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, sagte Siegbert, als sie wieder im Dunkeln waren, dass diese Menschen sich in der Meinung entfernen, wir wären bei Ihnen?

Louise strich an einem Feuerzeuge und zündete nun ein Talglicht auf einem blechernen Leuchter an ...

Sie sprechen so leise, sagte sie lächelnd, dass ich Sie kaum verstehe.

Werden wir hier nicht belauscht von Schmelzing?

Der ist sehr neugierig und boshaft genug, aber der glücklichste Zufall wollte, dass er schwer hört. Ich bin überzeugt, er hat sich den alten Kleiderschrank, der hier an der Tür steht, weggerückt und horcht jetzt. Aber wenn Sie nicht zu laut sprechen, bleibt ihm Alles unverständlich.

Während sich Siegbert nun in Hackert's Zimmer umsah und eine gewisse Ordnung an dem niedrigen Bett, dem schwarzbezogenen Sopha, dem Schreibtische, einem mit einem Vorhange bedeckten Kleiderriegel, eine Waschbank mit Schüssel und Seifennäpfchen, ja sogar einen kleinen Spiegel anerkennen musste, tadelte Dankmar wiederholt, dass sich Louise den falschen Schein gegeben hätte, als wären sie bei ihr.

Nehmen Sie doch Das nicht so genau! antwortete Louise. Mir ist die Freude, dass dieser alte Schleicher Hackerten nicht getroffen hat, viel mehr wert als der falsche Schein für meine person. Wir Mädchen aus den armen Ständen sind, was wir sind. Unser ganzes Leben ist dem Verdachte preisgegeben. Nur die, die in Wahrheit etwas zu verbergen haben, ereifern sich, wenn sie einmal in einem falschen Lichte erscheinen. Und dieser Alte weiss wohl, dass ich mehr für mich habe als den blossen Schein.

Wie so? fragte Siegbert. kennen Sie ihn?

Ich kenne ihn und er kennt mich. Hackert zog zu uns auf Empfehlung dieses Nachbars, des Schreibers Schmelzing, der viel bei dem Justizrat arbeitete. Auch entsann sich Hackert des alten Grossvaters, der sonst bei Schlurcks gearbeitet hatte, als noch die schöne Melanie nicht regierte und alles Altmodische wegjagte und wegräumte. Seitdem ist dieser Bartusch, Bartusch heisst er, oft hier gewesen. Er kennt jeden Winkel dieser Häuser und wuchert und presst der Armut ihre Tränen in Geld ab. Mich wundert, wie er sich so spät Abends noch in diesen dritten Hof wagt, wo Manche wohnen, die ihm das Schlimmste geschworen haben ...

Weiter liess sie sich in Erörterungen nicht ein, bat sie nun, ihr Gehen zu entschuldigen und ersuchte sie dringend, doch nur noch eine Viertelstunde zu warten. Hackert wäre gewiss ohne seine Schuld verspätet. Er käme sicher. Er hätte sich zu lebhaft gefreut auf diesen Abend. Ja sie müsse ihnen sogar gestehen, dass sie selbst heute ausgegangen wäre und Tee, gute Butter und Braten gekauft hätte, für den erwarteten hohen Besuch. Ob sie denn in der Küche nicht den siedenden Kessel mit heissem wasser bemerkt hätten?

Die Brüder gewannen jetzt erst die volle Übersicht des Zimmers, in dem sie sich befanden und entdeckten in einer dunkleren Ecke ein Tischchen mit Tassen, einer Teekanne und einem gehäuften Teller mit Braten. Daneben ein grosses feines Brot und Butter und Zucker und Messer ...

O sagte Louise, das ist zwar Alles sehr einfach und nicht besser, als es meine armen Ältern hinterliessen, die beide in der Willing'schen Fabrik arbeiteten und doch nur wenig erübrigten, um neben dem Nötigen auch für den Luxus zu sorgen. Für uns ist eine Teekanne Luxus. Und doch ist sie da und ich wünschte, da sie vielleicht nie gebraucht wurde, sie käme heute noch an die Reihe, eingeweiht zu werden und Sie sässen mit Hackerten bis in die tiefe Nacht. Bis zwölf Uhr kann man aus und ein ... und auch später noch. St! hören Sie nichts? Ich glaube, man kommt.

Damit hüpfte Louise wie ein raschelndes Mäuschen davon ...

Es war aber nur eine List, dass sie Jemanden zu hören glaubte; sie hatte nur die Absicht, die beiden jungen Männer festzuhalten.

Ihr Bruder Karl schien aber damit nicht einverstanden. Er empfing, wie die Brüder hörten, Louisen mit Vorwürfen über ihr Rumoren, ihr Spektakeln, ihre Tollheiten ...

Sie erwiderte gereizt und trumpfte ihn ab.

denke' an Danebrand! sagte der Bruder mit zorniger, lauter, fast donnernder stimme ...

Darauf war Alles ruhig ... todtenstill ...

Danebrand? Die Brüder flüsterten sich den Namen zu und sahen sich erstaunt an. Danebrand war, wie Siegbert sich erinnerte, der Name eines Maschinenarbeiters ... Ihre Situation kam ihnen, in dem spärlich erleuchteten Zimmer, hinter den Eisenstäben des Fensters, in der Nähe des zornigen jungen Karl Eisold, vor diesem kleinen Tisch mit Esswaaren und der plötzlichen Ruhe nebenan vor, wie die Verzauberung eines Märchens.

Siebentes Capitel

Caliban

Dankmar schwieg verstimmt über Hackert's nicht gehaltenes Wort.

Siegbert aber hatte, als sie sich auf das verbrauchte, harte Sopha niederliessen, so viel Humor, dass er anfing:

Es scheint, lieber Bruder, als wenn wir jetzt erst an unser Grün'sches Diner kommen! Ich habe Hunger und gestehe dir: Ich bin geneigt, dem Braten da zuzusprechen, auch ohne Tee und ohne Hackert. Aber deine Aufklärungen würden dabei das bescheidene Mahl würzen. Bin ich satt, so werde' ich auch dir noch manches Seltsame vorzutischen haben.

Iss, Siegbert! Greif zu! sagte Dankmar. Ich kann mir denken, dass dich der Herzensjammer heute von aller Befriedigung deines tierischen Menschen fern gehalten hat und nun rächt sich die verstossene