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früh begegnete und den sie an uns vorbeireitend kaum grüssten, weil er für liberal gilt, äusserte, führte fast zu Conflikten mit mir selbst. Doch beherrschte ich mich, da ich der mich drückenden Sorgen genug habe und keine neuen Verwickelungen wünschen kann. Wir verspäteten uns bis gegen acht Uhr. Im Vorbeireiten vor Egon's Palais vernahmen wir leider die Nachricht von der traurigsten Verschlimmerung seiner Krankheit, und von Lasally, den ich in seiner Reitbahn fand, musst' ich denn eben jetzt auch hören, dass er von seinem Vorhaben gegen Hackert nicht abstehen würde. Die Familie Schlurck, wisse er wohl, wolle alles aufsehen vermeiden, er wisse wohl, dass sie Hackert schonen möchte, aber er sähe nicht ein, warum er Anstand nähme, dass gewisse Dinge an's Tageslicht kämen. Er war dabei so empfindlich, so gereizt gegen Melanie, dass ich fürchten musste, mit ihm selbst mich zu überwerfen. Seine Bemerkungen über eine gewisse zweideutige Rolle, die ich in Hohenberg gespielt hätte, streiften nahe an's Verletzende. So kam ich denn her, um Hackerten zu veranlassen, mit hülfe seiner hundert Taler diese Gegend rasch zu verlassen oder mir durch ein aufrichtiges geständnis aller der Umstände, die sich auf seine Verhältnisse zur Schlurck'schen Familie beziehen, die Mittel an die Hand zu geben, als Rechtsbeistand für ihn aufzutreten.

Kaum hatte Dankmar diese, wie das ganze Gespräch geführt wurde, im halblauten Tone gesprochenen Worte beendet, als sich plötzlich von unten her ein lautes, heftiges Lärmen vernehmen liess, das von einem Zanke in den vorderen Höfen herzukommen schien.

Die Brüder horchten auf.

Einige abgerissene Worte konnten wohl verstanden werden, aber der Zusammenhang des Streites war nicht gut aus dem Lärm zu erraten. Soviel vernahm man wohl, dass es nur eine einzige stimme war, die allein das vorherrschende Wort zu führen schien und von den Andern mehr beschwichtigt wurde, als in gleicher Heftigkeit erwidert bekam.

Indem riss Louise die Tür auf und rief:

Um's Himmelswillen! Das ist Hackert!

Glauben Sie? Diese schreiende, gellende stimme?

So tobt er im Zorn! Was ist ihm nur?

Das ist kein Zorn! Das ist Übermut! hören Sie, er lacht! ... Er singt!

Die Brüder und das besorgte Mädchen horchten.

Der Lärm kam näher. Schon nahmen andere Hausbewohner an ihm teil. Schon hörte man Ausrufungen, wie:

Da hat ihn Einer! Packt ihn fest! Lasst ihn nicht los! So ist's recht! Fallen Sie nicht, Herr Miets-Frass! Alte, dir geschäh' es auch nach Verdienst, wenn er dir deinen Zopf ausrisse! Ha, ha, die Hausschlüssel werden wohlfeiler! Setz' Sie doch den Preis herab; ein Hausschlüssel kann auch einmal anderswohin, als auf Nr. 17 führen. Rutsch! Vorwärts!

Es ist Bartusch! sagte Louise beruhigter.

Nein! Auch Hackert! ergänzte Dankmar.

Ja! Hackert, der mit Bartusch in Streit geraten ist, sagte Louise.

Der Lärm kam näher ...

Jetzt war Hackert mit Bartusch, denn dieser zog ihn wirklich hinter sich her, auf der obersten Galerie und die Mullrich mit der Laterne folgte schimpfend und mit ihrem mann drohend, der leider schlafen müsse ...

Schämen Sie sich in nachtschlafender Zeit einen solchen Lärmen zu verführen, Herr Hackert! sagte Frau Mullrich. Was haben Sie sich denn zu beklagen, wenn Andre ihren Spass haben!

Spass, alter Cerberus? rief Hackert. Lach' du, wenn du deine Pfennige zählst und recht viel Stiefeln zu flicken bekommst. Aber grinse nicht über Besuche, die in Nr. 87 auf Nr. 86 warten. Wart', ich will Euch subtrahiren lehren.

Hackert, Sie sind im Rauschschämen Sie sich, wenn ein Freund zu Ihnen kommtlauteten Bartusch's beschwichtigende Worte.

Im Rausche bin ich, Gevatter, rief Hackert. Im Rausche! Lustig, morgen ist Hochzeit! Willst du Pate sein? Übermorgen ist Kindtaufe. Du alter Grauschimmel sollst mir zeigen, wo hier Nr. 17 ist. Schurke, was steht hier an der Tür, die ich jetzt aufschliesse? Steht da Nr. 17? Werden hier Besuche empfangen, die nicht mir gelten!

Sie sehen doch, dass Licht in Ihrem Zimmer ist? sagte Bartusch zitternd, während es im ganzen aufgeregten haus aus allen Fenstern und Türen scholl:

Nummer Siebzehn! Nummer Siebzehn ist ausgezogen!

Man sah, dass Bartusch's nächtliche Wanderungen zur Maler-Guste kein geheimnis waren ...

Festgehalten von Hackert, gezerrt am Rockkragen, geschüttelt wie ein Flederwisch, konnte Bartusch hier jetzt vielleicht das Ende seiner Tage erwarten; denn die ganze Bewohnerschaft nicht nur von Brandgasse Nr. 9, sondern auch von den übrigen nachbarlichen Communalhäusern hasste ihn und hatte sich an dem strengen Eintreiber der Mieten, der bei jedem Auszug die Miete für den Nachfolger steigerte, oft genug schon tätlich vergriffen.

Bartusch hoffte auf Rettung und Beistand durch die beiden Herren, die bei Louise Eisold warten sollten und ihm nach Dem, was Frau Mullrich von ihrem Gespräch an der Haustür behalten hatte, nicht unbekannt sein konnten.

Licht in meinem Zimmer?.. sagte Hackert. Licht in Eurem Kopf würde Euch besser sein! heute' soll noch ganz anders illuminirt werdenmeine Haare müssen heute' noch in Feuer aufgehen, wie Ihr's mir längst gedroht habt. Die Laterne her