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Züge waren von einer in solchem stand seltenen Feinheit und Regelmässigkeit.

Nase, Kinn, mehr spitz als rund, aber so anmutig, dass den Lippen mehr Frische, dem Auge mehr unternehmendes Feuer, dem blonden Haare eine etwas dunklere Färbung zu wünschen gewesen wäre, um die wirkung dieser gefälligen Erscheinung noch blendender hervortreten zu lassen. Ein leichtes Kattunkleid, bis oben geschlossen, umgab die im Widerspruch mit dem zarten, wohl etwas abgehärmten und erschöpften Gesicht stehenden volleren und runden Formen des Körpers. Das volle, hellblonde Haar war in einen einfachen Scheitel gekämmt und trug nur den einzigen Schmuck eines schwarzen Sammetbandes, mit dem hinten die Flechten zusammengehalten waren. Dies Band erschien fast wie ein letzter Rest von äusserer Trauer, die in der Tat diese sieben Kinder erst vor wenigen Monaten abgelegt hatten. Die böse Seuche der Cholera hatte ihnen in Zeit von wenig Stunden Vater und Mutter geraubt, die Enkel des alten Uhrmachers, der demnach eigentlich der Urgrossvater dieser armen Waisen war.

Aber wo werden denn all' die übrigen Geschwister schlafen? fragte Siegbert, den der Einblick in diese Welt der Entbehrung rührte.

Da werden Sie erstaunen, sagte Louise und räumte in Eile die Näpfe und die Schüssel und Teller vom Tisch, bedeutete auch im Vorbeigehen dem kleinen Heinrich, dass er viel zu viel Brot auf die Nacht ässe und sich's gegen ihre erlaubnis schon wieder selbst genommen hätte ... Es ist nicht wegen des Brots, aber er schneidet sich noch einmal in die Finger, der kleine Nimmersatt! sagte sie, im Gegensatz zu dem arzt, der sich hier doch wohl der Skrophelkrankheit wegen würde umgekehrt ausgedrückt haben.

Dabei zog Louise Eisold aus einem alten Sopha, das der Tür ziemlich nahe stand, eine untere Schublade hervor und siehe! diese entielt ein vollständiges Bett. Dann ergriff sie nacheinander vier Stühle und stellte sie in der Mitte des Zimmers so auf, dass für den Besuch nicht mehr viel Raum übrig blieb. Nun hüpfte sie hinter ihren Bettschirm, brachte einen grossen Strohsack geschleppt, bei dessen Transport sie jede Hilfeweil sonst nur etwas könnte irgendwo gestossen werden, sagte sieablehnte und zwei Breter. Die Breter legte sie auf die vier Stühle, auf diese Unterlage warf sie den Strohsack, legte eine leinene Decke darüber, ein breites Kopfkissen, eine Decke, und hatte somit wieder für zwei Personen gesorgt. In der Küche schläft, sagte sie, mein ältester Bruder dort, der unhöfliche Mensch, der über seinen Büchern Artigkeit und Schlaf vergisst. Hier hinten Grosspapa, ich, Linchen und Hannchen; sind fünf. In der Bettlade da Heinrich und Wilhelm; sind sieben. Hier auf den Stühlen Riekchen, die die müdeste ist mit Wilhelm, dem armen Läufer und daher auch ein Bett für sich allein hat. Sind unserer acht, wie uns der liebe Gott wunderbar zusammengelassen hat, als Vater und Mutter an der schrecklichen Seuche vor fast einem Jahr hinübergingen.

Der alte Eisold schlug wieder an auf einer seiner Uhren und da er wohl halb zuhörte, gab er auch acht Schläge und seufzte ... Sein Zopf war nun ausgelassen ... Riekchen stieg vom Schemel herab und liess offen das ehrwürdige weissgelbe Haar des alten Mannes sehen, der jetzt halbtaumelnd aufstand, von Karl geführt wurde und ohne sich im mindesten um seine Umgebung zu kümmern, hinter dem Bettschirm verschwand.

Siegbert gedachte beim Schlagen der Uhr jenes Sensenmannes bei Rudhard und fühlte an einem Schauer, der ihn überlief, dass der Tod hier nahe sein musste ...

Dass Ihr Beruf der eines Engels ist, der über Geschwistern wacht, sagte Dankmar zu Louisen, sehen wir wohl! Aber was treibt denn der fleissige Leser dort, der den Grosspapa zu Bette bringt und die Uhren da an den Riegel henkt und wovon ist Wilhelm so ermüdet?

O, antwortete Louise, die Betten auflockernd und ausglättend, schon wieder Engel! Ich kann die Ehre und Gnade, ein Engel zu sein, noch nicht annehmen. Die Engel im Himmel, nicht wahr, Heinerchen (sie zog den kleinen Heinrich aus) das wissen wir schon, die haben hier genug herum zu fliegen mit ihren goldenen Flügelchen und uns auf das nächste Christbäumchen zu vertrösten, das wir uns trotz unserer Armut doch nicht entgehen lassen. Wir müssen arbeiten. Da sehen Sie meine Tapisserie am Fenster! Aber es ist zu dunkel. Ich nehme, wenn Grossvater zu Bett ist, seine Lampe und sticke noch bis zwölf Uhr. Die Arbeit drängt ... Sie ist für eine Braut.

Die Vergleichung mit einem Engel hatte ihre Überlegung so in Anspruch genommen, dass sie Dankmar's eigentliche Frage überhörte.

Siegbert aber gedachte des Gedichtes, das er für Louis Armand übersetzt hatte, und der letzten Strophe:

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!

Juwelen hast du und die Tugend noch!

Kannst deine feuchten Perlen fallen sehen

Auf's Kleid der Braut, das deine Finger nähn!

Bist reich wie sie – o Gott, nun weinst du doch!

Wie, dachte' er, wenn dies das Mädchen wäre, dem Louis Armand das Gedicht gewidmet hatte und Max Leidenfrost, der mich auf sie aufmerksam machte, Nichts von dieser Bekanntschaft wüsste! Aber er hätte nicht einmal gewünscht, dass Armand's greller schmerzlicher Seufzer in der Brust dieses in ihrer Entbehrung glücklichen Mädchens niedergelegt wurde, das in der unbefangensten Stimmung, als er schon die Frage nach Max Leidenfrost auf den Lippen hatte, fortfuhr:

Der Grossvater,