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meine Hohenberger Abenteuer erfährst, wirst du klarer sehen und mir vergeben, dass ich aus Liebe zu dir und zu mir selbst beschloss, diesen Gedanken ganz an der Wurzel aus unserem Herzen zu reissen und Hohenberg für einen Traum zu nehmen ....

Dankmar erwartete eine Antwort, doch schwieg Siegbert und stützte den Arm auf die harte Holzlehne des Sophas.

Nach Allem, was ich mehr gewaltsam aus Hackert herauslocken musste, als freiwillig erzählt bekam, fuhr Dankmar fort, hatte' ich mir auch eine eigentümliche Beziehung Hackert's zu Melanie zusammensetzen müssen. Er war in Schlurck's haus erzogen. Er ist plötzlich von dort entfernt worden. Man fürchtete seine Nähe und sorgte doch für ihn. Lasally, der um Melanie's Hand wirbt, mishandelt ihn. Er rächt sich durch eine scheussliche Gewalttat an seinen Pferden. Wie ich alle diese Dinge Hackerten vorhalte und mit der etwas groben Logik, die uns Juristen eigen ist, ihm auf den Kopf meine Vermutungen zuspreche, milderte sich sein trotziger Ton, legte sich fast sogar das struppige rote Haar und mit weicher stimme beginnt er: O, wenn Sie in mein Leben sähen! Wenn Sie Ihr Bruder wären, was wollt' ich nicht Alles sagen und meinen Kummer vergessen! Diese Worte rührten mich und herzlich sprach ich ihm zu, doch auch mir zu vertrauen. Mit grossem Blicke sah er mich darauf an und schwieg. Wie leben Sie? Wo wohnen Sie? Was sind Sie? fragt' ich. Indem waren wir in unsern Gesprächen in diese Gegend gekommen, und wie von einem guten Gedanken ergriffen, sagte er: Wollen Sie meine wohnung sehen? Kommen Sie! Ich bin Ihrer Teilnahme nicht ganz unwert. Ich folgte ihm und er führte mich hierher.

Ich werde eifersüchtig werden, dass du mir einen Freund abwendig machst! sagte Siegbert, die eigne Rührung nur hinter Scherz verbergend.

Hier lernt' ich nun diese Schwester, fuhr Dankmar fort, die sechs jüngeren Geschwister, Kinder zweier vor einem Jahre an der Cholera gestorbener Ältern kennen, den alten Uhrmacher, und so viel Bescheidenes, so viel Einfaches, Gutes, Sittliches, dass ich Hakkerten aufforderte, mir dasselbe Vertrauen zu schenken wie dir. Er lächelte ungläubig und sagte: Sie werden gegen mich zeugen und ein Jahr Zuchtaus ist mir wohl gewiss.

Er stellt sein Verbrechen nicht in Abrede?

Leider nein! Ja, im Gegenteil äusserte er: Es ist gut, dass ich dortin komme. Wer weiss, ob ich Lasally nicht noch einmal selbst umbringe, wie seine Pferde. Meine fragen um den genaueren Zusammenhang seiner Feindschaft gegen diesen Mann liess er unbeantwortet. Um Zeit zu gewinnen, dass er zu mir Vertrauen fasse, bat ich ihn, auf diesem Tische da am Fenster einen Brief schreiben zu dürfen. Er rückte mir Alles hin und schien ein Wohlgefallen daran zu finden, mir die Ordnung seiner Schreibmaterialien zu zeigen. Während er hier auf dem Sopha ausgestreckt lag und eine Cigarre nach der andern halb anrauchte und dann zerknittert wegwarf, schrieb ich dort den Brief an dich. Als ich ihn zusammengelegt hatte, fing er an: Und wär' es vielleicht besser, ich ginge nicht in's Zuchtaus? Muss denn Lasally Recht behalten? Ich antwortete ihm: Hackert, wie können Sie glauben, dass ich mit Jemanden zehn Minuten unter einem dach zubringen, an seinem Tische sitzen und nicht Alles aufbieten würde, um ein solches Unglück abzuwenden? Wollen Sie Das? sagte er, immer noch mistrauisch. Es ist nicht um mich, mir möchte' es doch wohl am dienlichsten sein, aber diese Menschen hier nebenan lieben mich. Die Louise macht ihren Bruder Karl auf mich zornig. Sie soll einem Andern gehören. Ich kann sie nie lieben und hasse die Weiber, fliehe wenigstens die guten; aber diese Louise liebt an mir Das, was leidlich und wenigstens besser als mein übriges Schlimmes ist. Sie will aus mir einen braven Kerl in ihrem Sinne machen, wozu ich Talent hätte, wenn ich wüsste, wozu? Ein braver Kerl! Es ist das Langweiligste von der Welt! Für mich so viel, wie Ihnen vielleicht das Wort: ein guter Bürger in's Ohr klingt. Gott verdamm' mich! Ich wünschte, ich wäre etwas Rechtesnein, nein, lassen Sie nur! Bezeugen Sie die Kugeln! Ich will in's Zuchtaus. Eine Bahn muss der Mensch haben. Menschen, die unglücklich lieben, sind Narren ... Tollhaus oder Zuchtaus!

Unglücklich lieben? Wen liebt er denn?

Er nannte seinen Gegenstand nicht. Aber was hindert mich, anzunehmen, dass es Melanie ist?

Siegbert horchte ungläubig auf ...

Erkenne auch darin einen Grund zu den bestimmten Äusserungen und Abmahnungen meines Briefes; fuhr Dankmar fort. Diese Melanie ist mit ihm erzogen worden ... Unvorsichtig genug galten Beide so lange für Geschwister, bis sie eines Tages merkten, dass sie es nicht sind. Wenn ich aus dunklen Andeutungen mir eine idee zusammensetzen darf, so glaube' ich, dass Hackert nur um Melanie aus dem haus Schlurck's entfernt wurde und mit seiner verzehrenden, krankhaften Liebe für seine ehemalige Gespielin der Familie eine Last und Qual ist.

Ich erstaune! Das hebt mir Hackerten! sagte Siegbert.

Melanie aber setzt es herab, antwortete Dankmar. Das wirst du eingestehen?

Ich fühle so etwas!

Und ich freue mich, dass du meinen Brief nicht mehr für grausam hältst.