Weinlaub bedeckte. Vor den untern Fenstern waren grosse Blumentöpfe und Rankengewächse in Kästen aufgestellt, auf deren einem gerade eine Katze lag, die mit funkelnden Augen hier wahrscheinlich das Schlafzimmer der herrschaft hütete. Der Eingang des Hauses nach vorn war geschlossen, aber hinterwärts, von dem Eingange zur Küche her, fanden sie eine offene Tür und unter ihr eine Magd sitzend, die hier auf der Schwelle ebenfalls eingeschlafen war, vom Lärm der in ihren Hütten festgeschlossenen Hunde aber nun erwachte. Als sie die Augen aufschlug und die Fremden erblickte, griff sie rasch nach einem glänzenden gegenstand, der in ihrem Schoosse lag und ihr entfallen schien. Es war ein neuer blanker Taler. Wie sie sich besann und ihr Geldstück in Sicherheit gebracht hatte, sagte sie den Ankömmlingen, dass dies der Heidekrug, ihr Herr, Herr Justus, der Heidekrüger wäre. Oben fänden sich Zimmer genug und kalt essen könnten sie auch noch und wie sie wohl oben am lauten Sprechen im saal hörten, auch Gäste fänden sie noch. Der Herr, dem der Wagen da unten gehöre, wolle noch heute weiter, um mit Sonnenaufgang in der Residenz zu sein.
Ja, ja, sagte sie etwas polternd, bei uns geht's bunt her! Hier machen wir die Nacht zum Tage und die Tage zur Nacht. Wir sind hier Alle überstudirt!
Hackert hatte bereits den von der verdriesslichen, aber rührigen "überstudirten" Magd erwähnten Wagen der oben befindlichen herrschaft bemerkt. Er stand auf der andern Seite des Hauses, bereit zum Vorfahren. Ein Kutscher in Livree sass eingehüllt in einem leichten Staubmantel auf dem Bocke und schlief.
Wem gehört der Wagen? fragte Dankmar, die Livree des Schlafenden ins Auge fassend.
Einem prächtigen Herrn aus der Stadt, sagte die Magd. Er ist erst drei mal auf dem Heidekrug gewesen, und ich denke, wenn er öfter kommt, werden die Leute nicht mehr sagen: Auf dem Heidekrug wird die Milch schon in der Kuh sauer.
Sagen Das die Leute?
Ja, Herr, ich weiss nicht, ob Sie ein Studirter sind. Aber ich denke immer, der Bauer soll dem Herrn Pastor das Latein lassen. Die Ochsen lernen doch im Leben kein Hebräisch ...
Wenn sie nicht an Moses und die Propheten verpfändet werden ... fiel Dankmar lachend ein. Wenn ich hier wirklich auf dem Gute des Heidekrügers Justus bin, so merk' ich fast, das Gesinde teilt nicht die leidenschaft seines Herrn für Politik ....
Die Magd hörte nicht. Sie war hinterher, ein Licht anzuzünden und den Ankömmlingen hinaufzuleuchten in die Zimmer, die sie ihnen anweisen wollte.
Dankmar beobachtete Hackert, der sich inzwischen mit scheuem Blicke dem eleganten Reisewagen genähert hatte und prüfend vor ihm stand und vor sich hin murmelte:
Neumann! Bei Gott, er ist's! Es ist Neumann.
Was murmeln Sie denn? kennen Sie den Wagen?
Hackert zeigte auf die Chiffre am Schlage.
Man musste nahetreten, um sie in dem nur sternenhellen Dunkel zu erkennen.
F.S. Nicht wahr? sagte Dankmar.
F.S. wiederholte Hackert bestätigend und gab die Erklärung:
Franz Schlurck.
Meinen Sie wirklich? Der Justizrat Schlurck? Der Kutscher schläft. Wir wollen die Magd fragen. In dem Falle bleib' ich noch auf. Ich hätte Lust, den berühmten Juristen kennen zu lernen.
Hackert schwieg. Er war nachdenklich vor dem Wagen wie festgebannt, streichelte die Pferde und lachte mit einem eigenen, fast schwermütigen Ausdrucke in sich hinein.
Kommen Sie mit hinauf, Hackert! hören Sie nur, wie man noch die Gläser anstösst! Es ist mir, als dränge bis hierher ein duftender Punschgeruch. Essen wir in der lustigen Gesellschaft oben zu Nacht und stossen wir fröhlich mit den Fröhlichen an!
Hackert hörte nicht. Er stand wie abwesend vor den Pferden und streichelte sie. Diesen tat der nächtliche Gruss wohl. Die prächtigen Tiere schnaubten leise und reckten die Ohren. Hackert aber fuhr ihnen sanft über die Mähne. Da strichen die Rosse die Hufen auf dem Pflaster und schlugen die langen Schweife in die Höhe. Die Mähnen der Tiere bewegten sich unruhig und ihre dunkeln grossen Augen blinzelten in der Nacht ganz geheimnissvoll, als wollten sie sagen: Sieh da, Hackert, wir kennen dich, warum sehen wir dich nicht mehr?
Gute Nacht! sagte darauf Hackert, der alles Dies nachzufühlen schien, und wandte sich dem Stalle zu.
Die mit dem Lichte wartende Magd, drängend und freundlich gestimmt, bemerkte:
Ei kommen Sie doch. Es sind oben auch Zimmer für die Kutscher!
Geh' Sie zum Henker mit Ihrem Kutscher! sagte Hackert und schlenkerte die müden Glieder dem Stalle zu, wo er, auf Dankmar's Nachruf nicht hörend, rasch und gleichgültig verschwand.
Er will im Stalle schlafen, sagte die Magd. Es ist besser, er ist bei Ihrem Pferde. Dem Dietrich bekommt's nicht, wenn der gute Herr oben bei uns zu oft einkehrt.
Zahlt der immer so gute Trinkgelder?
Er will nur, dass Alles lustig ist, gibt gleich Wein und Geld und unsern Herrn wechselt er auch ganz aus. Kommen Sie! Ich geb' Ihnen ein gutes Zimmer und gehen Sie getrost noch in den Saal.
Nun gut! sagte Dankmar. Etwas kalte Küche! Braten, Wein, wenn man ihn haben kann! Dann mach Sie's Bett! Ich will noch einen Augenblick in den Saal treten.