1850_Gutzkow_030_317.txt

Endlich drang ich in Hakkert, mir die volle Wahrheit zu sagen. Ich verspreche ihm, sogleich zu Lasally zu gehen und Alles aufzubieten, ihn von einer weitern Verfolgung dieser Angelegenheit zurückzubringen. Barmherzigkeit von diesem Schurken? rief er. Sehen Sie das Maal hier an der Stirn! Fühlen Sie diese Ritze in der Kopfhaut! Denken Sie sich diesen Kopf mit Blut besudelt! Wollen Sie meinen rücken sehen? Soll ich ihn entblössen? Wollen Sie die Sporen erkennen, die mir der Unmensch und seine Knechte in die Hüfte traten?

Um Gotteswillen

Ich erschrak wie du über die furchtbare Heftigkeit der Erinnerung an eine Brutalität, die man sich mit dem kranken Menschen erlaubt hatte ... Ich begriff seine Rache. Seine stimme war so grell, so kreischend geworden, dass Louise, nicht durch diese Tür, sondern von der Galerie hereinstürzte und in allen Mienen eine Besorgniss aussprach, die sich mir sehr bald als eine solche verriet, die von ähnlichen Wutausbrüchen nicht überrascht sein konnte, da sie häufig vorkamen. Ich gehe, Hackert, sagt' ich. Mässigen Sie sich! Ich spreche mit Lasally. Wann kann ich Sie heute noch sehen? Er schwieg und stützte den Kopf auf. Drinnen schlugen die Uhren des alten Mechanikers. Bim! Bim! wiederholte er die Schläge und zählte weit über zwölf hinaus. Wo ist Riekchen? fragte er wie abwesend. Als ihm Louise sagte: Sie wickelt mir Wolle, fragte er: Und Hannchen? Die schläft! sagte Louise. Kommen Sie doch hinüber! flüsterte er dann mit schwacher stimme und zog mich in das Zimmer, wo wir waren, den Weg, den wir selbst vorhin nahmen. Da sah ich denn diese Armut, diese Beschränkung und als ich von sechs Geschwistern hörte und dass die alle hier des Nachts Platz hätten, sagt' ich zweifelnd, dann komme ich heute Abend um neun Uhr. Das muss ich sehen. Ich bringe den Bruder mit. Ich öffnete dann den Brief noch einmal und schrieb dir dieses Rendezvous. Er versprach mir nicht ausdrücklich hier zu sein. Aber Louise winkte, ich sollte nur kommen. Er würde nicht fehlen. In solchen Stimmungen der Wehmut kenne sie ihn ...

Und doch hat sich das arme Mädchen geirrt! Hörst du drinnen die Uhren schlagen? Es ist zehn ... Er ist nicht da ... Hast du denn bei Lasally etwas ausgerichtet?

Leider nein! antwortete Dankmar. Als ich den Brief bei Grün's abgegeben und selbst in der Eile gegessen hatte, ging ich auf die Reitbahn und widmete mich dieser Angelegenheit mit einem Eifer, der mich alle meine wichtigen eigenen Interessen vergessen liess.. Es war zwei Uhr. Ich hörte, Lasally wäre bei Schlurck's zu Tisch. Anfangs wollt' ich ihn erwarten. Der alte Levi, Lasally's Factotum, erzählte mir, was ich schon wusste: Die Entdeckung des Urhebers eines an drei Pferden verübten Frevels

Durch Kugeln, die ihnen Hackert in die Ohren gleiten liess? wiederholte Siegbert, was ihm Dankmar erzählt hatte. Das ist ja entsetzlich!

Siegbert sah das Bild dieser Scene als Maler vor sich. Er stand auf und ging, von seiner Phantasie gefoltert, hin und her ...

Komm! Komm! rief er. Ich kann mich mit Hackert nicht mehr aussöhnen. Ich sehe diese gemordeten edlen Tiere immer vor mir! Ich denke mir eine wilde Jagd von Gerippen und Hackert auf diesen Gerippen ... geschleift von ihnen! Komm! Komm!

Beruhige dich! sagte Dankmar. Denke nicht mehr an diese Scene! Mach' es wie ich in Lasally's Reitschule ... Mich amüsirten die Reitstudien einiger Hypochonder, die ihren Unterleib erschüttern wollten und einigemale kopfüber ihr Gehirn erschütterten. Junge Stutzer kamen mit silbernen Sporen und den elegantesten Reitgerten; sie setzten sich auf und im Nu war aller Pli, alle Haltung, aller Übermut hin; der Mund stand ihnen ängstlich offen und zimperlicher waren sie als zwei allerliebste russische Kinder, die sich in Begleitung eines Bedienten auf den Pferden tummelten.

Russische Kinder? fragte Siegbert.

Ein junges Mädchen besonders, in Amazonentracht, war so keck, so gewandt, dass sie sich auf einem gar nicht überzahmen Pferde tummelte und während des Galoppirens auf der Bahn wie eine Kunstreiterin erhob und die halbe Bahn entlang an dem Zügel sich schwenkte und im Stehen sich aufrecht erhalten konnte. Man nannte sie Olga, die Tochter einer Fürstin Wäsämskoi.

Siegbert voll stillen Erstaunens lächelte bedeutsam ...

Warum lachst du? fragte Dankmar. Mir wurde himmelangst über das halsbrechende Manöver.

Weil ich die Kleine kenne und Rurik, ihren Bruder ... Aber fahre fort!

Ich bin mit meiner Odyssee zu Ende; sagte Dankmar. Die kleine Russin interessirte mich so lange, bis ich merkte, die Kokette könnte sich, um ihre Reitkünste zu zeigen, mir zu Liebe den Hals brechen. Da ging ich wieder in den Stall, wo mich mehre alte Bekannte, Lieutnant Aldenhoven, Rittmeister von Astern und Andre veranlassten, mit ihnen auszureiten. Ich liess bei Levi die Bitte an Lasally zurück, ihn noch heute sprechen zu können und ritt mit den Offizieren. Die Erholung war angenehm, was den Ritt und die natur, lästig, was die gespräche betraf. Die politische Reizbarkeit dieser Menschen nimmt in einem Grade zu, dass man mit ihnen nicht mehr verkehren kann. Die Entrüstung, die man über Major Werdeck, der uns heute