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ein Besen, ein Zuber, ein Eimer und eine Waschbank davor und eine Tür rechts führte in das grosse Wohnzimmer.

Dies grosse Zimmer war nun allerdings sehr geräumig und musste es sein; denn nicht weniger als acht Menschen waren darauf angewiesen, hier zu wohnen und teilweise auch zu schlafen. Das Zimmer hatte drei Fenster, von welchem zwei geöffnet waren und die kühlende Abendluft der hintern Aussicht hereinliessen, eins aber war verhängt und durch eine Schirmlampe beleuchtet. Hier war Nacht, an den beiden andern kleinen Fenstern noch leidlicher Tag.

An dem beleuchteten Fenster sass ein alter Mann, der auf einem Tische vor sich zwei oder drei alte Uhren, in der Weise der Schwarzwälder Uhren, aber viel grössere und unförmlichere, stehen hatte, in denen er mit einer Fahne von einer Feder die Gänge und Triebräder vom Staube rein kehrte und dann und wann die Uhren schlagen liess. Ein kleines Mädchen von vielleicht fünf Jahren stand hinter ihm auf einem Fussschemelchen und löste ihm einen kleinen weissgelben Zopf auseinander.

Der nach dem uralten, wie abgestorben scheinenden Greise älteste männliche Bewohner dieses Raumes, ein junger Mann von vielleicht funfzehn Jahren, sass neben ihm und benutzte das ihm zuschimmernde Lampenlicht, um in einem mit matematischen Zeichnungen ausgestatteten buch zu lesen. Kaum blickte er zu den Besuchern, die er ungern zu sehen schien, empor.

Auf einem Tisch am zweiten Fenster standen mehrere, wie es schien eben geleerte Näpfe, in denen Suppe gewesen schien; denn noch stand ein Rest davon in einer grossen irdenen Schüssel in der Mitte des Tisches. Ein Laib groben Brotes mit einigen blankgeputzten Messern lag daneben. Eben streute sich ein winziges Bübchen von vielleicht drei Jahren auf ein Stück Brot aus einem Salzfasse dicke Körner Salz, um es mit dieser Delikatesse schmackhafter zu machen.

Am dritten Fenster sah man einen grossmächtigen aufgespannten Stickrahmen, der auf zwei Stühlen lag. Daneben ein Tischchen mit allerhand bunter Wolle, Schachteln mit weisser Baumwolle, Zeichnen- und Stickmuster und kleine violette englische Quadrat-Papiere mit feinen Nähnadeln.

Ausser dem alten Uhrmacher mit dem Zopfe bezeugten alle Anwesenden den eintretenden Herren eine Art Aufmerksamkeit, bei der jedoch die Überraschung und Schüchternheit die Höflichkeit milderte. Das freundliche Guten Abend! der Brüder wurde nur von einer einzigen wohltönenden unsichtbaren stimme erwidert, die hinter einem Bettschirme hörbar wurde, der in einer Ecke des Zimmers stand.

Ich wundere mich, lauteten die angenehmen Worte vom Bettschirme her, ich wundere mich, dass Herr Hackert noch nicht zu haus ist. Er wollte doch präzis um neun Uhr da sein. Es muss doch schon halb zehn geschlagen haben.

Dabei schlug es an einer der drei Uhren, die der alte Eisold reparirte, mit zwei Schlägen ... Bim! Bim!

Es tut uns leid, sagte Dankmar, Sie zu stören, während Sie wahrscheinlich schon Alle an's Schlafengehen denken.

Ich noch nicht, sagte die Unsichtbare und die Gro

ssen auch noch nicht. Grossvater geht zu Bett! Die Kleinen haben auch schon den Sandmann im Auge.

Gewiss bringen Sie da hinten Ihr kleines Hannchen

zur Ruhe.

Ach, das schläft schon mit den Vögelchen ein, aber

es ist recht unruhig heute, wacht leicht auf und da hab' ich's einwiegen müssen und ihm ein paar Löffel warmer Milch gegeben ...

Darf man denn wohl einmal hinter dem Vorhang die

Bescherung sich ansehen? Ich bringe meinen Bruder mit! Der malt gern die kleinen Engelsköpfe ...

Nicht Engelsköpfe, sagte die stimme bedenklich.

Kinder soll man nicht Engel nennen, sonst sterben sie ja.

Sind Sie so abergläubisch, fragte Dankmar, wäh

rend die Uhren einen dreifachen Refrain gaben: Bim! Bim! Bim!

Wo der Aberglaube nützlich ist und wie hier vor

Eitelkeit schützt ... lautete die Antwort.

Darf ich näher? sagte Dankmar.

Nein, nein! hiess es hinter dem Schirme; dies ist ei

gentlich ein Zimmer ganz für sich. Der Kreidestrich da gilt für die Tür. O wenn wir's genau nehmen, haben wir eine zwar recht hohe, aber doch ganz vornehme wohnung. Freilich geht der Eingang durch die Küche! Aber wir haben eine Küche, die auch zugleich Schlafzimmer ist, hier hinter dem Bettschirm ist mein, Grossvaters und meines kleinen Hannchens Schlafzimmer, hinter dem dunkeln Fenster ist Grossvaters Werkstatt, am zweiten Fenster unser Esszimmer, am dritten mein Arbeitszimmer. An der Tür, wo Sie stehen, müssen wir leider unsere Besuche annehmen, das ist unser Besuchzimmer und dabei sind wir so im Überfluss an Raum, dass wir doch noch an Herrn Hackert und Herrn Schmelzing zwei Zimmer vermietet haben. Was sagen Sie zu all' dem Reichtum?

Die Uhren schlugen zusammen, als wenn ein Dirigent gerufen hätte:Tutti!

Die Sprecherin kam zum Vorschein. Mit beiden Armen hielt sie die Öffnung zwischen der Mauer und dem einen Ende des Schirmes zu; denn Dankmar wollte eben dennoch Siegberten an die Wiege führen.

Als sie aber im Dämmerlichte bemerkten, dass hier noch zwei Betten und ein sehr weisses und sauberes stand, das wohl schon für die Sprecherin selber aufgedeckt war, zogen sie sich zurück und beobachteten nun bei halbem Sternen- und halbem Lampenlicht das junge Mädchen, das die Mutter aller dieser Kinder schien, aber in Wahrheit nur die ältere Schwester war.

Louise Eisold mochte nicht viel über achtzehn Jahre zählen. Es war eine blasse, wie verklärte Erscheinung, der man sogleich ansah, dass ihr diese heitere Plauderei nicht ganz natürlich kam. Die