1850_Gutzkow_030_315.txt

Mutter natur und kommt von selbst, ohne gerufen zu sein ...

Siegbert begann wirklich das Brot mit einem etwas stumpfen Messer zu "zersäbeln" und dem Braten zuzusprechen, zu dem selbst das Salz nicht fehlte ... Mit Butter war er sehr delikat. Er musste die Menschen schon sehr genau kennen, ehe er ihre Butter ass.

Dankmar begleitete seinen Appetit mit der Bemerkung:

Ich muss mir meine Hohenberger Reisebeschreibung auf günstigere Zeit aufsparen. Wozu nützt sie auch? Ist doch mit dem Namen Melanie des ganzen Witzes Spitze abgebrochen! Kommen wir darauf für's Erste nicht zurück!

Was trieb dich nur heute früh in diese Spelunke, wo wir, wenn wir's genau nehmen, auf die gemütlichste Art im Handumdrehen verschwinden können? Da nebenan jetzt ganz still ein Riegel vorgeschoben und wir sind in der Falle.

Als ich mich heute früh von dir entfernte, begann Dankmar, hatte mir der Name deiner Angebeteten einen Schlag vor den Kopf gegeben. Du weisst, was mich drängt und treibt! Du hast hundertmal gehört, dass ich einem Besitze nachjage, der unserer Familie auf die rechtmässigste Weise von der Welt gehört

Auch dieser prächtige Palast hier ist ja wohl in gewissem Sinne der unserige? sagte Siegbert spottend.

Spotte nur! Du hast ein Recht darauf! Denn aus Mismut, eine so wichtige Angelegenheit, wie die der Reclamation meines Schreins, von heute auf morgen zu verschieben, das ist nur möglich, wenn man der Romantik etwas zu tief in die verschwommenen Augen geblickt hat und sich recht gründlich über die notwendigkeit ärgerte, einem Gedanken so verführerischer Art, wie dem an Melanie, Laufpass geben zu müssen. Ich sass eben am Paradeplatz wie ein recht lächerlicher Herzenskranker

Bruder! Ich kann das Selbstironisiren seiner Gefühle nicht leidensagte Siegbert und legte das Messer fort.

Nun iss nur! Schone die Küche deines Proletariers nicht..! Ich will ernst sein. Wie ich am Paradeplatz endlich mit einem vernünftigen Entschlusse mich erhob und wegen meines Schreines zu Schlurck gehen wollte, glaubt' ich in einer Strasse einen Fremden zu entdecken, der mit seinem Sohne in Hohenberg mich ausserordentlich gefesselt hatte. Ich eile jener Strasse zu und finde im Gedränge zwar den Fremden nicht, sehe aber plötzlich Hackerten. Du musst wissen, dass ich ihn mit der Bezeichnung: Schurke oder Schuft oder einer ähnlichen Liebkosung verlassen hatte.

Und der Androhung einer Klage, die ihm Lasally anhängen wollte ...

Richtig! Wegen Pferdemordes!

Pferdemordes? Du willst mir den Appetit verderben

Wegen drei verdorbener Pferde!..

Da, Bruder, willst du den Rest dieses Bratens? Ich esse nicht mehr.

Dankmar erzählte aber im Ernst mit kurzen Umrissen diese Begebenheit und Hackert's so gut wie erwiesenen Anteil daran.

Bruder, sagte nun Siegbert wirklich erschreckt. Ich erlebe, die Tür rechts und links geht hier auf und wir werden von Männern mit langen Messern begrüsst. Die Mondsucht ist nur ein reiner Vorwand für diese eisernen Gitter ...

Doch nicht! Dass Hackert im mond wandelt, sah ich auf dem Heidekrug mit eignen Augen, es war ein Anblick, der mich und den Vater unserer Melanie tief erschütterte. Genug, die Liebkosungen Schurke und Schuft, mit denen ich Hackerten später verlassen hatte, hinderten nicht, dass ich ihm heute früh zurief, wo jener Fremde, Ackermann und sein Knabe, eben verschwunden wären? Erst gab er mir keine Antwort und wollte mich nicht kennen. Ich fing dann von seinem dir übergebenen Pfande von hundert Talern an, gratulirte ihm zu dem Sieg über sein Gelüst, auch das vierte Pferd dem Lasally zu morden und geriet darüber mit ihm in ein anfangs sehr hitziges Gespräch. Er führte mich bei Seite

Bruder! Brauch nicht so aufregende Wendungen! Bei Seite führenbei Seite bringenich möchte gern, mein Appetit käme wieder.

Gedulde dich ein wenig; er kommt ...

Hackert? sagte Siegbert und sprang halb scherzend, halb ernst auf.

Nein, nein, dein Appetit ...

Dankmar freute sich, seinen Bruder trotz Melanie und der Entsagung so scherzend angeregt zu finden.

Ich wandte mich, fuhr er fort, mit dem Pferdemörder in eine entlegenere, stille Gegend der Stadt und da erzählte er mir, dass er mit jenem Fremden und dem Knaben die Rückreise von Hohenberg gemacht. Sie hätten ihn freundlich aufgenommen und ihm Gutes getan. Gutes? fragt' ich. Was meinen Sie damit? Mich milde getragen, wie ich bin und Nachsicht gehabt mit meinen Fehlern.

Siegbert unterbrach und sagte:

Was willst du mehr, ist Das nicht eine Sprache, die sich hören lässt?

Ich kam dann, fuhr Dankmar zustimmend fort, auf die unglückliche Krankheit des Nachtwandelns. Er wich mir aus. Doch als ich ihm erzählte, wie ich ihn auf dem Heidekrug selbst in diesem Zustande beobachtet hätte, sagte er: Auf dem Heidekrug müsse Magnet in der Erde sein; dort hätte es ihn wieder getroffen, gerade in dem Augenblick, als man mir das Bild brachte. Das Bild? fragt' ich erstaunt. Denn ich muss dir gestehen, dies Bild ist mir auf die seltsamste Weise in die Hand gekommen. Darauf hin ergab sich denn jene Erzählung, die ich dir im Bilde von der Eidechse und der Katze brieflich niederschrieb. Melanie hat mir einen grossen und anerkennenswerten Dienst erwiesen, aber dabei so viel Rücksichten geopfert, dass ich ihr statt dankbar, gram wurde. Wenn du