der eigentlich unser Urgrossvater ist, was wir aber nicht sagen, weil ihn die andern Leute schon den Uhrengrossvater nennen ... ja er ist auch wirklich der Pflegevater von all den Uhren, die noch nach dem alten Schlage hier und da von den Leuten gehalten werden. Von Jahr zu Jahr nahmen die alten Wanduhren ab; aber seit kurzem werden sie wieder Mode. Die reichen Herrschaften kaufen sie auf dem Trödel und lassen sie schön aufputzen und so ist's auch dem alten Väterchen da geschehen, dass sein Zöpfchen wieder seit einigen Jahren Mode wird und er manche Kunden hat, denen er alle drei Monate einmal in's Uhrgehäuse blasen darf und die Räder mit Öl gätter machen. Das bringt Holz und Licht. Die Miete rechn' ich durch Hackert und Herrn Schmelzing. Essen und Trinken ist die sorge meiner hände und dass die nicht klein ist, sehen Sie wohl an den acht gesunden Mägen, denn auch Grossväterchen hat noch Gott sei Dank Appetit trotz seiner zwei und achtzig. Kleider, Mietsabgaben, Schulgeld das verdienen die Andern. Karl, der da in dem Buch studirt, ist Maschinenarbeiterlehrling in der Willing'schen Maschinenfabrik. Das Buch da hat er wohl aus dem Handwerkerverein von heute mitgebracht. Nicht so, Karl?
Von Herrn Leidenfrost hab' ich's, sagte Karl Eisold etwas artiger als bisher.
Siegbert blickte ihm über die Schulter in's Buch und fand, dass es ein Lehrbuch der Mechanik mit Abbildungen war.
Herr Leidenfrost besucht uns manchmal Sonntags, sagte Louise zur Erklärung und Ablehnung jeder Voraussetzung einer nähern Bekanntschaft mit studirten Herren.
Siegbert ergänzte, dass er ihn kenne, worüber Louise eine aufrichtige Freude empfand, da ihr Bruder Karl sich seines besonderen Schutzes erfreue und Herr Leidenfrost bei Herrn Willing Alles vermöge ...
Nun, unterbrach Dankmar, Sie sind aber noch nicht fertig in Ihrem Staatshaushalt. Miete, Holz, Licht, Essen, Trinken ist da ... aber ... da bleibt noch Manches übrig.
Die Kleinen da verdienen auch schon; sagte Louise. Wilhelm und Karoline gehen Vormittags in die Schule, essen dann rasch und von zwei Uhr verdienen sie.
Womit? Wenn wir fragen dürfen?
Sie sind in einer Druckerei beschäftigt, die grosse Zeitungen druckt. Bis sechs Uhr legen sie die frisch gedruckten Zeitungen und bis neun Uhr Abends tragen sie sie aus. Im Winter, wenn der Schnee die Posten aufhält, müssen sie oft noch um elf Uhr herumtrollen, die armen Tröpfe, aber was hilft's! Die Kaufleute und die Gelehrten wollen wissen, wie's in der Welt aussieht und wenn sie noch so verschneit ist. Die drei Jüngsten endlich verdienen auch ihren teil ...
Was? riefen die Brüder erschrocken.
Louise lachte und sagte:
Ja! Ja! Riekchen verdient, wenn sie mir Garn wikkelt, Heinrich, wenn er hübsch artig ist und Hannchen, das dreizehn Monate alte kleine Schwesterchen, das ich nach dem tod der Mutter mit Milch aufziehe, durch sein gutes Gedeihen und frohes Lächeln. Auch Das muss mit arbeiten. In Freude und Sonnenschein gedeiht ja Alles besser. Aber ... Vergeben Sie mir! Herr Hackert! Wo bleibt er nur! Und ich kann Ihnen keinen Stuhl mehr anbieten, ausser den da vom Karl! Steh doch auf, Karl!
Lassen Sie, liebe Louise, sagte Dankmar. Wir sehen, Sie wollen Alle zur Ruhe gehen. Hackert hat nicht Wort gehalten. Wir gehen und wünschen Ihnen eine gesunde, stärkende gute Nacht!
Nein, nein, begann Louise mit Ängstlichkeit, Das darf ich nicht; ich kann Sie nicht fortlassen. Herr Hakkert kommt sicher sogleich. Sie glauben nicht, wie er sich auf Sie und den Herrn Bruder heute freute. Ach, es ist mir, als wenn ihm ein Unglück droht, das Sie vielleicht abwenden können! Wie Sie heute bei ihm drinnen schrieben und er so ruhig neben Ihnen auf dem alten harten Sopha lag, das wir ihm doch noch hineinstellen konnten, da war ich recht froh, dass ein guter Geist über ihn gekommen schien ...
Nehmen Sie denn so warmen Anteil an Ihrem Mieter? fragte Siegbert.
Sollte es nicht jede Seele, die ein Herz in der Brust hat? war die Antwort. Gibt es unglücklichere Menschen, als die in der Nacht wandeln.
Siegbert sah Dankmarn erstaunt an.
Hackert ist somnambul! sagte Dankmar zum Bruder. Die eisernen Stäbe, die dir auffielen, sind nicht ohne Absicht vor seinen Fenstern.
Siegbert konnte sich kaum über diese Mitteilung zurechtfinden. Er fragte voll innigster Teilnahme, wie lange Hackert an diesem Übel litte, wann man es zuerst bemerkt hätte, wie und wo? Der lebendige Anteil, den er seit dem Nachmittag in Tempelheide an Hackert nahm und den nur die Mitteilung Dankmar's von heute früh, Hackert verdiene seine gute Meinung nicht, etwas wankend gemacht hatte, gab sich in so lebhaften fragen wieder kund, dass Dankmar ihn an die notwendigkeit erinnern musste, diese des Schlummers bedürftige grosse und kleine Welt sich nun allein zu überlassen.
Louise aber widerstand seiner Absicht zu gehen auf's bestimmteste. Sie verriet dabei einen Anteil an Hackert, der über das allgemeine Mitleid wegen seines körperlichen Zustandes hinauszugehen schien.
Sie haben Recht, sagte sie, lassen Sie diese schlummern! Aber ich mache Ihnen den Vorschlag, treten Sie in sein Zimmer selbst so lange ein, bis er kommt.
Es ist verschlossen;