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in die Länge zog und am äussersten Ende, dicht beim Tore schon, die besuchtesten Vergnügungsörter der Stadt entielt.

Die Fortuna war das neueste und grösste Etablissement dieser Art. Der Schein-Besitzer desselben, ein bankrotter Kaufmann, war ein anschlägiger Kopf, der den Charakter der genusssüchtigen Bevölkerung zu treffen wusste und mit bunten Strassenplacaten und den wunderlichsten Namen für seine Festivitäten die Vergnügungslust immer in Atem erhielt. Seine neue Anlage, die Fortuna, war nach englischem Muster gebaut. Hier fanden sich Gärten und Säle, Galerieen, Logen, von denen man in die Säle hinabblickte, Tunnels, Schaukeln, Carrousels, Rutschberge, kurz eine ganze kleine Welt, die, so lange kein anderes Etablissement dieses neue verdrängte, in der Vogue war.

Das für heute angesagte grosse venetianische Maskenfest im Freien fand trotz der allgemeinen Klage über die bedrängten zeiten und die Unsicherheit der Zustände den lebhaftesten Zuspruch. Eine Menge von Wagen standen vor dem Eingang, den helle Gasflammen magisch erleuchteten. Die goldene Kugel, die auf der Fortuna über dem Eingange schwebte, schimmerte im blendendsten Lichte. Von etwa aussteigenden Charaktermasken war keine Rede. Ein Jeder kam in seiner üblichen Toilette. Nur die Spekulation des Wirtes verband mit dem niedrigen Eintrittspreise noch die notwendigkeit, dass sich Jeder eine Maske kaufen musste. Bis zwölf Uhr sollte Jeder maskirt sein, worauf jedoch nur an der zweiten Einlasstür festbestanden wurde. Jeder Unmaskirte musste zurück oder sich mindestens eine Wange oder eine Nase kaufen. Der Polizei war mit dieser Verordnung wie überhaupt mit den Fortunabällen sehr gedient. Sie lockte alle Gauner aus ihren Spelunken. Da sie maskirt kommen durften, blieben die, die ihr Signalement fürchteten, nicht zurück. Wenn die Vergnügungslust nicht schon von selbst die Fallen aufstellte, wo die meisten Verdächtigen gefangen wurden, sie hätten müssen vom staat im Interesse der öffentlichen Sicherheit aufgestellt werden. Ohne die Unmoralität soll leider die Moral nicht bestehen können.

Das Gewirre der Wägen vor der Pforte, das Geschwirre der luftigen Vögel, die unter Fortunens goldner Kugel in die bunterleuchteten Gärten einzogen, das Schreien der Jungen, die die Wägen öffneten, die schmetternden Trompeten und die Paukenwirbel der Ballmusik, alles Das gab so sehr ein den Begriff der Nacht und das Bedürfniss nächtlicher Ruhe verscheuchendes Durcheinander, dass die Brüder fast willenlos mit in die allgemeine Strömung gerieten und an der Kasse ein Billet, in der Garderobe zwei Stirnen und Nasen mit grossen schwarzen Schnurrbärten kauften und beschlossen, sich einen stillen Gartenplatz zu suchen. Der Frack war hier keine notwendigkeit und die Glacéehandschuhe mussten schon der drückenden Hitze weichen.

Ah bah! Holen wir unser Grün'sches Diner nach! sagte Dankmar heiter erregt. Was plagen wir uns! Vive la bagatelle! Ich erzähle dir meine Hohenberger Abenteuer.

Siegbert dagegen fühlte sich in dem Menschenstrom beengt und lächelte etwas zaghaft, was ihm, wie Dankmar ihm sehr glaubwürdig versicherte, unter der gewaltigen Nase mit den schwarzen Pferdehaaren philisterhaft komisch stand.

Eine so neue Gartenanlage konnte natürlich nur sehr dürftig sein. Die Beete boten verwelkte Blumen und zertretenes Gras. Wo die Bäume hätten schatten sollen, waren leinene Zeltdächer aufgespannt. Aber die schimmernden, grünen, roten, gelben Ballons gaben aller Dürftigkeit ein freundlicheres Ansehen. Eine Grotte von Blumen, berieselt von einem Wasserfall und erleuchtet von einer grossen Sonne aus einigen hundert Lampen, machte in der Tat einen grandiosen Effekt und verdiente das Staunen, das sich auf den Rembrandtisch erleuchteten Gesichtern, die herumstanden, rings zu erkennen gab. Rechts und links führte der Garten in dunklere Partien, die nicht minder belebt waren und wie man hörte, im zweiten Teile des Festes ganz besonders gesucht sein sollten. Geradeaus führten Stufen, die links und rechts von Candelabern erleuchtet waren, zu einem wirklich im Lichte schwimmenden brillanten gewaltigen Tanzsaale, wo sich Hundert von Paaren schon in wildem Galopp tummelten und die rauschendste Blechmusik schmetternd von den Wänden widerhallte.

Hierher also zog es Hackerten! sagte Siegbert, indem er auf den ersten blick gleich nach ihm suchte. Kein Wunder, dass es ihm hier mehr gefällt als im vergitterten Galeriezimmer des dritten Hofes Brandgasse Nr. 9, neben einer stube schnarchender Kinder und den gespenstischen Uhrschlägen, die an die schnellverrinnende Zeit und an den Tod erinnern.

Auch Dankmar hatte Hackerten noch nicht gesehen.

Hier und dort fesselte ihn eine Bekanntschaft; da ein Offizier in Civil, hier ein junger Advokat, dort sogar ein junger Gelehrter, der durch die Brille mit zusammengekniffenen Augen lächelnd über die wilden massen objektiv philosophirte. Siegbert fand einige Maler, die da behaupteten, Modelle zu suchen. Die Mehrzahl aber gehörte der dienenden und arbeitenden Klasse an. Hier war die Frage vom Proletariat zwar nicht gelöst oder widerlegt, aber doch eine Weile suspendirt.

Was dein Franzose Louis Armand wohl über einen solchen Ball sagte? flüsterte Dankmar dem Bruder zu. Ich fürchte, er sieht in diesen Polkas und Cotillons die blosse Desperation der arbeitenden Klassen.

Siegbert, statt darauf zu antworten, zeigte dem Bruder die geschmackvolle pompejanische Malerei des Saales, die hübsche Einrichtung der Logen, durch die man durch versteckte Hintertreppen gelangte, das wirklich Gefällige und Kunstgerechte, das sich heutiges Tages bis in die gewöhnlichsten Bauten erstreckt und den, freilich auch bedenklichen Schönheitssinn der massen nur entwickeln kann.

Die Hitze war indessen hier trotz der geöffneten Türen und Fenster so erstickend, dass die Brüder wieder in den Garten zurückkehrten und sich ernstlich nach einem Plätzchen umsahen, wo sie einigermassen ungestört sich unterhalten konnten. Sie fanden ein solches, wenn auch ziemlich entlegen, in