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Dankmar kannte nur den bedeutenden Ruf des Justizrats Franz Schlurck. Er war der gesuchteste Anwalt der vornehmen Welt, hatte Häuser und Güter in Administration, verwaltete minorennen reichen Erben ihre künftigen Besitztümer, galt für einen der beliebtesten Gesellschafter und war besonders durch das glänzende Haus, das er machte, und die Schönheit seiner Tochter Melanie Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Dankmar kannte die reizende Melanie nur von flüchtiger Begegnung, hatte auch Schlurck nie persönlich gesehen. Er fand es ganz in der Ordnung, die gelegenheit zu benutzen, einen vielbesprochenen Mann, der ihm gewissermassen als nachahmenswertes Vorbild seiner eigenen Laufbahn gelten konnte, kennen zu lernen. Dass Schlurck allein reiste, ohne seine Familie, hatte er schon vernommen. Er rechnete darauf, ausser Schlurck nur noch den Heidekrüger Justus zu finden, einen gleichfalls bekannten öffentlichen Charakter, der schon seit Jahren viel Wunderliches von sich reden machte.

Als Dankmar die Treppe hinaufgestiegen war und die Tür, hinter der er sprechen hörte, geöffnet hatte, blendete ihn anfangs der entgegenstrahlende Lichtschimmer, sodass er erst fast nichts von Dem sah, was er hier antreffen sollte.

Auf seinen Gruss antworteten ihm mehre Stimmen zugleich mit einem teilweise überraschten: Guten Abend!

Um ein Uhr des Nachts hatten im saal des Heidekrugs aber nur noch drei Männer beisammengesessen, die eingehüllt vom feinsten wohlriechendsten Cigarrendampf den Morgen mit wachen Augen begrüssen zu wollen schienen. Den Heidekrüger und den Justizrat glaubte Dankmar sogleich zu erkennen. Es war aber noch ein Dritter anwesend, der entfernt von diesen Beiden mit einer blauen Blouse bekleidet in einem düstern Winkel sass.

Sechstes Capitel

Die blaue Blouse

Das ziemlich geräumige, aber etwas niedrige Gastzimmer des Heidekrugs war von vier Wachslichtern, die auf dem länglich durch die Mitte gehenden Tische dicht zusammengerückt standen, heller erleuchtet, als solche Räume es sonst zu sein pflegen. Die vier Kerzen standen so, dass sie zu gleicher Zeit im Spiegel sich verdoppelten. Zwischen der zweiten und dritten Kerze stand ein silbernes Gefäss, das der Kundige auf den ersten blick als einen Champagnerkühler erkannt hätte, wenn nicht auch der daraus hervorragende Hals einer Flasche mit gerolltem Blei umlegt gewesen wäre. An der Seite des silbernen Gefässes stand einer jener gelbirdenen Töpfe, in welchen die strasburger Gänseleberpasteten versandt werden. Eine Blechbüchse schien eine andere Näscherei zu entalten, die jedoch mit dem grossen Laib groben Brotes, der auf einem Teller daneben lag, in sonderbarem Widerspruche stand. Einige Büchschen mit Etikettenin der Form erkannte sie Dankmar als englischeschienen pikante indische Saucen zu entalten. Alle diese Herrlichkeiten standen vor einem mit grosser Behaglichkeit gesticulirenden und eben einen silbernen Becher mit Champagner an die Lippen setzenden Herrn. Seiner Gourmandise nach hätte man vermuten sollen, er wäre rund genährt und böte ein behagliches Embonpoint. Im Gegenteil aber sah Justizrat Franz Schlurck sehr mager und dürr aus. Die Züge des klugen und überaus verschmitzten Antlitzes konnten nicht trockener sein. Im mund war auch nicht ein ganzer Zahn mehr übrig, wie man deutlich sah, wenn der von Weinlaune erregte Mann dann und wann einen Zug aus seiner sehr kostbaren Cigarrenspitze zwischen den behutsam aufgesperrten schlaffen Lippen von sich blies. Den Ausdruck der Augen zu erkennen, war schwer; denn eine goldene Brille verdeckte sie. Das dünne graue Haar sass so spärlich auf dem wohlgebauten und gefällig geschweiften Schädel, dass man ordentlich erblickte, mit welcher Sorgfalt die einzelnen Haare langgezogen und vom Hinterkopfe her über die Glatze herübergekämmt waren. Ein feiner blauer Frack mit gelben Knöpfen, ein weisses Halstuch und eine weisse Piqueweste gaben der Toilette etwas ebenso Gewähltes, wie die mit grossen und kleinen Ringen gezierte Hand Pflege und ein Bewusstsein der Zierlichkeit derselben verriet.

Neben diesem Sybariten an der Ecke des Tisches sass der Wirt, eine starke, stattliche Gestalt von gewaltigem Knochenbau und einem sichern festen Auge. Das Wesen dieses Mannes war kein gewöhnliches. Die Kleidung ging über den ländlichen Schnitt hinaus, die Haltung war des Welttones nicht unkundig. Man glaubte eher den Bürgermeister einer Landstadt als einen hier in der Einsamkeit des Waldes Wirtschaft treibenden Ökonomen vor sich zu haben. Eine lebhafte Auseinandersetzung schien ihn zu beschäftigen; nicht nur der Champagner, von dem er aus einem grossen Wasserglase trank, hatte ihn gerötet, vielleicht auch das Feuer einer Ansicht, die er in dem Augenblicke, als Dankmar eintrat, sehr lebhaft verteidigte. Als Dankmar einen Guten Abend! gesagt hatte, stand der Heidekrüger auf und lüftete ein kleines Sammetkäppchen, das mehr zur Zierrat als aus Rücksicht auf seinen starken Haarwuchs den Scheitel bedeckte.

Sie werden sich wundern, sagte Dankmar, noch so spät Besuch zu bekommen. Ich will nur eine Kleinigkeit zu Nacht nehmen, eine kurze Bettruhe halten und morgen in der Frühe mit meinem Einspänner weitermachen.

Haben Sie sich bestellt, was Sie wünschen? fragte der Heidekrüger mit einem gewissen Gentlemanton, als wollte er sagen, ich bin kein Wirt im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern verweise Sie auf die Bedienung, die hier ganz eine Privatsache meiner Leute ist.

Als Dankmar bejahte und bat, sich nicht stören zu lassen, fuhr der Sprechende, als wäre er gar nicht unterbrochen worden, mit kräftiger stimme fort:

Woran liegt's, als an der gänzlichen Unbekanntschaft mit dem Zustande auf dem land selbst? Wir haben's erst versehen, dass wir Leute hineinschickten, die am schnellsten mit dem mund voraus waren. Sie haben die Verwirrung nur noch grösser gemacht, vom Hundertsten ins Tausendste gesprochen, Alles sehr schön, aber ohne Kenntniss. Denn warum? Es waren Doctoren, die ihre Praxis