, besonders ... Willing'schen Maschinenarbeitern ... aha! ... zu beobachten

Ah so!

Das ist politisch!

Französische Aufwiegelei! Deutsch mit 'nem Azent! Da wollen wir doch aufpassen; denn das Politische

Pst! Stille! bedeutete Mullrich und sah sich rasch um ...

Eine maskirte Gestalt huschte an den beiden Lesern vorüber und warf aus einer grünen gemalten Brille über der gewaltigen Nase einen scharfen blick auf die beiden in ihren Charakterstudien vertieften Polizeiagenten, indem sie eine Secunde etwas hustend stehen blieb ...

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