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. Dieser ungeregelten natur fühlten sie sich zu sehr entfremdet ...

Hackert folgte.

Als er aus seiner Tür Nr. 86 trat, kam aus dem auf gleiche Nummer laufenden Zimmer Herr Schmelzing hervorgeschossen und leuchtete.

Schläfst du noch nicht, altes Tintenfass? sagte Hakkert und ging voran, um den Weg zu zeigen.

Bei so lebendiger Conversation! hustete Schmelzing höflich und schwänzelnd.

Die du hoffentlich nicht stenographirt hast? antwortete Hackert herabsteigend. Geh! Geh! Ich kenne den Weg. Mach' dass du deine Rollen fertig schreibst für die Hoftragödie! Vergiss die Stichwörter nicht! Nimm immer sechs Worte statt drei zum Stichwort, damit du viel Bogen zusammenbringst und die Schauspieler besser lernen! Verwelsche die Fremdwörter nicht! Sei nicht gelehrter als die Dichter und verbessere nicht ihre Verse! Hörst du?

Schmelzing, ganz frappirt von Hackert's elegantem Aufzug, wünschte den Herren eine höfliche gute Nacht. Die Brüder kletterten in der Dunkelheit den Weg nach, den ihnen der plötzlich wie verwandelte ehemalige Schreiber des Justizrats Schlurck angab. Nach langem Tasten, manchem Anrennen an Gerätschaften, die dem Wege in den Höfen zu nahe lagen, kamen sie an die Tür, die auf die Brandgasse führte.

Hier klopfte Hackert stark und trommelte, sich niederbückend, an das Fenster der Vizewirtin.

Schon aber kam Frau Mullrich mit dem grossen Hausschlüssel.

Aber noch ehe sie aufschloss, sagte sie mit einer schlauen Verbeugung:

Macht drei Pfennige!

Siegbert gab, was er in der Eile griff. Frau Mullrich schloss nun erst auf und die Männer traten auf die Strasse ...

Ob sie ihrer drei zusammenbleiben werden? ...

Wie Frau Mullrich wieder die grosse schwere Tür zuwarf, trat Bartusch hinter der Tür hervor, die aus ihrem Keller auf die Hausflur führte.

Es ist mir unbegreiflich, was mit dem Taugenichts vor sich gegangen ist! sagte er. Er geht auf den Fortunaball!

Wie schade, Herr Bartusch, antwortete die Mullrich, dass Sie nun selbst nicht hin können! Sie wollten doch da die Maler-Guste finden.

Reden Sie auch solche Sachen? sagte Bartusch, der gründlich ärgerlich schien, dass sich während seiner Hohenberger Abwesenheit in der Brandgasse Nr. 9 so viel verändert hatte.

Und doch ist sie gewiss dort, sagte die Mullrich, Alles rennt ja hinschon sechs hab' ich heute aus unserer hiesigen Armut allein hinausgelassenmein Mann muss um zwölf auch hinaus und wenn Sie nicht

Lassen Sie mich durch Ihren Mann wissen, ob Nr. 17 dort zu finden war.

Verlassen Sie sich darauf! Aber, wie blass sehen Sie aus!

Der Ärger mit diesem bösen Schlingel!

Sagen Sie mir nurwas hat er denn in des Heilands Namen bei den Schlurck's für eine Greueltat mit

Gute Nacht, Frau Mullrich! war die seufzende Antwort.

Bartusch schnitt jedes weitere Forschen der Frau Mullrich ab, die heute so viel erlebt, so viel gehört und beobachtet hatte, dass sie eines sehr weitläuftigen Commentars bedurft hätte, um trotz ihres Scharfsinns sich alle geheimen Verbindungsfäden dieser Tatsachen zusammenzustricken.

Eben war Bartusch verdrüsslich und sogar ohne Trinkgeld auf die Strasse getreten und noch glaubte Frau Mullrich seinen Tritt draussen schallen zu hören, als sie von der eben geschlossenen Tür sich entfernend durch eine weibliche zarte Hand aufgehalten wurde ...

Frau Mullrich war im Finstern. Denn bei dem Zufallen der Tür war ihr durch den Zugwind die Lampe ausgegangen ...

Ei, wer istfragte sie erschrocken.

Machen Sie auf! wisperte es.

Wer? Wer ist da?

Machen sie auf!

Ach, wohl, Nr. 46, fräulein Klapperfuss?

Da! da! Machen Sie auf!

Frau Mullrich fühlte einen Groschen in der Hand.

Auch auf den Fortunaball? Aha! Aha! Nr. 35? Nicht wahr? Madame Hannemann? Schläft denn auch Ihr Mann fest genug? Hi! Hi! Ei so lassen Sie doch sehen!

Da ist ja der Groschen! Machen Sie nur auf!

Ich will doch erst die Lampe

So enden Sie doch!

Nun! Nun! Nun! Wie hastig! Sie wollen den ersten Walzer nicht versäumen! Sa, Sa, ein Walzer! Wenn der hübsche Feldwebel wartetnicht wahr, Madame Drucker! Um vier kommen Sie doch wieder? Nicht wahr, Madame Schlimpanzer? Ihr Männchen steht ja wohl schon um fünf Uhr auf. Verspäten Sie sich nicht, wenn er's nicht weiss, Madame Trübensee! Er fragte mich neulich nach dem Feldwebel

Indem ging doch die Tür auf ...

Eine verhüllte Gestalt huschte hinaus. Um den Hut hatte sie, um ihn wahrscheinlich unkenntlich zu machen, ein Tuch gebunden. Aber den Mantel!

Der Mantel verriet sie! Frau Mullrich kannte alle Mäntel des Vorderhauses und der drei Hinterhöfe.

Ist's die Möglichkeit? Mamsell Nr. 87! rief sie.

Und in der unerschütterlichen, durch den karrirten

Mantel über alle Zweifel sichern Gewissheit, dass Louise Eisold nur den beiden jungen Herren folgen könne, kroch sie boshaft lachend und den Kopf schüttelnd, in ihre Kellerhöhle zurück, zündete die Lampe wieder an, leuchtete nach der Uhr und bemerkte, dass es die höchste Zeit war, nun ihren Gatten zur Erfüllung seiner polizeilichen Pflichten zu wecken. Auf den Anruf: Männchen, du musst ja auf den Fortunaball! raffte sich dieser aus seinen süssesten Träumen empor, zog sich verschlafen, fast taumelnd die beste seiner Staatslivreen an und