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? Und sprach sie von mir?

Sie sprach von dir.

Nun ...?

Ich entdeckte und erlebte ohne dich heute so Manches, dass ich dir in geeigneter Umgebung ausführlich davon reden muss. Soviel aber beobachtete ich doch fast, dass du nicht nötig gehabt hättest, weil mir jene Quelle nicht rinnen wird, dir sie selbst zu trüben.

Zu trüben Bruder? Doch! Recht umgewühlt hab' ich sie! Recht das Unterste zu oberst gebracht! Es muss so sein. Trinke nun daraus, wer mag!

Siegbert seufzte und fuhr, sich im Dunkeln umsehend, fort:

Was tun wir hier? Was sollen wir bei Hackert, den du mich so zu verabscheuen gelehrt hast? Glücklicherweise habe ich sein Geld bei mir!

Pst! sagte Dankmar und sah' sich um, als hätte er bei Erwähnung des Geldes etwas wispern hören.

Dann fuhr er fort:

Ich bin diesem zweideutigen Menschen heute doch näher gerückt und hab' ihn zu meiner Freude in einer guten, mir aus Interesse an der menschlichen Seele doppelt werten Stunde gefunden. Bei ihm schrieb ich den Brief an dich. Den Nachmittag verwandte ich darauf, Lasally zu bewegen, von einer Klage gegen Hakkert abzustehen, worüber ich diesem heute Abend denn meinen Bericht abstatten wollte. Da ich zugleich die gelegenheit benutzen mochte, dich in eine rührende, deinem Geschmacke entsprechende Familienscene einblicken zu lassen, so beschied' ich dich um neun Uhr selbst hierher. Wir finden im dritten Hof, drei Treppen hoch, Hackert, dem ich leider keine gute Nachricht über Lasally bringen kann. Hoffentlich fühlt er sich aber dadurch nicht zu verstimmt, mir sein Leben zu erzählen, was er mir heute früh versprochen hat. Also du hast sein Geld bei dir?

Ich hab' es, sagte Siegbert leiser, sah sich um und fasste an seine Brust; denn die verdächtigsten Gestalten drängten sich jetzt durch die enge Hausflur an ihnen vorüber: Bettler und Arbeiter der niedrigsten Klassen, die unheimlichsten Figuren ...

Bruder! sagte Siegbert flüsternd. Hier scheinen alle Sträflinge, die heute Abend entlassen wurden, ihr Quartier zu suchen. Welche Dünste in dieser Strasse! Und hier der gang fast zum Ersticken so schwül!

Das eben war es, was ich dir zeigen wollte und ich weiss, für einen blick in das Innere dieser alten räucherigen Wände wirst du mir dankbar sein. Komm, wir wollen jetzt versuchen, ohne uns den Hals zu brechen, in Hackert's wohnung zu gelangen.

Damit schritten die beiden jungen Männer einem Abendlichtschimmer zu, der aus dem ersten hof noch spärlich auf das äusserste Ende dieses Ganges hereinbrach ...

Frau Mullrich erhob jetzt ihr mumienartig getrocknetes Haupt. Sie hatte zwar sehr viel Worte gehört, sehr viel Namen deutlichst verstanden, musste sich aber doch gestehen, dass diese Unterredung etwas hoch war, etwas zu schwunghaft für ihren niedrigen Kellerhorizont. Dennoch hatte sie Namen, wie Melanie, Hackert, Grün's, Lasally ganz deutlich behalten, sogar von Geld etwas unwiderruflich vernommen und auf Bartusch's nähere Angabe der Fährte, auf die er sie bringen konnte, hoffte sie schon, sich noch weiterer Dinge zu entsinnen aus diesem Dialoge, den sie für sich hoch, näher bezeichnet "studirt" nannte. Sie zündete wieder ihr Dreierlicht an, dessen rasches Ausblasen einen abscheulichen Gestank verbreitet hatte, kehrte zu dem in einen Schuh zu verwandelnden Pantoffel zurück und dachte: Wenn es nur erst zehn Uhr schlägt, dann hab' ich Alles in der Falle und Keiner kommt heraus oder herein, der hier nicht Stand, Namen und sein Anliegen zu sagen weiss.

Die beiden Brüder hatten nun inzwischen schon glücklich die beiden ersten Höfe hinter sich und tappten im dritten eine schmale, finstere Stiege hinauf, die unmittelbar von dem hof in die obern Wohnungen führte. Bei dem ersten Absatz zeigte Dankmar seinem Bruder die hier beobachtete architektonische Einrichtung. Von der Treppe links hinaus ging immer ein langer dunkler Corridor um zwei Schenkel des Vierecks herum, das den Hof bildete und alle Zimmer lagen mit ihren Türen auf diesen Corridor hinaus, mit den Fenstern in den Hof. Dass und wie die Zimmer numerirt waren, konnte man der Dunkelheit wegen nicht mehr erkennen. Rechts von der Treppe ging eine offene Galerie hinaus um die beiden andern Seiten jenes Vierecks, das den Hof bildete. Hier auf dieser zerbrechlichen Galerie sah man wiederum eine Menge Türen, die alle zu abgesonderten, meist nur aus einem Zimmer bestehenden Wohnungen führten, deren Fenster grösstenteils auf die Galerie hinausgingen. Dieselbe Einrichtung wiederholte sich auf der zweiten Treppe.

Schade, sagte Dankmar, dass die Furcht vor Diebstahl alle Lumpen, alle Wäsche, Betten und Gerätschaften von den Galerien für den Abend entfernt hat. Am Tage war Das heute ein schönes Durcheinander! Jetzt ist Alles ängstlich hineingenommen, da hier wohl kein Nachbar dem andern traut.

Wie Siegbert nun dem Bruder in den dritten Stock nachkletterte und er an einem dicken, durch das viele Angreifen seifenglatt gewordenen Tau sich mehr schwankend hinaufwinden musste, als sicher gehen konnte, wurde ihm die Erinnerung an einen Menschen, der hier wohnte, in diesen Höhlen des Elends, und ein Packet von hundert Talerscheinen auf die Strasse hatte werfen können, so unglaublich, dass er Dankmar'n darüber flüsternd sein Befremden ausdrückte.

Still! wisperte dieser. Nichts von Geld hier gesprochen! Wenn du ihm seine Summe einhändigst, tu' es stillschweigend. Die Nachbarschaft nach links von ihm ist ehrlich, aber die nach