im Begriff, am Schlurkk'schen haus vorüber zu gehen, an dem man Alles still und dunkel sah mit Ausnahme eines einzigen kleinen Fensters im dritten Stock ...
Es war vielleicht Melanie's Schlafzimmer ...
Und wenn sie sich täuschten – eher mochte es das Zimmer Bartusch's sein, wo auf dessen Rückkehr eine brennende Lampe wartete – sie blieben doch einige Augenblicke voll Wehmut stehen und gedachten aller Täuschungen ihres heute so mannichfach geprüften Herzens ...
Dann gingen sie seufzend weiter.
Bei alledem, sagte Dankmar nach einer Weile, während sie die schon leeren Strassen durchschritten, ist es mir lieb, von diesem Graurock die Bestätigung jener Angabe über meinen Schrein zu hören, die ich dem Prinzen Egon verdanke – Morgen in aller Frühe geh' ich – doch ich rede von Dingen, die ich dir nun mitteilen sollte, wüsste ich nur an der rechten Stelle anzufangen –
Bleib bei dem Prinzen Egon, sagte Siegbert. Denn auch ich habe eine Beziehung zu ihm. Sie betrifft das Bild, das du mir zu sorgsamerer Obhut empfohlen hast ...
Das Bild – und du? antwortete Dankmar erstaunt.
Während die Brüder über die stillen Strassen gingen, erzählte Siegbert seine Berührung mit Rudhard, dessen Anliegen und eigentümliche Ansprüche auf jenes Bild, über das sich Siegbert hütete nach seinen eignen Entdeckungen zu sprechen. Denn da ihm doch daran lag, seinem inneren Triebe zu folgen und die Übergabe des Bildes an Egon's Lehrer und Erzieher wirklich zu vermitteln, so nahm er sich wohl in Acht, seinen in solchen fragen nicht wie er besonders bedenklichen Bruder darauf aufmerksam zu machen, dass er das geheimnis wirklich entdeckt, ja sogar Entüllungen über ihre eigene Familie gefunden hätte. Verrätst du davon etwas, dachte er, so wird Dankmar Anstand nehmen, durch freiwilliges Herausgeben Das wieder gut zu machen, was Rudhard in seinen Ansprüchen auf jene Prüfung und Mitwissenschaft eigentlich doch wohl verscherzt hat.
Vor dem Egon'schen Palais stand ein kleiner Einspänner. Dankmar noch ganz erfüllt von der sonderbaren Wendung, die das Schicksal jenes Bildes plötzlich nehmen sollte, fragte den Kutscher, ob er nichts von dem Befinden des jungen Prinzen melden könnte.
Dieser gab die kurze Antwort, er stünde hier nur, um zwei Damen auf den Fortunaball zu fahren ...
Der blick auf die Wäsämskoi'sche Familie, auf die Ankunft der d'Azimont, Alles, was Siegbert über Rudhard, über Anna von Harder erzählen konnte, regte Dankmarn so auf, dass er statt heiter eher verdrüsslich wurde.
Welche Last, rief er halb scherzhaft, halb wirklich unwillig aus, welches Bleigewicht bindet uns das Schicksal an die Füsse und hindert uns im eigenen Gehen! Ich wüsste nur zwei Dinge, die mich wahrhaft erfreuen und beschäftigen sollten, meine Angeroder Papiere zurückzufordern und jenen Amerikaner und seinen Knaben aufzusuchen, die, ich weiss es, an mir das wärmste Interesse nehmen und von allen diesen Vorsätzen, die meinem Herzen am nächsten liegen, ziehen mich die starken Seile immer neuer Verwickelungen ab! Wie froh bin ich, dass ich in vergangener Nacht so eisern geschlafen habe! Denn die Aussicht, morgen jenen Rudhard zu begrüssen, von dem ich des Guten soviel erfuhr, ihm getrost jenes Bild zu überlassen, an das sich mir das hoffentlich in kurzer Zeit mögliche Wiedersehen des unstreitig ächten aber mit den fabelhaftesten Rätseln umsponnenen Prinzen knüpfen wird, das Alles lässt mir keine Ruhe und ich sehe, ich werde mich unschlüssig und innerlichst gepeinigt auf dem Lager hin- und herwerfen. Wie verwünsch' ich diesen Hackert! Wie ein Irrlicht hat er mich heute von meinem vorgezeichneten Wege verlockt, und wenn ich ihm auch verdanke, dass ich über die Nacht im Heidekruge einiges Licht erhielt –
Sei still, Bruder! unterbrach ihn Siegbert scherzend. Aus dem einen Irrlicht werden hundert! Ich glaube nicht, dass wir dem bunten Schimmer da unten in der neuen Feldstrasse werden ausweichen können. Sieh nur, wie die Menschen dort hinströmen und die Wagen fahren! Das ist die Fortuna, bunt erleuchtet mit chinesischen Ballons! Ich erlebe, dass wir mit in den Strudel geraten, uns am Eingang des Gartens ein Billet kaufen und das venetianische Maskenfest, wie es an allen Strassenecken angekündigt ist, auf eine Viertelstunde näher mit in Augenschein nehmen.
Dankmar konnte in der Tat nicht umhin, den verlockenden Reiz dieses bunten nächtlichen Prospektes am noch weit entlegenen Ende der neuen Feldstrasse anzuerkennen ...
Diese vergnügungssüchtige Bevölkerung! schmähte er. Sie werfen den Sommer in den Winter und den Winter in den Sommer! Die Politik hatte alle Meinungen gespalten und ein erfinderischer Unternehmer weiss sie alle wieder um bunte Lampen und die Polkaklänge der Blechmusik zu versammeln. Pfui! Sieh diese kichernden Mädchen, die ihre Larven in den Händen tragen! Wollt Ihr auch auf der Kugel der Fortuna tanzen, Ihr Schmetterlinge! Der Tanz auf einer Kugel ist schwer –
Immer rund – rund – rund! antwortete ein Trupp von einem halben Dutzend "Nähterinnen", die ihre luftigen Röcke höher gebunden hatten, damit sie nicht den Staub der Strasse fegten ...
Der Umweg zu unserer Frau Schievelbein, die seit einiger Zeit mein Schwärmen gewohnt ist, sagte Siegbert, wird nicht zu gross sein. Sehen wir wenigstens einmal von aussen diesen Tempel der Freude an und finden wir einen Ruheplatz, so schüttest du vielleicht endlich dein Herz aus und erzählst mir die Hohenberger Reise!
Die Brüder lenkten seitwärts in die neue Feldgasse ein, die sich fast unabsehbar