rechts soll nichts taugen, obgleich sie sich für Hackert's Freund ausgibt und die Veranlassung ist, warum er hier wohnt.
Indem waren die Brüder oben. Dies Stockwerk, sahen sie wohl in der Dämmerung, war nicht so vollständig wie die andern. Links von der Treppe lagen wohl noch dieselben Zimmer wie unten, aber schon Dachzimmer, rechts ging die Galerie nur halb in den Hof hinaus. Die andere Seite war ein Dach. Die Fenster gingen hier auf diese Galerie alle selbst hinaus und wie sie ihre morschen, durchsichtigen Bretter betraten, fiel Siegberten eine mit einer Zahl bezeichnete Tür auf, die mit zwei mit Eisenstäben vergitterten Fenstern zu einem einzigen Zimmer zu gehören schien.
Hier ist ja ein gefängnis, sagte Siegbert.
Nein, antwortete Dankmar leise, das ist Hackert's wohnung ... Aber, ich sehe kein Licht. Sitzt der im Dunkeln oder hält er nicht Wort?
Indem klopfte Dankmar an diese Tür, die Nr. 86 bezeichnet war, und klinkte am Drücker. Das Zimmer war verschlossen.
Da haben wir eine beschwerliche Wanderung umsonst gemacht! bemerkte Siegbert, dem dieser Schluss eines so aufgeregten Tages fast humoristisch vorkam.
Vielleicht könnte man gleich bei Nr. 87 vorsprechen, flüsterte Dankmar und auch ohne Hackert die Scene erleben, die ich dir eigentlich bescheren wollte.
Du machst mich neugierig, sagte Siegbert. Vielleicht öffnet sich eine dieser Türen und wie in "Tausend und eine Nacht" sind wir statt in einer Höhle plötzlich in einem wunderschönen Feenpalast.
Romantiker! sagte Dankmar lächelnd und pochte jetzt so nachdrücklich an Hackert's Tür, dass aus Nr. 85 ein spitznasiger, bebrillter Kopf herausschoss, ein wahres Original zur Carricatur eines Schreibers.
Ah, Herr Schmelzing! grüsste ihn Dankmar. Ich störe Sie doch nicht schon im Schlafe? Herr Hackert nicht zu haus?
Herr Schmelzing war eben auch erst wieder nach haus gekommen, voll vom Herrn Oberkommissär, der ihm sein besonderes Vertrauen schenkte und stand in Hemdärmeln. Rasch fuhr er wieder in sein Zimmer zurück und kam nach einer Secunde in einer grünen Jacke mit einem grossen grauen befestigten Dintenärmel am rechten Arm heraus. Er hielt ein Licht, das seine Glotzaugen, seine stumpfe kleine Nase, den zahnlosen Mund, die endlose Stirn, das tierische Kinn noch mehr illustrirte.
Ganz gehorsamster Diener, meine Herren – Herr Hackert? Ei ich meine doch –
Damit drückte Herr Schmelzing auf die Klinke der Tür seines Nachbars.
Nein, sagte er dann erstaunt und überrascht von diesem späten Besuche seines Nachbars, Herr Hackert sind nicht zu haus; kommen manchmal etwas spät. Wünschen Sie vielleicht zu warten, meine Herren! Woher hab' ich die Ehre Ihrer Bekanntschaft, meine Herren?
Die saubere Aufschrift Ihrer Tür, Herr Schmelzing, die ich heute' früh schon gelesen habe: Herr Schmelzing, Privatschreiber; nicht so?
Schmelzing stand als wenn er diese Worte nicht verstanden hätte.
Dankmar unterstützte sie durch einen Fingerzeig auf die Tür.
Schmelzing wandte sich nun erst an seine eigene Tür Nr. 85 und las den Zettel, gleichsam als wenn er ihm unbekannt wäre.
Ja wohl! Privatschreiber! Aber auch Herr Hackert sind ein Meister in diesem Fache. Wünschen Sie vielleicht unsere Dienste im Kalligraphischen? Ich schreibe für viele der Herren Advocaten – auch dichterische Erzeugnisse -Rollen für die Herren vom Teater – wünschen Sie vielleicht einen Auftrag ausgeführt?
Während Schmelzing seine Dienste unterwürfigst anbot, hatte sich aber schon die Scene verändert.
Hier und da trieb die Neugier über das späte Lautsprechen auf der Galerie des dritten Stockes jene Gesichter zum Vorschein, die schon an der Eingangspforte Siegberten so unheimlich erschienen waren. Auch Frauen in Hauben oder aufgelösten Haaren fehlten nicht. Letztere mehr hexen- als lurleiartig. Die angenehmste Vermehrung der Gesellschaft war aber aus Nr. 87 ein kleines Mädchen, das wir schon kennen, Linchen Eisold, zu der sich sogleich auch Wilhelm, ihr kleiner Bruder, gesellte. Dieser war schon ziemlich verschlafen und gähnte so laut, dass es fast auf der Galerie ein Echo gab. Jene aber knixte gar anmutig und sagte gewandt und höflich, ob die Herren nicht näher treten wollten; Herr Hackert würde gewiss gleich kommen.
Das ist nun gerade, was ich dir gönnen wollte! flüsterte Dankmar und schob Siegberten eine Tür weiter.
Gute Nacht, Herr Schmelzing, rief er dann sehr laut (denn er hatte schon weg, dass Herr Schmelzing wohl etwas taub war), entschuldigen Sie die Störung!
Dieser mit halb geöffnetem mund und dem nachdrücklichsten und höflichsten: Bitte, keine Ursache! das ihm aber doch vor Neugier zwischen den fahlen Lippen halb stecken blieb, sah den jungen Männern kopfschüttelnd nach, wie sie unter der Tür Nr. 87 sich bückend verschwanden. Alle Augenblicke machte er sich später auf der Galerie etwas zu schaffen, um zu hören, was in Nr. 87 vorging, einer wohnung, die jedoch nur eine kleine Küche mit einem Fenster auf die Galerie hinausgehend hatte. Des Hauptzimmers Aussicht ging hinterwärts in ganz andere Höfe hinüber.
Der Raum, den Siegbert und Dankmar anfangs in Nr. 87 um sich hatten, war nicht grösser, als dass er für etwa acht Menschen, die dicht nebeneinander standen, ausgereicht hätte und doch stand hier erstens ein Feuerherd, zweitens ein Küchenschrank, drittens ein Bett mit einer Menge geringfügiger Gegenstände, die alle Platz haben wollten. Eine Tür links führte zu Hakkert's Zimmer; doch stand zum Zeichen, dass sie ignorirt wurde,