jenen unheimlichen düstern Regionen, wo nur die Liebenden sich wohlbefanden. Die Trompeten und Pauken dröhnten hier nicht mehr so ohrenerschütternd herüber. Es war ein einfacher Tisch, den sie fanden, mit zwei Stühlen an einem vielleicht erst vor einigen Monaten eingesetzten Apfelbaum, der vielleicht noch nicht zwei Blüten getragen hatte, aber ein
Stachelbeerstrauch bot doch eine Art Rückwand und vor allen Dingen man konnte hier sein eigenes Wort verstehen.
Wollte Siegbert eben die Bemerkung machen, es käme ihm hier vor wie an der Kegelbahn im Pelikan, so musste Dankmar's Zustimmung zu dieser Vergleichung um so treffender sein, als die Brüder zu ihrem grössten Erstaunen in dem Kellner, den sie anriefen, ihnen Wein und die Speisekarte zu bringen, Niemanden anders erkannten als den leiblichen Ehegatten der Katrine Bollweiler aus dem Pelikan, den Angeroder Fuhrmann Peters!
Aber Peters, ist es denn möglich, Sie hier? riefen die Brüder.
Ach, du mein Himmel! war Peters' ganze auf den Lippen ersterbende Antwort.
Sie hier in der kurzen Kellnerjacke? Was ist Das? sagte Dankmar lachend.
Ja! Ja! stammelte Peters. Was ist Das? So heisst's immer auf die zehn Gebote. Und die zehn Gebote hab' ich immer perfekt gekonnt; aber beim Was ist Das? Da hab' ich immer gestockt. Ja, ja! Was ist Das?
Peters, Sie sind melancholisch? Freuen Sie sich denn nicht, dass ich da bin? Sagte Ihnen denn Hitzreuter, der dicke Pelikanwirt, dass Alles in Ordnung ist? Wo waren Sie denn gestern?
Gestern wo ich heute bin!
Sie sind Kellner in der Fortuna geworden! Ist es möglich! Wie hängt Das zusammen? Haben Sie denn den Bello noch erkannt?
Lahm ist lahm und hier soll Einer flink sein ...
Peters Aufwärter auf dem Fortunaball! Aber wo ist denn die Katrine?
Unten im Tunnel!
Im Tunnel? Peters, ich glaube wir träumen oder den Pelikan hat man hier in die Fortuna verlegt ...
Der Pelikan ist ein Tier, das sich die Brust aufreisst für seine Jungen, fiel Siegbert ein. Sie haben ja keine Kinder, Peters! Wie kommen Sie ...
Der Pelikan vorm Tempelheider Tor hat sich auch die Brust aufgerissen, aber für seinen Bruder ... sagte Peters mit einer sonderbaren Melancholie.
Aufklärung, Peters! Das ist uns zu gelehrt! Zuviel Fuhrmannslatein!
Mein Dicker hat das Geld hergeliehen für einen neuen dummen Streich, den sein Bruder macht – erklärte Peters.
Ist Hitzreuter der Bruder des Hitz – Ah! Richtig! – Sind die Hitzreuter's Brüder?
Das sehen Sie ja! Wo soll das Geld herkommen für die Fortuna? Der Pelikan hat auf die goldene Kugel da vorn eine Hypotek von fünftausend Talern.
Und auf dieser Kugel rollte auch die Katrine in den Tunnel und Peters –
In die Marqueurjacke! sagte Peters tiefaufseufzend mit einem schmerzzerrissenen blick zum Sternenhimmel.
Aber das scheint Ihnen nicht zu behagen, Peters? Kein Wort über Bello? Nichts von dem Schrein? Keine Frage nach Euren ehrlichen Zeck's? Peters, was habt Ihr?
Was ich habe, ist Alles eins; aber Sie haben den Schrein und dafür bin ich auf die Knie gefallen und habe Gott und allen himmlischen Heerscharen gedankt.
Ja, Peters, wir wissen wenigstens, wer den Schrein gefunden hat. Der Justizrat Schlurck hat ihn gefunden und morgen am Tage wird er in unser Palais gefahren.
Hört' ich Alles schon vom Hitzreuter; aber wie der Justizrat ihn hat finden können –
Ist Euch nicht klar, Peters? Auch mir noch nicht. Aber gesteht nur, eine Achse, die Einem vor der Nase bricht und ein Rad, das Einem auf den Kopf fällt, nimmt die Sinne – Ihr hattet sie alle fünf verloren.
Mag wohl! Ich war elend und mocht's nicht sagen. Es war meine letzte Fahrt.. Angerode sehe' ich nicht wieder und Das muss ein Glück sein. Fortuna ist ja wohl die Glückshexe – was?
Richtig verdeutscht! Nicht mehr und nicht weniger. Aber zum Glück macht man kein so saures Gesicht wie Ihr?
Und Siegbert, der wohl verstand, was den Armen in der Jacke drückte und dem als Maler die Poesie des deutschen Fuhrmannslebens gegenwärtig war, setzte zu diesen Worten Dankmar's hinzu:
Ihr wäret lieber Fuhrmann geblieben? Das sehe' ich, Peters.
Das möchte's wohl sein, entgegnete Peters mit einem sichtlichen Ausdruck von verbissenem Kummer. O die liebe Zeit! Ich schäme mich! ...
Nach einem aus tiefster Brust gezogenen Seufzer fragte er die Herren, was sie denn nun "schafften"? und zog dabei mit einer Art von stiller Wehmut langsam und wie verstohlen den Speisezettel aus der Brusttasche.
Dankmar fand dies Bild sehr komisch.
Peters, begann er, wenn Sie diesen Beruf wider Ihren Willen ergriffen haben – setzen Sie sich doch! Sagen Sie uns doch –
Du mein Himmel, ich setzen? Wie darf ich mich unterstehen und mich hierher setzen?
Seit wann treiben Sie denn dies Ihren Wünschen nichtentsprechende Metier?
Erst seit drei Tagen. Die Fuhren zwischen hier und Angerode hören auf! Die Ausspannung im Pelikan ist nicht mehr der Rede wert; der dicke Hitzreuter hat Das so mit seinem Bruder abgemacht und wenn ich's auch nicht wollte, die Katrine will's.
Die Katrine! Die will's? Peters, Ihr ein Fuhrmann